Zeitung Heute : Die letzte Zeugin

Schmerzhaft erinnert sie sich an die Pogromnacht, sagt Charlotte Knobloch nach ihrer Wahl an die Spitze des Zentralrats. Sie wird, wie ihr Vorgänger, die Zukunft aus der Vergangenheit heraus gestalten

Claudia Keller[Frankfurt a. M.]

Das Sheraton-Hotel im Frankfurter Flughafen ist ein Ort des Flüchtigen, des Übergangs von einer Welt zur anderen. Hier, wo täglich hunderte Geschäftsleute über endlos lange Korridore huschen, wurde gestern über die Besetzung eines Amtes entschieden, das zu den wichtigsten wie schwierigsten Ämtern in der Bundesrepublik gehört. In einem kleinen, schmucklosen Konferenzraum mit Blick auf die Autobahn haben sechs Herren und zwei Damen entschieden, wer künftig die rund 110 000 Mitglieder der jüdischen Gemeinden in Deutschland repräsentieren wird. Vielleicht wollte man mit der Wahl des Ortes demonstrieren, dass die neue Präsidentin nicht unbedingt die moralische Instanz für eine ganze Nation sein will, dass man doch bitte alles nicht so hoch hängen sollte. Doch schon der Blick auf die Informationstafel, die im Hotel einen Überblick über die Sitzungen des Tages gibt, zeigt, dass noch lange nichts normal ist im deutsch-jüdischen Verhältnis. Die Sitzung des Zentralrats ist nicht angezeigt. Aus Sicherheitsgründen, sagt die Hotelmitarbeiterin.

Der Frankfurter Flughafen sei schon ein seltsamer Ort, um einen Nachfolger für den verstorbenen Paul Spiegel zu wählen, sagt Albert Meyer. Er ist der frühere Vorsitzende der Berliner Gemeinde und eines der acht Mitglieder des Präsidiums des Zentralrats aus deren Mitte heraus gewählt wird. Es ist Mittwoch, 8 Uhr 30, Meyer lehnt sich in seinem Sitz in der Lufthansa-Maschine zurück, die ihn von Berlin zum Frankfurter Flughafen bringt. Er habe viel telefoniert in den vergangenen Wochen, am Montag sei dann alles klar gewesen. Charlotte Knobloch wird’s. Die 73-Jährige leitet seit 22 Jahren die Münchner Gemeinde, seit neun Jahren ist sie Vizepräsidentin im Zentralrat. Die Jüdische Gemeinde ist ihr Leben, sagen alle, die sie kennen. Charlotte Knobloch hatte als junges Mädchen eine Handelsschule besucht, später in der Kanzlei des Vaters gearbeitet, dann aber geheiratet und drei Kinder großgezogen. Nachdem die drei aus dem Haus waren, wurde die Gemeinde vollends zum Lebensinhalt. Er habe nichts gegen sie als neue Präsidentin, sagt Meyer, ihre Lebensleistung verdiene Anerkennung, ihre Biografie Respekt. Knobloch ist die Letzte im Präsidium des Zentralrats, die den Holocaust noch erlebt hat – versteckt bei einer christlichen Bauernfamilie in Franken. Ein Dienstmädchen ihres Onkels hatte sie als ihr uneheliches Kind ausgegeben.

Meyer, der bald seinen 60. Geburtstag feiert, hätte sich allerdings gut einen Generationenwechsel an der Spitze der deutschen Juden vorstellen können, jemanden, der nicht alles von Auschwitz ableitet. Jemanden, der seine Stimme gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit erhebt nicht nur wegen der Vergangenheit, sondern weil das die Demokratie an sich bedroht. Mit Knobloch werde eine Epoche zu Ende gehen, sagt Meyer, nicht nur die der Überlebenden. Sie sei auch die letzte Vertreterin des deutschen Judentums. Danach würden die Zugewanderten kommen. In seinem Flugzeugsessel räsonierend, hätte sich Meyer für das höchste jüdische Amt aber auch eher jemand Eloquenteren vorstellen können, jemanden, der die Zwischentöne trifft. Damit hatte Charlotte Knobloch in der Vergangenheit nicht immer Glück. Als sie vor sechs Jahren dem rechtsnationalen Blatt „Junge Freiheit“ ein missverständliches Interview gab, war der Skandal groß.

