Zeitung Heute : Die Leichtigkeit des Unrechts

Der Tagesspiegel

Von Wolfgang Brüser

1. Dat bliev unger uns!

Wir schwanken zwischen Depression und vaterstädtischem Stolz. Köln in aller Munde, landauf, landab. „Ihr Klüngler!“ springt es uns an. Soll wohl weh tun, tut es aber nicht; denn „Klüngel“ ist Musik in kölschen Ohren; denn „Klüngel“ ist Folklore. So wie der Rosenmontagszug, mit dessen Bildern die Tagesthemen den Spendenskandal bildlich unterlegen, wohl in der Absicht, eine Karikatur von „colonia corrupta“ zu entwickeln. Pardon, aber da fühlen wir uns nicht hinreichend ernst genommen. Karneval, Kölsch und Klüngel, das ist das eine, Korruption das andere. So viel Ordnung muss sein; auch in Köln, der nördlichsten Stadt Italiens.

2. Do hammer all jet von!

Wenn schon Klage erhoben wird, dann bitte auch korrekt und bloß keine Verniedlichung. Kölner Patrioten legen Wert auf die Feststellung, dass der SPD-Fraktionsvorsitzende Norbert Rüther nicht geklüngelt hat. Solch eine Leichtfüßigkeit des Unrechts passt nicht zu dem schwergewichtigen Genossen. Wir bitten um eine gerechte Strafe Und so lassen wir uns allenfalls auf die Diskussion ein, ob langjährige und intensive Klüngler auf die schiefe Bahn geraten und kriminell werden könnten; so, als seien einem ursprünglich rotzfrechen Dackel im Laufe der Zeit Pittbull-Qualitäten angezüchtet worden.

3. Wenn Du nit wills: Ich kann och anders!

Doch das hätte der gute Kölner mit Sicherheit so nicht gewollt. „Klüngel“, so übersetzt er, ist die Umsetzung des Prinzips: „Wir kennen uns, wir helfen uns.“ Und das ist gut so. „Der Klüngel“, und da zitiert er seinen Böll mal ganz gerne „ist die Form des Seid-nett-zueinanders“. Eine Forderung, die kölschem Selbstverständnis entspricht und folglich gerne in Kneipen umgesetzt wird: Trink doch einen mit. So weit kommt man im Schatten des Domes mit dem Klüngel klar - übrigens seit 1782, denn seit dem gibt es dieses Wort, das andernorts fälschlicherweise mit Seilschaft, Kumpanei und Amigo übersetzt wird. Dabei ist Klüngel doch vielmehr, Klüngel ist all dies zusammen - so es dem guten Zwecke dient. Sagt der gute Kölner. Als Meister des kölschen Klüngels galt jahrelang Oberbürgermeister Norbert Burger. Er beschreibt dieses Phänomen als „das Ausräumen von Schwierigkeiten im Vorfeld von Entscheidungen. Wobei möglichst niemand ausgegrenzt werden sollte. Klüngel darf niemandem schaden, aber möglichst vielen nützen.

4. Dat klapp! Und wenn nit, krieje mir et an et Klappen!

Und wenn er zum Wohle der Stadt ist, dann ist er sehr gut.“ Hingegen sei vom Begriff Klüngel nicht gedeckt, wenn es zu „Verfilzungen mit Interessengruppen zum Schaden anderer“ komme.

5. Dä Dingens weiß Bescheid!

Von solchen Verfilzungen ausgenommen ist Burgers Ansicht nach die jahrelange Zusammenarbeit zwischen SPD und CDU. Sie war wohl der Prototyp des Klüngels. Burger: „Wir haben beispielsweise bei der Verteilung der Dezernate die CDU immer beteiligt. Das hat der Stadt nur gut getan. Alle wichtigen Entscheidungen wurden immer auf viele Füße gestellt. Wer in Köln nichts zu sagen hat, ist es selbst schuld. Er hat sich am Klüngel nicht beteiligt.“ Und das kann man den Parteien nun wahrlich nicht vorwerfen. Sie haben den Klüngel in einer Weise zum Prinzip erhoben, dass Klaus Heugel in den Tagen, in denen er als OB-Kandidat auftrat und mit dem Sprüchlein warb: „Erfolgreich für Köln zu klüngeln, ist wahrlich keine Schande. Das hat schon ein Kölner Oberbürgermeister gemacht, der später Bundeskanzler wurde.“ Und wir wissen, was aus Klaus Heugel geworden ist. Er hat sich allenfalls verklüngelt, in dem er auf eigene Kappe und allein mit Aktien dealte.

6. Dä Dingens bruch nit Bescheid ze wisse!

Nun, um der Wahrheit die Ehre zu geben, es gibt auch andere Definitionen des Klüngels, wie die von Ex-Regierungspräsident Antwerpes, der etwas aus dem Rahmen fallend formuliert: „Eine Hand wäscht die andere zu Ungunsten eines Dritten.“ Dies würde ein guter Kölner wohl kaum unterschreiben und daraus folgern: Erstens: Antwerpes ist kein Kölner.

Zweitens: Er hat nie geklüngelt, durfte nie mit klüngeln oder man hat vergessen, ihn bei den Trostpreisen zu berücksichtigen; denn letztere, das ist dem Soziologen Erwin K. Scheuch ganz wichtig, sind unverzichtbarer Bestandteil jeder ordentlichen Klüngelei: „Wer erfolgreich klüngelt, sieht zu, dass viele Leute Trostpreise kriegen.“

7. Dä Dingens soll sich ens jans bedeckt hale, dä hätt jo domols och!

Hier ein Pöstchen, da ein Pöstchen, und vielleicht auch eine Spendenquittung in der irrigen Annahme, die Annahme einiger Steuer-Heiermänner falle noch unter das Klüngelgesetz? Ein Missverständnis, das vielleicht aus der unpräzisen Formulierung der „Zehn Gebote der rheinischen Demokratie“ resultiert: „Dat bliev unger uns!“, „Do hammer all jet von!“. Wer würde da schon Arges denken?

8. Dä Dingens es bei uns em Vürstand, dat kriejen ich demm schon beijeboge!

Der Klüngel ist genau das, was der Kölner Kabarettist Heinrich Pachl „eine Art Zweikomponentenkleber“ nennt, „der öffentliches und privates Interesse miteinander verschweißt“.

9. Hand drop!

Und so definiert Pachl glasklar: „Klüngel ist das Erledigen öffentlicher Interessen auf privatem Wege, während Korruption umgekehrt das Erlangen privater Interessen auf öffentlichem Wege ist.“ Demnach könne sich der Klüngler mit seinen Machenschaften geradezu als opferbereiter Diener des Gemeinwohls präsentieren. Das haben wir schon oft erlebt. „Undank ist der Welten Lohn“ - so singt der ertappte Klüngler. Und ist froh, dass das kölsche Grundgesetz ihm jede Menge Trost bietet: „Et es wie et es“, „Et kütt wie et kütt“, „Et bliev nix wie et wor“, „Wat wellste mache“, „Et hät noch immer jot gejange“, „Do laachste dich kapott!“

10. Dat lööf!

Der Autor ist Mitarbeiter des Kölner Stadt-Anzeigers.

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