Zeitung Heute : Die Lektion von Faisabad

Sollen die Deutschen am Hindukusch bleiben? Ein Besuch bei der sächsischen Truppe

Robert Birnbaum[Feisabad]

Schwer zu sagen, was sich Harald Leibrecht unter Faisabad vorgestellt hat. So was wie den Schlafsaal aber jedenfalls nicht. Leibrecht sitzt daheim für die FDP im Auswärtigen Ausschuss des Bundestages. Jetzt duckt sich der hochgewachsene Baden-Württemberger durch den niedrigen Türrahmen ins Dämmerlicht einer Stube, die aussieht wie das überfüllte Notlager einer Jugendherberge. 20 eiserne Doppelstockbetten – Moskitonetze täuschen je zwei Kubikmeter Privatraum vor, goldglänzende Rettungsfolie aus dem Sanitätskasten ersetzt das Einzelzimmer. An der groben Holztür steht in genervtem Tonfall, dass dies eine Lärmschutztür sei, weil: „Sie lässt sich besonders gut leise schließen.“ Der Verteidigungsstaatssekretär Walter Kolbow sagt, dass ihn das Ganze an seine „Winterkampfausbildung auf dem Heuberg“ erinnert. Leibrecht sagt erst mal nur „Oh!“.

Faisabad, Hauptstadt der afghanischen Nordostprovinz Badachschan, auf 1200 Meter im Hindukusch-Gebirge, vermutlich 70000 Einwohner, Zentrum des Mohnanbaus, Standort des neuen Provinz-Wiederaufbau-Teams (PRT) der Bundeswehr. Es gibt noch eine kürzere Beschreibung. Bis hier oben, wo der Esel die Straßen beherrscht und der Staub, sind nicht mal die Taliban gekommen. Faisabad ist das Tor zum Ende der Welt.

Im Morgenlicht knallt die Hercules der Niederländer auf die einst sowjetische Stahlgitterlandebahn, hüpft mit ihren gut 40 Tonnen noch mal kurz hoch und bremst dann scharf ratternd ab. Es riecht nach verbranntem Gummi. Peter Struck fliegt mit den Niederländern – sicherheitshalber. Die deutschen Transall-Transporter haben nur zwei Propellermotore. Wenn beim Start ein Motor ausfällt, schlägt die Transall gegen die Berge. Die Hercules aber hat vier Propeller. Das beruhigt. Eine schusssichere Weste beruhigt auch. In zwei Wochen wird in Afghanistan gewählt. Vor zwei Wochen war in Faisabad Krawall. Die Lage derzeit, wird später der Oberstleutnant Hans-Dieter Baier in Bundeswehrdeutsch zusammenfassen, ist „ruhig, aber nicht stabil“.

Das ist ein Fortschritt, weil die Lage vor zwei Wochen unruhig war. Irgendwer hatte das Gerücht aufgebracht, dass bei einer Hilfsorganisation eine einheimische Frau vergewaltigt worden sei. Es gab einen Massenauflauf, Sturm auf Häuser von Hilfsgruppen, Verletzte. Baiers Leute, gerade eine gute Woche in Faisabad, steckten mitten im Aufbau. Baier hat alle zurück in das von Lehmmauern umgebene kleine PRT-Areal beordert. Später hat in Kabul ein Mitarbeiter einer Hilfsgruppe einem Reporter gesagt, die Soldaten hätten sich zurückgezogen und nicht geholfen, bedrohte Helfer aus der tobenden Menge zu holen. Das hat in Deutschland Wirbel verursacht, auch weil es in ein Bild zu passen schien, das die bisher kaum getrübte Erfolgsgeschichte deutscher Auslandseinsätze verdüsterte. Im März bei Krawallen im Kosovo hatten deutsche Soldaten nicht verhindern können, dass Häuser und Kirchengebäude brannten. Struck selbst hat einräumen müssen, dass vom einfachen Soldaten bis zur oberen Kommandoebene sich am Standort Prizren ein Sozialarbeiter-Selbstbild festgesetzt hatte, dem schon der bloße Gedanke an Notfallpläne und Schusswaffengebrauch absurd erschien. Jetzt das Gleiche also hier?

