Zeitung Heute : Die letzte Zeit

Arafat liegt im Sterben – währenddessen treffen Israelis und Palästinenser Vorkehrungen für sein Begräbnis

Andrea Nüsse[Amman]

Arafats bevorstehender Tod schürt die Angst vor Unruhen im Nahen Osten. Wie reagieren Israelis und Palästinenser auf die Nachricht vom Hirntod des Palästinenserführers?

Während Jassir Arafat in Paris im Krankenhaus liegt und die Ärzte jede Hoffnung aufgegeben haben, kümmert sich die Palästinenserführung in Ramallah um die Kompetenzen einer Interimsführung. Brisant ist die Frage der Sicherheit. Wenn Arafat stirbt und beerdigt wird, bedeutet das für Israelis wie für Palästinenser ein großes Sicherheitsproblem. Denn zu einem Begräbnis des Palästinenserführers werden hunderttausende Trauernde aus den Palästinensergebieten sowie Delegationen und Palästinenser aus dem Ausland erwartet.

Israel hat am Freitag allen Palästinensern unter 50 Jahren und palästinensischen Frauen unter 35 Jahren die Einreise nach Jerusalem und in israelisches Staatsgebiet verboten. Die palästinensischen Sicherheitskräfte wurden in Alarmbereitschaft versetzt. Premierminister Ahmed Kurei, dem die Leitung der Kräfte übertragen wurde, versucht sich unterdessen, deren Loyalität zu sichern.

Die Gespräche zwischen Palästinensern und Israelis handeln nur von einem Thema: Die Beerdigung Arafats, wenn er gestorben ist. Bevor die Bedingungen nicht eindeutig geklärt sind, werden die Israelis die Rückkehr des Leichnams Arafats nicht erlauben. Nach muslimischer Tradition müssen Verstorbene am darauffolgenden Tag begraben werden. Alle Vorbereitungen müssen also getroffen sein, bevor der Tod Arafats in Paris bekannt gegeben wird. Allerdings gibt es um den Begräbnisort erbitterten Streit.

Arafat hat mehrfach den Wunsch geäußert, in Jerusalem die letzte Ruhe zu finden. Die Palästinenser halten den Ort für am besten geeignet. Doch Israels Premier Ariel Scharon hat klar gemacht: So lange er im Amt sei, werde Arafat nicht in Jerusalem begraben. Mittlerweile geht man davon aus, dass damit auch der Vorort von Ost-Jerusalem, Abu Dis, als Begräbnisort entfällt. Nach Angaben des israelischen Fernsehens würde Israel nur einem Begräbnis Arafats in Gaza zustimmen. Dort habe die Familie ein Grab, in dem bereits Arafats Schwester beigesetzt sei.

Israel befürchtet Ausschreitungen in Jerusalem, wenn palästinensische Massen in die Stadt marschieren. Beim Begräbnis des aus Jerusalem stammenden Faisal Husseini vor drei Jahren hatten zehntausende Palästinenser, die keine israelische Genehmigung zum Betreten Jerusalems hatten, die Checkpoints mehr oder weniger überrannt. Die Beerdigung war allerdings überwiegend friedlich abgelaufen.

Sicher ist, dass Israel Arafat nicht den Triumph gönnen will, in der Stadt, die Israel als ewige und unteilbare Hauptstadt betrachtet, beigesetzt zu werden. Damit würden sie indirekt anerkennen, dass die Palästinenser ein Recht auf den Ostteil der Stadt haben, der laut Völkerrecht illegal von Israel besetzt ist. Arafat hatte sein Leben lang für einen eigenen Staat mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt gekämpft.

Akzeptieren die Palästinenser ihrerseits ein Begräbnis in Gaza, würden sie damit eingestehen, dass ein Palästinenserstaat womöglich nie mehr als den Landstrich am Mittelmeer umfassen wird.

Wenn Israel keine für Palästinenser befriedigende Lösung zulässt, könnte das zu Unruhen führen, lange bevor mögliche innerpalästinensische Machtkämpfe ausbrechen. Momentan kooperieren die möglichen Nachfolger. So trafen sich in Gaza der Leiter der präventiven Sicherheit, Raschid Abu Schabak, und sein Widersacher, Mussa Arafat, der den militärischen Geheimdienst leitet. Ihre Auseinandersetzungen machten einen Großteil der innerpalästinenischen Gewalt der vergangenen Monate aus. Auch ein Gremium, in dem islamische Gruppen wie Hamas und Arafats Fatah gemeinsam sitzen, setzte sich zu Gesprächen zusammen. Premier Kurei wurde zu Gesprächen auch mit der Hamas erwartet. Es wirkt, als bemühten sich alle rivalisierenden Gruppen um Ruhe. Zumindest kurzfristig wird wohl eine Doppelspitze aus Mahmud Abbas (PLO) und Kurei (Autonomiebehörde) akzeptiert werden, um die Stabilität fürs Erste zu sichern. Fotos: dpa, Lars von Törne

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