Zeitung Heute : Die letzte Runde

Jack Johnson wird 1908 der erste schwarze Boxweltmeister. Er liebt weiße Frauen – dafür wird er ins Gefängnis gesteckt. Nun fordern Politiker wie John Kerry und Ted Kennedy späte Gerechtigkeit.

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Von Ursula Trüper Es wird heiß gewesen sein an diesem 26. Dezember 1908. In Australien gehört der Dezember zu den wärmsten Monaten des Jahres. 20000 meist weiße Boxfans drängen sich in der großen hölzernen Boxarena von Rushcuttersbay, einem Vorort von Sydney. Unter ihnen auch der Schriftsteller und Amateurboxer Jack London. Was die Männer zu sehen kriegen, ist eine Sensation. Zum ersten Mal in der Geschichte des Boxsports kämpfen ein Schwarzer und ein Weißer um den Titel des Weltmeisters im Schwergewicht – Tom Burns, der amtierende weiße Weltmeister, und Jack Johnson, ein schwarzes Boxtalent.

Burns hatte lange gezögert, sich auf diesen Kampf einzulassen und konnte erst durch die damals sagenhafte Gage von 30000 Dollar davon überzeugt werden. Keine Stadt in den USA hatte sich bereiterklärt, den Kampf auszurichten. Daher findet er jetzt in Australien statt. „Ich persönlich war die ganze Zeit auf Burns Seite. Er ist ein weißer Mann und ich auch. Natürlich wollte ich den weißen Mann gewinnen sehen.“ Jack London – wenngleich bekennender Sozialist – ist zutiefst von der „Überlegenheit der weißen Rasse“ überzeugt, und wie ihm geht es wohl den meisten Zuschauern.

„Wer sich mit amerikanischer Geschichte beschäftigt, kann es nicht vermeiden, fast überall auf das Thema Rasse zu stoßen“, sagt fast 90 Jahre später der Filmemacher Ken Burns. Im vergangenen Jahr hat er einen Film über Jack Johnson gedreht. Dieser Fall, Aufstieg und Sturz des Champions, sei „rassistisch vom Anfang bis zum Ende“. Inzwischen hat Burns ein Komitee für die posthume Rehabilitierung des Boxers ins Leben gerufen. Mehrere Senatoren und Abgeordnete beider Parteien unterstützen die Initiative, unter ihnen die Demokraten John Kerry und Edward Kennedy sowie der Republikaner John McCain. Denn, so Präsident Bushs Parteifreund McCain, „das Recht wurde missbraucht, um diesen anständigen Amerikaner ins Gefängnis zu schicken“.

Anständig! Die Boxfans, die den Kampf 1908 in der Arena von Rushcuttersbay verfolgen, hätten dem Schwarzen da vorne im Ring vielleicht sogar einen Sieg verziehen, wenn er ihnen einen ernsthaften Fight geboten hätte. Doch Johnson führt seinen Gegner vor. „Er schlug zu und lächelte und lächelte und schlug zu“, schreibt Jack London später, immer noch über Johnsons Gesichtsausdruck irritiert. „Er weigerte sich, Burns ernst zu nehmen, und mit beachtlichem Schauspieltalent spielte er die Rolle eines freundlichen Schulmeisters, der einem rüpelhaften und streitsüchtigen Bengel eine wohlmeinende Tracht Prügel verpasst.“

Burns kämpft verzweifelt und versucht, Johnson durch verbale Attacken zu provozieren. Aber „Johnson hörte nie auf zu lächeln, wenn diese Unhöflichkeiten an ihn gerichtet wurden, noch hörte er auf zu lächeln, wenn er fortfuhr, den unartigen Jungen für seine Frechheit zu verdreschen.“ In der 14. Runde geht Burns zu Boden. Er kommt zwar wieder hoch, doch jeder kann sehen, dass er nicht voll bei Bewusstsein ist. Da ergreift der Ringrichter Johnsons behandschuhte Faust und reißt sie nach oben. Jack Johnson ist der erste schwarze Weltmeister.

