Zeitung Heute : Die letzte Liebe

Wie eine Hospizbegleiterin zur Jugendliebe eines Seemanns wurde.

Anne Langendorf
Foto: dpa/Picture alliance, Montage: Thomas Mika
Foto: dpa/Picture alliance, Montage: Thomas MikaFoto: picture-alliance / dieKLEINERT.d

Genauso hatte ich mir einen Seemann immer vorgestellt. Julius war 64 Jahre alt und man sah ihm an, dass er ein bewegtes Leben hinter sich hatte. Seine silbergrauen Haare hingen ihm wirr ins Gesicht und er öffnete nicht die Augen, als ich ins Zimmer trat.

Er hatte ein schönes Einzelzimmer in dem Pflegeheim und man hatte mich vorgewarnt – er sei „ein schwieriger Fall“, der außer den Schwestern niemanden sehen wolle. Beide Beine habe man ihm amputieren müssen, und seine Wut, sich nicht mehr allein fortbewegen zu können, vergiftete seinen Alltag. Außerdem hatte er starke Phantomschmerzen, Lungenkrebs und bekam Morphiumpflaster. Schon zwei meiner Hospizfreundinnen waren bei ihm gewesen und beide Begleitungen hatte er strikt abgelehnt. Trotzdem beklagte er sich, dass sich keiner um ihn kümmere und dass er die Langeweile nicht aushalte.

So hatten wir beschlossen, noch einen letzten Versuch zu wagen und da stand ich nun – etwas verschüchtert in der Tür und harrte der Dinge, die da kommen würden.

Solange er seine Augen noch geschlossen hatte, musterte ich interessiert sein Zimmer und es war unverkennbar – da wohnte jemand, der das Meer liebte und viel von der Welt gesehen hatte. Überall Fotos von Schiffen und Seemännern. Mitbringsel aus aller Herren Länder – Sammelsurium eines gelebten Lebens.

Mein Blick ging wieder hinüber zum Bett und ich sah in zwei aufgerissene blaue Augen, die mich anstarrten, als sei ich von einem anderen Stern.

„Katharina, wo kommst du denn her?“

Im ersten Augenblick wollte ich ihn verbessern und meinen richtigen Namen nennen. Aber dann spielte ich das Spiel mit in der Hoffnung, ihm damit eine Freude machen zu können.

„Ich habe zufällig gehört, dass du jetzt hier bist und wollte dich sehen.“

Das war der Anfang einer ganz besonderen Begleitung, die ich wohl nie in meinem Leben vergessen werde.

Das Morphin hatte Wirkung gezeigt und seine Wahrnehmung war etwas getrübt. So hielt er mich für seine Jugendliebe Katharina.

Julius erinnerte sich an die Stunden mit ihr in Hamburg – an das kleine Bistro an der Ecke, wo sie sich kennengelernt hatten und wo es schon ganz früh am Morgen, wenn alles noch ruhig war, nach frischem Kaffee und warmen Brötchen duftete. Sie trafen sich dort oft nach seiner Nachtschicht auf dem Schiff und er konnte es kaum erwarten ihre strahlenden Augen zu sehen und er freute sich darauf, ihren Haarknoten zu öffnen und das weiche schwarze Haar zu berühren. Sie war klein und zierlich und beim Tanzen konnte er sie herumwirbeln wie ein kleines Kind.

So saßen wir stundenlang Hand in Hand und er erzählte von seinen Reisen, nachdem er in Hamburg aufs Schiff gegangen war und mich zurücklassen musste. Er hatte in jedem Hafen ein Mädchen und erzählte es ganz freimütig. Immer wieder beteuernd, dass er keine so geliebt habe wie mich.

Im Laufe der Zeit wurde er immer schwächer. Das Sich-Erinnern und Erzählen – alles strengte ihn so sehr an, dass es bald nur noch bei einem „Hallo – da bist du ja“ und „Tschüss – ich liebe dich“ blieb. Dafür hörten wir seine diversen Kassetten mit Seemannsliedern. Manche kannte ich sogar und sang sie mit.

Am Abend vor seinem Tod konnte er gar nicht mehr sprechen und bewegte nur noch die Lippen beim Abschied – ich wusste, was es heißen sollte und sagte in Katharinas Namen: „Ich liebe dich auch.“

Als ich im Dunkeln nach Hause fuhr, kamen mir die Tränen und ich wünschte, ich könnte Katharina finden und ihr erzählen von einem Seemann, der sie bis in den Tod hinein geliebt hatte.

Anne Langendorf ist eine von 150 Ehrenamtlichen des Malteser Hospiz- und Palliativberatungsdienstes in Berlin.

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