Zeitung Heute : Die Lerninsel

Waffen, Prügel, Randale – die Schule als Horrortrip. In Berlin-Mitte haben Eltern einen Gegenentwurf geschaffen – die Schule als Idyll

Kerstin Decker

Die „Mantarochen“ kommen vom Gottesdienst. Der Mantarochen ist gewissermaßen das Totemtier von Johannes, Baltasar und Luise. Man kann sie so auch viel besser von den „Rotmilanen“ unterscheiden. In anderen Schulen heißen die Klassen 1.1. oder 1.2. Mit solcher Verschwendung von Fantasie wollten sie hier gar nicht erst anfangen. Das durchnummerierte Leben beginnt früh genug. Dann lieber Land, Wasser, Luft. Drei Lebensräume. Also gibt es eine Lufttier-Klasse, eine Wassertier-Klasse und eine Landtier-Klasse. Nach nicht mal einer Stunde an der Evangelischen Schule Berlin-Mitte ahnt man: Hier gibt es gar nichts ohne Zusammenhang.

Es ist Montagmorgen, kurz vor neun Uhr. Andere Schüler an anderen Schulen haben jetzt Mathe. Sie aber sitzen im Kreis, und ein kleiner Ball geht von Hand zu Hand. Jeder, der ihn hat, darf sagen, was er am Wochenende gemacht hat. Die einen sprechen bereits mit jener Bedeutsamkeit, mit der Erwachsene etwa die Jahresbilanz der Deutschen Bank vorstellen, andere sagen nur wenig. Auch so kann Schule sein, Montag früh um neun. Und natürlich fängt die Woche in einer evangelischen Schule mit dem Gottesdienst an.

Kindheitswelten sind Zusammenhangswelten, alles unterhält sich mit allem. Zensuren gibt es bei den „Mantarochen“ auch nicht, denn jede Zensur ist schon eine Unterbrechung des Zusammenhangs. Früher begann man in der Schule zu ahnen, dass die Einheit der Welt wohl eine Täuschung ist, denn Mathe hat nicht unbedingt was mit Deutsch zu tun, und ein Lehrer nicht viel mit dem nächsten, und meine Zensur nicht viel mit mir. An der Evangelischen Schule in der Rochstraße, Berlin-Mitte, will man solche Erfahrungen weit hinausschieben. Fachsprachenmenschen nennen das den „ganzheitlichen Ansatz“. Aber dann liest man den ersten Satz der Schulbroschüre: „Unsere Kinder sind unser wichtigstes Kapital.“ Seltsame Aussage. So rücksichtslos ist die Verwertungslogik also in unsere elementarsten Wahrnehmungen vorgedrungen, egal, wie evangelisch wir sind. Sind Kinder wirklich Kapital? Und warum heißt die Schulzeitung einer evangelischen Schule eigentlich „Investment“?

Plötzlich verlassen die „Mantarochen“ den Wochenend-Erinnerungskreis, verteilen sich an Tischen, die wie Würfel zusammenstehen, und beginnen zu lesen, zu schreiben, zu malen und zu basteln. Jeder scheint zu wissen, was er zu tun hat. Nein, anders: Jeder scheint zu wissen, was er gerade tun will. Denn er könnte auch etwas anderes machen. Maria Montessori hat das erfunden: Lernen als Aufbruch in die Selbstständigkeit. Ab und zu stecken Rosa, Lukas und die anderen ihrer Lehrerin eine Wäscheklammer in den Pullover. Jede Klammer ist ein Ratsuchender. Das passt gut, denn eine Lehrerin ist im Reformschulverständis eher ein Berater. Also geht Anja Alexander, eine der beiden „Mantarochen“-Lehrerinnen (jede Klasse hat grundsätzlich zwei), klammergeleitet von einem zu anderen und bespricht deren „Hypothesen“. Solche Schüler-Hypothesen hießen im älteren Schulsprachgebrauch schlicht und endgültig Fehler. Columba mustert inzwischen die akut unterbeschäftigte Reporterin. Einfach rumgucken, das gab’s früher in der Frontal-Schule. Die Rumguckerin könnte ihr eigentlich ihre „Lernwörter“ diktieren. Sie könnte aber auch die Geschichtenbücher der anderen lesen, finden die anderen Kinder. „Die Turmfalkengeschichte“ in 13 Kapiteln oder „Der Hund im Wald“ oder die „Geschichte von der alten Frau“. Denn fast jeder „Mantarochen“ ist ein angehender Schriftsteller, jeder hat ein Geschichtenbuch. Also erst Columbas „Lernwörter“ diktieren, dann die Geschichtenbücher lesen. Irgendwie scheint was dran zu sein an dem Selbermachen. Da macht man aus Versehen manchmal mehr, als man muss.