Für den Münchner Nathan Kalmanowicz hingegen ist Knobloch die absolut richtige Besetzung. Der wuchtige ältere Mann kennt Knobloch seit vielen Jahren aus dem Vorstand der Gemeinde und sitzt mit ihr im Präsidium des Zentralrats. Wie sie für das neue Gemeindezentrum am Münchner Jakobsplatz gekämpft habe! Kein Mensch habe geglaubt, dass aus dem Projekt etwas werde, sagt er Dienstagabend am Handy, im Zug von München nach Frankfurt. Aber Knobloch, diese zierliche Frau, habe sich nicht beirren lassen und mit großer Zähigkeit die Honoratioren der Stadt überzeugt und Sponsoren wie Hubert Burda dafür gewonnen, mal eben eine Million springen zu lassen. Sie hat es geschafft: Am 9. November soll der Bau eingeweiht werden. Die Münchner Gemeindemitglieder bewundern sie dafür, eine Art Übermutter sei sie. Wenn sie in der Synagoge auf der Frauenempore sitze, throne sie wie eine Königin. Sie führe die Gemeinde – mit 9000 Mitgliedern nach Berlin die zweitgrößte in Deutschland – „mit starker Hand“, heißt es, bisweilen autoritär. Auch wenn nicht jeder mit dem Führungsstil einverstanden ist, so sind doch alle froh, dass sie Zustände wie in der Berliner Gemeinde verhindert habe, wo die gegenseitigen Diffamierungen die Arbeit seit Jahren fast zum Erliegen bringen. Auch die Integration der Zuwanderer aus Osteuropa, die in allen Gemeinden mindestens die Hälfte der Mitglieder stellen, ist in München besser geglückt als in Berlin. Knobloch könne sehr gut zuhören, sagt Kalmanowicz, Vertrauen schaffen, auch wenn sie am Ende doch mache, was sie wolle.

Dass sie gerne Präsidentin des Zentralrats werden würde, daraus hat sie nie einen Hehl gemacht. Bereits nach dem Tod von Ignatz Bubis 1999 kandidierte sie, verlor aber gegen Paul Spiegel. Dass sie diesmal wieder antreten wolle, stand seit Tagen fest. Aber nur ohne Gegenkandidaten. Noch einmal zu verlieren wollte sie sich nicht antun. Salomon Korn, der Vorsitzende der Frankfurter Gemeinde und wie Knobloch bisher Vizepräsident, hätte wohl beste Chancen gehabt. Doch er kann sich ein Leben mit Bodyguards nicht vorstellen.

Als Albert Meyer durch die Gänge am Frankfurter Flughafen eilt, endlich den Konferenzraum betritt, sitzt Charlotte Knobloch, beiges Kostüm, rosa Shirt und rosa Schal bereits am Tisch. Nach und nach kommen auch die anderen, aus Dortmund, Krefeld, Düsseldorf. Ja, sie sei schon nervös, sagt Knobloch und knetet die braun gebrannten Hände.

Zwei Stunden später ist sie einstimmig gewählt und damit die neue Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. Aber auf ihrem Gesicht zeigt sich keine Freude, kein Gefühl von Triumph, die Nervosität ist nicht gewichen. Bei der Pressekonferenz sitzt sie zwischen ihren beiden Stellvertretern und lächelt gequält. Mit hochgezogenen Schultern wirkt sie eingeklemmt zwischen den beiden Vizepräsidenten Salomon Korn und Dieter Graumann, trotz der 73 Jahre fast mädchenhaft schüchtern. Sie bedankt sich artig für das Vertrauen, dass die anderen sechs ihr entgegengebracht haben, und versichert, die Arbeit Paul Spiegels fortzusetzen. Die „Einheit in der Vielfalt“ der jüdischen Gemeinschaft nach innen will sie sichern, den Eingewanderten aus dem Osten ein Zuhause bieten. Sie würde gerne erleben, sagt sie, dass die Mitgliederzahlen in den Gemeinden wieder den Stand erreichen, den sie vor 1933 hatten. Was sie sich ansonsten vorgenommen hat, liest sie von einem Zettel ab: gegen Fremdenhass und Antisemitismus kämpfen, den „Patriotismusbegriff definieren und besetzen“, den Juden die Angst nehmen. Bei den Nachfragen der Journalisten, was sie mit der Kanzlerin zu besprechen gedenke, wie sie ihre Rolle als moralische Instanz Deutschlands bewerte, antwortet sie unbeholfen, als kämen diese Frage überraschend. „Lassen Sie mich mal präzisieren“, sagt Korn und erklärt, „was die Präsidentin sagen will“. Etwa dass es einen „Nachholbedarf“ bei der Regierung gibt, was den Kampf gegen Antisemitismus und Extremismus angeht. Dann „präzisiert“ Dieter Graumann von der anderen Seite, „dass man sich beim Kampf gegen den Antisemitismus auch keine Auszeit nehmen darf, nur weil die Fußballweltmeisterschaft bevorsteht“. Auf einmal mischt sich Knobloch wieder ein, diesmal ohne Spickzettel. „Wir werden die Stimme erheben gegen den Iraner“, sagt sie, „wenn die Bundesregierung ihre Appeasementpolitik fortsetzt.“ Ein Skandal sei das. „Wir haben so eine Appeasementpolitik schon einmal erlebt und wissen, wohin das führt.“

Jetzt hat sie zum ersten Mal den entschlossenen Blick, den die Münchner an ihr kennen. Auf „den Iraner“, den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, kommt sie noch ein paarmal zurück. Die Erinnerung an die Zeit, als sie 1938 als Sechsjährige an der Hand ihres Vaters während der Pogromnacht durch München irrte, sei schmerzhaft. Aber sie gebe ihr auch eine enorme Kraft. Diese Vergangenheit wird auch weiterhin das Verhältnis zwischen Juden und Nicht-Juden bestimmen. Etwas anderes wäre auch nicht normal, sagt Salomon Korn. Knobloch nickt.

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