John Arthur Johnson, genannt Jack, kommt am am 31. März 1878 in Galveston, Texas, zur Welt. Seine Eltern sind vermutlich noch Sklaven gewesen. Die Familie ist arm, aber respektabel und Vater Johnson betätigt sich gelegentlich als Laienprediger. Jack hat vier Geschwister. Er verlässt die Schule vorzeitig, um zum Familieneinkommen beizutragen. Mit 20 Jahren beginnt er, als Boxer in privaten Clubs aufzutreten und schafft es innerhalb weniger Jahre, die Nummer eins unter den schwarzen Boxern zu werden. Boxen gehört zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den beliebtesten Sportarten in den USA und bietet große Chancen, Ruhm und sehr viel Geld zu erwerben. Der wichtigste Titel, der zu holen ist, ist der des Weltmeisters im Schwergewicht.

Dass nun ein Schwarzer den Titel hat, schockiert das Publikum. Jack London schließt seinen Bericht mit der Forderung, jemand müsse „Johnson das Lächeln vom Gesicht wischen“. Und er weiß auch schon, wer: Ex-Weltmeister Jim Jeffries, der sich drei Jahre zuvor unbesiegt aus dem Boxsport zurückgezogen hatte, soll wieder aktiv werden. Beinahe unmittelbar nach Johnsons Sieg wird Jeffries in der Presse zur „Hoffnung der weißen Rasse“ aufgebaut.

Unterdessen hört Johnson nicht auf, seine weiße Umwelt zu provozieren. Zu dieser Zeit sind alle öffentlichen Einrichtungen vom Eisenbahnzug über das Theater bis zu den Universitäten nach Hautfarbe getrennt. In den Südstaaten ist der Ku-Klux-Klan aktiv. Ohne dass sich irgendeine Behörde darum kümmert, werden jährlich etwa 100 Schwarze gelyncht – zum Beispiel, weil sie einer weißen Frau hinterhergeguckt haben.

Viele schwarze Organisationen sind der Ansicht, man müsse dem Rassismus dadurch begegnen, dass Schwarze ein besonders tugendhaftes und bescheidenes Leben führen. Diese Ansicht teilt Johnson keineswegs. Bald nach seinem Sieg eröffnet er mit seinem erboxten Geld in Chicago einen gutgehenden Nachtclub, das „Café de Champion“. Er leistet sich elegante Maßanzüge und handgenähte Schuhe, fährt luxuriöse Autos und beschäftigt weiße Hausangestellte. Und – das ist der größte Skandal – er hat Affären mit weißen Frauen.

Eine dieser Frauen ist Belle Schreiber. Sie ist Prostituierte in einem Bordell für Weiße. Johnson, dem der Zutritt zu diesem Etablissement verwehrt ist, lädt sie wiederholt ein zu Ausflügen mit seinem Wagen. Bald wird sie seine Geliebte. Wenig später lernt Johnson bei einem Autorennen Etta Duryea kennen. Etta ist ebenfalls weiß und überdies eine Dame der besseren Gesellschaft: gebildet, wohlerzogen und stets elegant gekleidet. Zwischen den beiden entwickelt sich eine stürmische Romanze.

Im Sommer 1910 verabschiedet der Kongress in Washington ein Gesetz, das unter dem Namen des republikanischen Abgeordneten Robert Mann in die Geschichte eingehen wird. Der „Mann-Act“ ist ein typisches Erzeugnis dieser Zeit, in der weiße protestantische Bürgerinitiativen mobil machen gegen Alkohol, außerehelichen Sex, Prostitution und Mädchenhandel. Regelmäßig warnen Zeitungen vor gefährlichen Fremden – es soll sich meist um Chinesen oder Juden handeln –, die unschuldige Mädchen mit Drogen gefügig machen, sie dann in ein Bordell in einen anderen Bundesstaat verschleppen. Der „Mann-Act“ soll dieses Treiben verhindern. Er verbietet es, Frauen über eine Grenze zu bringen „zum Zwecke der Prostitution, Ausschweifung, oder zu irgendeinem anderen unmoralischen Zweck“.