Es ist eine berückend heile Schulwelt, in der einfach alles zu stimmen scheint. Vor allem die Schüler, in ihrer einfachen, offenen, freundlichen Art. Man hält unwillkürlich Ausschau nach einem Rüpel, nach Schülern, von denen man dieser Tage so viel in den Zeitungen liest. Ohne Rüpel keine richtige Schule, denkt man – in Neukölln bettelt eine Direktorin jetzt darum, ihre Schule zu schließen, weil da zu viele Rüpel sind –, und dann rückt ein Kind ganz vorsichtig am Stuhl, der zu nah an der Wand steht. Es fragt: „Darf ich bitte …?“, und dann sagt es auch noch „Danke!“

Die „Mantarochen“ waren vor vier Jahren die ersten Schüler an der neugegründeten Evangelischen Schule in Mitte. Heute sind sie die ältesten. Bald werden sie auf andere Schulen gehen, die meisten wohl aufs Gymnasium. Sie haben zwar noch nie Zensuren bekommen, aber natürlich die nach „Pisa“ neu eingeführten Jahrgangs-Vergleichsarbeiten mitgeschrieben. Mit überdurchschnittlichem Erfolg, sagen die „Mantarochen“-Lehrerinnen.

Anne Bresgott schaut aus dem Fenster der Schule zwischen Alexanderplatz und Hackeschem Markt. Kinderstimmen dringen nach oben. Wahrscheinlich haben die „Seeotter“ Pause. Oder die „Mantarochen“ kommen schon vom Sportplatz zurück und decken den Tisch für die Jüngeren. An der Evangelischen Schule Mitte decken die Älteren immer den Tisch für die Jüngeren. Es ist Anne Bresgotts Schule. Sie hat diese Schule gegründet.

Wie gründet man eine Schule?

Anne Bresgott zögert kurz. Dann schickt sie einen schnellen, ironischen Blick hinüber zu ihrer Mitgründerin aus dem Rheinland: „Ich weiß ja nicht, wie es dir geht, aber ich habe das Selbermachen in der DDR gelernt!“

Anne Bresgott weiß auch nicht, was sie, lange nach 1989, so überrascht hat, als sie nach den ersten Schultagen die Neugier und den Spaß in den Augen ihres Jungen verlöschen sah. Ich will da nicht hin, sagte Augustin immer öfter und meinte die Schule. Ist schon gut, hätte sie ihm antworten können, mir ging das genauso. Da musst du jetzt durch. Zehn Jahre, vielleicht länger.

Für Augenblicke meint man hinter dem Erwachsenengesicht Anne, das Mädchen zu sehen. Sie ist ein Kind der DDR-Schule, wo man in der ersten Klasse eine Stempel-Biene oder ein Eichhörnchen unter eine Reihe besonders gelungener „A“s bekam. Und wer ein wenig später „Mimi lacht“ genauso gut schreiben konnte, bekam gleich drei Bienen. Schule als Leistungsgesellschaft. Manche DDR-Kinder waren so stolz auf die Insekten und Nagetiere und werden sie nie vergessen, aber Anne Bresgotts Augenbrauen bilden einen Halbkreis in verachtungsvoller Höhe. Dieser Halbkreis sagt alles, was sie über „Mimi lacht“ denkt. Aber das allein war es nicht. Einmal hatte Augustin den Radiergummi vergessen, und niemand durfte ihm seinen borgen: Das Kind muss lernen, die vollständigen Unterrichtsmaterialien mitzubringen, erklärte die Lehrerin. Die Disziplin-Eltern fänden das bestimmt gut, aber Anne Bresgott dachte nur: Das ist nicht wahr jetzt. Kann sein, es war dieser Tag des Jahres 1999, an dem sie einen höchst ungewöhnlichen Gedanken dachte: Ich gründe eine Schule!

Natürlich war das Unsinn, aber der Gedanke blieb. Viele sagten, jetzt herrscht die Freiheit. Anne Bresgott war schon immer misstrauisch gegen alle Herrschenden, aber man konnte die Herrschaft der Freiheit ja mal testen. Gehört zur Freiheit nicht auch die Freiheit, seine eigene Schule gründen zu dürfen? Augustin ging weiter dorthin, wo ihm das Lernen keinen Spaß machte, seine Mutter aber klebte in den Straßen von Mitte kleine Zettel an: Wer möchte eine Schule gründen? Einen hing sie in Augustins früheren Kindergarten. Das war der evangelische Sophienkindergarten in Mitte.

Am Ende waren sie 13 potenzielle Schulgründer, viele Sophienkindergarten-Eltern. Also gründeten sie einen Schulgründungsverein und besuchten die Bezirksverordnetenversammlung. Die sahen sie an, als hätten sie eine Erscheinung. Was, Sie wollen eine Schule gründen? Wir schließen hier gerade massenhaft Schulen – der Nachwende-Geburtenknick hatte längst auch die Mitte-Schulen erreicht –, und Sie wollen eine gründen? Es ging nur mit höherer Arithmetik: Die (zu) vielen Schulen sind trotzdem in Wahrheit nur eine einzige. Und wirklich viele werden es erst sein, wenn auch ihre dabei ist und noch mehr freie Gründungen. Eine Waldorfschule und eine katholische Schule gab es schon in der Nähe.