Nein, sagt der Bundesverteidigungsminister, nein, sagt der Kommandeur, nein, sagen auch Zivile am Ort. „Unverschämt“ nennt Struck die Vorwürfe. „Wir sind nicht die Polizei in Faisabad!“ Das sagt der Kommandeur auch, und dass die Soldaten frühestens dann gefragt seien, wenn die Ortspolizei darum bitte. Was sie nicht getan hatte. Worüber zivile Vertreter ganz froh sind, weil, „die Leute hier sind ziemlich konservativ“, sagt einer, und die wären bestimmt nicht mehr gut auf Ausländer zu sprechen, wenn die Soldaten gar geschossen hätten.

Also: abgehakt erst mal, der Vorfall. Obwohl, sagt ein Soldat, verunsichert hat er die kleine Truppe. Wie auch die sonstige Debatte daheim nicht an der knappen Hundertschaft aus dem sächsischen Schneeberg vorbeigeht. Am Donnerstag soll der Bundestag das Afghanistanmandat verlängern. In der Union gab es Gegrummel, das aber vor dem Primat staatspolitischer Verantwortung verstummte. Die FDP spielt weiter mit einem Nein. Vor allem wegen Faisabad. Was sollen, lässt sich das liberale Murren zusammenfassen, die paar Sachsen alleine ausrichten in der Einöde am Hindukusch?

Drei Stunden sind wenig, das in Erfahrung zu bringen. Aber der Abgeordnete Leibrecht hat mit Soldaten gesprochen, die es trotzdem richtig finden, dass sie hier sind. Auch wenn sie dieses PRT–Konzept, diese Idee von Stabilitätsinseln mit Ausstrahlung ins ganze Land, nicht bis ins Letzte durchdenken, weil ihr 16-Stunden-Tag dafür gar keine Zeit lässt. Es ist ja auch eine recht komplizierte Idee und naturgemäß eine ohne Erfolgsgarantie. Selbst wenn der Kommandeur von Kundus, Reinhard Barz, sie eine „Erfolgsgeschichte“ nennt, ein Wort, dem der Vertreter des Entwicklungsministeriums nicht widerspricht – was nichts daran ändert, dass sie heute noch erzählen, wie seine Chefin Heidemarie Wieczorek-Zeul auf Besuch in Kundus partout nicht in ein Bundeswehrauto wollte.

Aber das ist eine Geschichte, die eigentlich in Deutschland spielt. So wie ja viele dieser Geschichten eigentlich in Deutschland spielen. Über den Winter zum Beispiel machen sie sich in Berlin auch mehr Sorgen als in Faisabad. Dort wird man Vorräte einlagern und darauf vertrauen, dass Hubschrauber oder Hercules schon durchkommen werden. Riskant? „Na ja“, sagt ein Unteroffizier, „Risiko ist dabei. Aber sonst brauchten sie uns hier ja wohl gar nicht erst.“

Am Nachmittag steht der Abgeordnete Leibrecht im Hauptlager in Kundus und spricht Sätze in Mikrofone. FDP-amtliche Sätze der Art, dass es viel mehr PRTs geben müsse, auch anderer Nationen, und viel mehr Soldaten und Material. Aber dazwischen schlüpfen andere Formulierungen. „Ich hab’ gesehen, dass sehr viel Gutes getan wird“, zum Beispiel. Oder dass „wir auf alle Fälle genug Soldaten hier haben, um unsere Arbeit zu machen.“ Er müsse, sagt Leibrecht noch, jetzt erst mal mit seiner Fraktion reden. Dabei klingt er wie einer, der sich Faisabad wirklich anders vorgestellt hat.

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