Johnson wird die Debatten um das Gesetz nicht verfolgt haben. Mittlerweile laufen die Vorbereitungen für den Kampf mit Jim Jeffries, der „weißen Hoffnung“, auf Hochtouren. Wenige Wochen nach der Verabschiedung des Mann-Act findet die Begegnung Jeffries-Johnson statt. Der Austragungsort liegt diesmal in den USA, es ist die Kleinstadt Reno in Nevada.

Seit dem frühen Morgen wird an diesem Tag in den Kirchen der schwarzen Gemeinden für Jack Johnsons Sieg gebetet. Währenddessen diktiert Jim Jeffries den Reportern ein „letztes Manifest“ in die Blöcke: „Dem Teil der weißen Rasse, der sich darauf verlassen hat, dass ich ihre sportliche Überlegenheit verteidige, sei versichert, dass ich bereit bin, mein Bestes zu tun.“ Dann beginnt der Kampf.

In den ersten beiden Runden geschieht nichts Besonderes. Jeffries greift an, Johnson hält seine Deckung aufrecht. Die Zuschauer johlen. Sie sind sich sicher: Jeffries wird es diesem anmaßenden Schwarzen zeigen. In der dritten Runde wird Jeffries plötzlich von einer linken Geraden getroffen, die ihn mitten in der Bewegung stoppt, als sei er gegen eine Glasscheibe gerannt. Johnson lächelt wieder sein berühmtes Lächeln, und man kann hören, wie er sagt: „Los, jetzt, Mr. Jeff. Mach endlich was, Mann. Es geht hier um die Weltmeisterschaft!“ Jeffries schafft es bis zur 15. Runde. Dann wird er ausgezählt.

Der Kampf Jeffries-Johnson wird überall in den USA per Rundfunk übertragen. Unmittelbar danach kommt es zu schweren Krawallen, in deren Verlauf fast 30 Schwarze umgebracht werden. In der „Los Angeles Times“ erscheint ein Kommentar mit dem Titel „Ein Ratschlag an den schwarzen Mann“. „Trage deine Nase nicht zu hoch“, ist da zu lesen. „Dein Platz in der Welt bleibt so, wie er war!“

Johnson denkt nicht daran, sich von irgendjemand seinen Platz zuweisen zu lassen. 1911 heiratet er Etta Duryea. Die Ehe wird nicht glücklich. Etta ist durch ihre Partnerwahl sozial isoliert. Zudem ist ihr Mann selbst nicht treu, aber sehr eifersüchtig. Sie fällt in eine tiefe Depression. Im September 1912 erschießt sie sich in ihrer Chicagoer Wohnung. Johnson bleibt nicht lange allein. Lucille Cameron heißt seine neue Flamme, auch sie ist weiß, hübsch und erst 18 Jahre alt.

Im Oktober 1912 geht Lucilles Mutter zur Polizei und zeigt Johnson an – wegen „Entführung“ ihrer Tochter. Der Presse sagt sie, sie sähe ihre Tochter lieber „für den Rest ihres Lebens in einer Irrenanstalt, als dass sie das Spielzeug eines Niggers wird“. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Johnsons Lebenswandel die weiße Gesellschaft zwar aufs Äußerste provoziert, doch keiner seiner Skandale verstieß gegen ein Gesetz – sieht man einmal von seiner Gewohnheit ab, mit überhöhter Geschwindigkeit Auto zu fahren. Nun haben die Behörden eine handfeste Anschuldigung. Johnson wird festgenommen – wegen des Verstoßes gegen den Mann-Act. Lucille weigert sich jedoch, mit der Polizei zu kooperieren und Johnson muss freigelassen werden.