Kinderstimmen vom Flur werden lauter. Vielleicht ist auch Anne Bresgotts Sohn darunter, nicht Augustin, der ist nun schon 13, aber Anselm, der gerade in die erste Klasse gekommen ist. Ab nächstem Jahr wird auch ihr dritter Sohn hier zur Schule gehen. Dabei ist es gar nicht leicht, auf die Evangelische Schule Berlin-Mitte zu kommen. 140 Anmeldungen gibt es pro Jahr. 25 Kinder werden genommen. Aber Schulgründerinnen haben da schon gewisse Vorteile.

Das Schulgeld liegt zwischen 45 und 124 Euro im Monat. Erst seit ein paar Monaten haben alle, Eltern und Lehrer, das Gefühl, dass sie es geschafft haben – weshalb sie ihr Projekt jetzt für den Deutschen Schulpreis der Robert-Bosch-Stiftung eingereicht haben. Und bald wird manches, was sie längst machen – jahrgangsübergreifender Unterricht, mehr Selbstständigkeit – an allen Berliner Grundschulen eingeführt.

Jüngste Stimmen behaupten, dass das eigentliche Problem an den Schulen gar nicht die Schüler seien, auch nicht die Lehrer, sondern die Eltern. Übereifrige, unbändig engagierte Eltern. Und die Evangelische Schule Mitte ist doch gewissermaßen eine reine Eltern-Erfindung. Ob ein Kind genommen wird, liegt nicht so sehr an ihm als an seinen Eltern. Die werden geprüft. Und wer keine Lust hat auf unbezahlte „Bau-Samstage“ fällt schon mal durch beim Eltern-Test. Auch ist da noch die Väter-und-Mütter-Aufgabe Sponsoren-Suche, denn ohne Sponsoren keine Privatschule. Sogar türkische Eltern haben es bereits durch den Eltern-Test geschafft, und vor der Evangelisation ihrer Kinder scheinen sie auch keine Angst zu haben.

Auch wenn das Namensverzeichnis der „Mantarochen“ sich wie ein Besetzungszettel des Alten und Neuen Testaments liest – im Religionsunterricht sind alle Religionen gleichberechtigt. Die Religionslehrerin heißt Susanne Wittenberg-Tschirch und alle sagen „du“ zu ihr, Gott siezt schließlich auch keiner. Susanne Wittenberg-Tschirch ist überhaupt eine Schlüsselfrau. Sie war die zweite Vorsitzende im Gründungsverein, auch eine Sophienkindergarten-Mutter, aber zugleich war sie eben auch Lehrerin. Also eine, die vor der höchst kritischen Elternschaft bestehen musste. Da reichte es eben nicht, dass einer Ahnung hatte von Mathe oder Religion – er musste ein Projekt planen. Erntedank zum Beispiel. Erntedank, mathematisch, religiös, deutsch, sachkundlich, eben absolut fächerübergreifend. Im Zusammenhang! Nie hätte die Gründergeneration gedacht, wie schwer es ist, Lehrer zu prüfen. Und ein Schulhaus hatten sie auch noch nicht. Erst zwei Monate vor Schuljahresbeginn 2001 fanden sie das hässliche Gebäude der ehemalige Sakura-Grundschule Mitte. Die Eltern wurden jetzt zu Malern und Klempnern und Gärtnern. Den Kampf gegen die überwältigende Hässlichkeit einer verlassenen und viel zu großen DDR-Neubauschule haben sie bis heute nicht vollständig gewonnen, aber irgendwie ist das sehr gut so. Es erdet dieses Idyll. Man möchte fast gar nicht mehr weg aus dieser Zusammenhangswelt. Es wäre wirklich schade, die „Mantarochen“ mit brutalem Fehler-Rotstift zu erschrecken. Kinder sind zwar kein Kapital, aber menschliche Kulturen sind Treibhäuser – also Räume mit einem Binnenklima. Und Schulen sind Treibhäuser der Zukunft. Schon gut, wenn ihre Temperatur über der Umgebungstemperatur liegt.

Es ist schon Nachmittag, die „Mantarochen“ haben Religion bei Frau Wittenberg-Tschirch. „Lebe in der Welt, aber halte nicht an ihr fest!“ Lukas, Cora und die anderen sollen das mal interpretieren. Wenn man elf oder zwölf ist, eigentlich ein unbegreiflicher Satz. Sie sitzen wieder im Kreis, diesmal im Religionsraum, auf dem Fußboden auf runden Kissen, die bestimmt besonders begabte Schneider-Eltern genäht haben, nach ihren Bau-Samstagen. Die Kinder geben sich Mühe bei der Exegese. Die meisten haben das Sitzkissen zum Kopfkissen gemacht und finden, dass es sich in der Horizontalen viel besser denken lässt. Lebe in der Schule, aber halte nicht an ihr fest!

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