Zeitung Heute : Die Lektionen eines Küchenmeisters

GRIPS-THEATER David Gieselmann erzählt in seinem Stück „Über Jungs“ von schwer erziehbaren Jugendlichen, die zu einem Kochkurs verdonnert werden.

PATRICK WILDERMANN
Am Ende weiht der Meister die Grips-Darsteller dann doch in seine Küchengeheimnisse ein. Gespült werden muss trotzdem!
Am Ende weiht der Meister die Grips-Darsteller dann doch in seine Küchengeheimnisse ein. Gespült werden muss trotzdem!

Vor einiger Zeit hat der Dramatiker David Gieselmann auf Ebay eine große Verkleidungskiste ersteigert. Für seinen Sohn und seine Tochter. Es stand das Faschingsfest in der Kita bevor, und die Kostümpalette war ziemlich beachtlich: Biene Maja, Fee, Zauberer, aber auch Batman und Spiderman, die hatte sich, na klar, der mittlerweile sechsjährige Sohn gewünscht. Als die Karnevalsparty näher rückte, konnte der Junge sich nicht entscheiden, welcher Superheld er sein wollte. Am Morgen verkündete er, das gehe ihm alles auf die Nerven, er würde sich nun als Fee verkleiden. Warum nicht, dachte Gieselmann nur. Die Reaktionen im Kindergarten waren geteilt. Aufseiten der Eltern. Wie kann er denn als Fee gehen, schüttelten die einen den Kopf. Und die anderen jubilierten: Toll, ihr seid ja gegen alle Geschlechterklischees!

Was ist männlich? Der Frage spürt David Gieselmann jetzt im Stück „Über Jungs“ nach, das er gerade fürs Grips-Theater entwickelt. Eine kriselnde Spezies wird in den Blick genommen, über die man wenig Hoffnungsvolles liest: „Jungs verlieren den Anschluss, werden vernachlässigt, viele wachsen ohne Vater auf und überhaupt fehlen die männlichen Vorbilder“, bilanziert Gieselmann die gängigen Mängeldiagnosen.

Auch die Protagonisten seines Stücks sind durch die Bank Problemfälle. Vier jugendliche Straftäter, die zu einem Antiaggressionstraining verdonnert wurden. In Form eines gemeinsamen Kochkurses. Für derlei Projekte gibt es reale Beispiele, Dokus über TV-Köche, die mit schwer erziehbaren Kids Restaurants aufziehen, dienten auch zur Recherche. Gieselmanns schwere Jungs haben’s jedenfalls am Herd nicht leicht. Zumal noch ein Mädchen dazustößt, das mit dem Messer ebenso flink ist wie mit dem Mund.

Was die fünf wirklich auf dem Kerbholz haben, lässt Gieselmann bewusst in der Schwebe. Genauso wie die Frage, welcher Herkunft die Flegel sind. Klar, in einer Stadt wie Berlin, wo das Stück spielt, können die Jungs nicht alle Peter Müller heißen. Aber weder Gieselmann noch die junge Regisseurin Mina Salehpour hatten Interesse am Migrationsdiskurs. Also kommt das Thema vor, spielt aber keine Rolle. Dazu hat der in Hamburg lebende Dramatiker eine zündende Sprache für seine Jungs gefunden, einen vom Kiezdeutsch abgeleiteten Kunstslang. „Wenn ich mich als fast 40-Jähriger hinstellen und behaupten würde: So reden die 17-Jährigen, wäre das ja peinlich“, findet er. Jetzt klingen die Krawallmacher, die als Berufswunsch gern mal „Bordelltester“ angeben, oft bitterkomisch, aber nie lächerlich.

David Gieselmann ist überhaupt einer der humorbegabtesten Dramatiker deutscher Sprache. Das hat sich kürzlich noch mal bewiesen, als Nurkan Erpulat in Düsseldorf Gieselmanns großen Erfolg „Herr Kolpert“ aus dem Jahr 2000 wiederentdeckte, eine böse Farce mit blutigem Finale. „Über Jungs“ soll indes nicht im Desaster enden, trotz des Küchensettings voller Mordsgerät. Der Autor möchte lieber die Ansicht von Pädagogen teilen, dass solche Maßnahmen ein positives Ergebnis haben. „Eines, das man sehen kann. Und essen.“

PATRICK WILDERMANN

Premiere 22.5., 18 Uhr

Weitere Vorstellung 25.5., 19.30 Uhr

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