Im Dezember 1912 heiraten Jack Johnson und Lucille Cameron. Nun kann Lucille nicht mehr gezwungen werden, gegen ihren Mann auszusagen. Doch die Polizei hat eine neue Zeugin – Belle Schreiber. Die grollt noch immer, dass ihr ehemaliger Liebhaber sie verlassen hat und packt nun aus. Gegen Johnson wird von neuem Anklage wegen des Verstoßes gegen den Mann-Act erhoben. Ihm wird vorgeworfen, Belle Schreiber im Oktober 1910 von Pittsburg nach Chicago gebracht zu haben zum „Zwecke der Prostitution und Ausschweifung“. Im Mai 1913 wird er zu „einem Jahr und einem Tag“ Gefängnis verurteilt.

Johnson beschließt zu fliehen. Gemeinsam mit Lucille reist er nach Europa und Südamerika, wo er weiterhin als Boxer auftritt. Auch in Deutschland macht er Station. Als er 1914 in Hamburg eintrifft, jubeln ihm Hunderte zu und tragen ihn auf ihren Schultern vom Bahnhof in sein Hotel. Seine Begegnung mit Berlin hingegen ist eher unerfreulich. Auf der Durchreise macht er dort kurz nach Beginn des Ersten Weltkrieges Station. Als er sich auf dem Bahnhofsvorplatz ein wenig die Beine vertritt, sieht er, wie die aufgehetzte Menge einen Franzosen zusammenschlägt. Johnson mischt sich ein und verprügelt bei dieser Gelegenheit einen deutschen Polizisten. Er wird umgehend aus Deutschland ausgewiesen.

Im April 1915 kämpft Johnson in Havanna gegen den weißen Boxer Jess Willard – und verliert. Später behauptet Johnson, es habe im Vorfeld eine Abmachung gegeben, „die Willard den Meistertitel bringen und mir erlauben sollte, wieder nach Hause zurückzukehren“. Doch es wird weitere fünf Jahre dauern, bis er in die USA einreisen kann. Und er muss seine Gefängnisstrafe vollständig absitzen, wenn auch unter milden Bedingungen. So lädt er wiederholt Freunde zu Trinkgelagen in seine Zelle ein.

Danach finden für lange Zeit keine schwarz-weißen Boxkämpfe mehr statt. Weiße Champions wie Jack Dempsey weigern sich, gegen schwarze Herausforderer anzutreten. Erst in den 30er Jahren bekommt wieder ein schwarzer Boxer eine Chance: Joe Louis. Den bauen seine Manager systematisch als Gegenfigur zu Jack Johnson auf. „Joe Louis wird nie einen besiegten Gegner verhöhnen, er wird sauber leben und sauber kämpfen“, legen sie für ihn fest. Und, ganz wichtig: „Er wird sich niemals an der Seite einer weißen Frau fotografieren lassen.“

Um Jack Johnson ist es da schon still geworden. Er ist mit Irene Pineau verheiratet, seiner dritten weißen Frau, und führt mit ihr eine ruhige Ehe. Noch immer liebt er schnelle Autos. Doch seine finanzielle Situation ist prekär. Im Rentenalter ist der ehemalige Champion gezwungen, in Shows oder im Zirkus aufzutreten. Nach einem dieser Auftritte fährt er am 10. Juni 1946 mit seinem Lincoln Zephyr nach Hause – wie üblich mit überhöhter Geschwindigkeit. In einer Kurve kommt ihm ein Lastwagen entgegen. Beim Versuch, auszuweichen, kracht der Lincoln gegen einen Strommast. Johnson stirbt noch am selben Tag im Krankenhaus. Tausende Fans folgen dem Sarg, als Jack Johnson in Chicago beerdigt wird.

Erst 1954 wird Johnson in die „Boxing Hall of Fame“ aufgenommen. Jetzt, fast 60 Jahre nach seinem Tod, soll er sogar begnadigt werden. „Die Begnadigung von Mr. Johnson“, schreiben mehrere Senatoren beider Parteien in einem offenen Brief an Präsident Bush, „wäre für die Welt ein starkes und notwendiges Symbol für die andauernde Entschlossenheit Amerikas, gemäß seiner edlen Ideale von Freiheit und gleichem Recht für alle zu leben.“ Es hat lange gedauert, bis das weiße Amerika Jack Johnson seine Erfolge – über weiße Männer und bei weißen Frauen – verziehen hat.

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