Zeitung Heute : Die letzten Jahre und das Leiden des Theologen

Tina Heidborn

55 Jahre hat es gedauert, bis aus Dietrich Bonhoeffers Leben ein Film wurdeTina Heidborn

"Bonhoeffer - Die Letzte Stufe": Im Hintergrund Nazi-Deutschland, davor ein aufrechter Theologe, der unerschrocken kämpft. Gegen die Nazis, für die Juden, für seinen Glauben, für Gott. Der eine blutjunge Frau liebt und den Märtyrergang zum Schafott in einen Sieg der Menschlichkeit umwandelt. Dietrich Bonhoeffer gehört zu den Lichtgestalten, auf die sich die Evangelische Kirche in der NS-Zeit berufen kann. Mit Beteiligung des ORB hat eine deutsch-amerikanisch-kanadische Kooperation Leben und Leiden des Theologen im vergangenen Frühjahr verfilmt. "Bonhoeffer - Die Letzte Stufe" wurde jetzt zum ersten Mal in der Gedenkstätte Flossenbürg gezeigt. Damals noch ein KZ, in dem Dietrich Bonhoeffer am 9. April 1945 ermordet wurde.

55 Jahre hat es gedauert, bis aus Bonhoeffers Leben ein Film wurde, und die erste Million zu dem Vier-Millionen-Werk kam von amerikanischen Lutheranern. "Drüben hat man erkannt, was für eine Potenz in dem Stoff liegt", sagt Producerin Karla Krause. Musicals habe man daraus machen wollen, Operetten, Agenten- und Liebesfilme. "Es gab 35 Projekte. Unseres ist das erste, das unter deutscher Federführung realisiert wurde." Vielleicht habe es die beiden amerikanischen und englischen Drehbuchautoren gebraucht, die sich mit der nötigen Unbefangenheit an den Stoff machten. Denn wie bei jedem Spielfilm dieser Art, so Krause, sehe man sich dem Vorwurf historischer Ungenauigkeit ausgesetzt. Dabei habe man Historiker, Schüler, Freunde Bonhoeffers befragt, jede Dialogzeile sei abgenommen worden. Auch Bonhoeffers kürzlich verstorbener Weggefährte Eberhard Bethge, dem der Film gewidmet ist, habe mitgeholfen. 120 Minuten Film seien so am Ende entstanden, die um eine halbe Stunde gekürzt werden mussten. Eine Fülle von Details, in der man zu ersticken drohte, zu viele Hintergrunderklärungen, zu viele Personen. "Das hat die Emotionalität beeinträchtigt, und auf die kommt es bei einem Film doch an", sagt Karla Krause.

Dem Endprodukt unter der Regie von Eric Till sieht man diese Schwierigkeiten nicht mehr an. Der Film erzählt die letzten Jahre Bonhoeffers. Widerstand, Haft, Tod. Er hat das Nazi-Regime auf einen Hauptgegenspieler Bonhoeffers zusammengezogen, in dem mehrere historische Personen zusammenfließen: Der Militär-Richter Manfred Roeder (Robert Joy) ist ein Nazi, wie man ihn aus amerikanischen Filmen kennt. Eine Szene zeigt Bonhoeffer beim Abhängen von Nazi-Emblemen, historisch um entscheidende Jahre nach hinten verlagert, dafür in schnellen dynamischen Bildern (Kamera: Sebastian Richter), mit pathetischer Musik unterlegt. Eine Szene großartigen zivilen Ungehorsams. Er überspitzt die Avancen der Nazis, die den Theologen mit dem gutem Ruf im Ausland in den letzten Untergangstagen als Unterhändler anwerben wollten, und Bonhoeffers prompte Ablehnung auch. "So wie sich die Szene zugetragen hat, war sie vermutlich etwas grauer", gibt Karla Krause zu. Aber alle Eingriffe seien letzlich marginal und verzeihlich. "Wir wollten einen Film für Zuschauer ohne Vorbildung drehen. Der vor allem junge Leute in Amerika und Deutschland begeistern soll".

Viel Film, wenig Theologie: Bonhoeffers Ethik wird im Dialog mit seiner Verlobten angerissen, sein theologisches Ringen um den Tyrannenmord im Wortwechsel mit seinem Schwager Hans von Dohnanyi. Ulrich Tukur spielt den Mann Gottes, bei dem Reden und Handeln eins blieben, und der so zum Inbegriff von Glaubwürdigkeit im Glauben wurde. Tukur zeigt einen leisen Mann, der Zweifel hat, aber auch Weitblick und Mut zu Gewissensentscheidungen. Tukurs Bonhoeffer ist kein Held mit Pathos, sondern ein aufrechter Christ in schwieriger Zeit, überzeugt und überzeugend. Glänzend besetzt sind auch die weiteren Rollen von Ulrich Noethen über Susanne Lothar und Tatjana Blacher bis hin zu Dominique Horwitz in einer kleinen Nebenrolle. "Am Anfang denkt man, vor allem wenn man die Menschen gekannt hat, dieses stimmt nicht und jenes", sagt Johanna Rathgens, eine der Witwen des 20. Juli, nach der Vorführung. "Ich habe den Film jetzt zum vierten Mal gesehen. Die Persönlichkeit Bonhoeffers ist hervorragend dargestellt. Schauen Sie sich den Film mehrfach an".

Das aber könnte schwierig werden: Für die Produktion, die Anfang April in den Kinos in Amerika angelaufen ist, hat sich in Deutschland bislang noch kein Verleih gefunden. Derzeit wird an einer Notlösung gebastelt, bei der der Film zumindest in evangelischen und katolischen Kirchengemeinden gezeigt werden soll. Beim Filmfestival in Monte Carlo erhielt das Werk Ende Februar immerhin die "Goldene Nymphe" für die beste Fernsehproduktion. "Wenn dieser Film keinen Verleih in Deutschland findet, dann ist das eher eine Niederlage für den Verleih als für den Film", betonte die Rundfunkbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland, Johanna Haberer. Die Ausstrahlung im Fernseh-Programm der ARD dagegen ist gesichert, wenn auch der Fernsehdirektor der ORB, Volker von der Heydt, noch keinen genauen Termin nennen konnte. Vorgesehen ist er für das Feiertagsprogramm zu Weihnachten. In Flossenbürg endete die Filmvorführung am Sonntag mit einem stillen Gang zu der Stätte, an der Dietrich Bonhoeffer vor 55 Jahren erhängt wurde. Zwei Wochen, bevor die Amerikaner das Lager befreiten.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!