Zeitung Heute : Die letzten Reste der tropischen Niederlande

Die Niederländischen Antillen und Aruba gehören zum Königreich, aber nicht zur Europäischen Union

Rolf Brockschmidt

Die „niederländischen Berge“ existieren nur in der Literatur – in Cees Nootebooms gleichnamigem Roman. Denn natürlich sind die Niederlande so flach wie es der Landesname schon sagt. Aber dennoch gebietet Königin Beatrix auch über ein Territorium, das im Verhältnis dazu eine beachtliche Höhe erreicht: Der Mount Scenery auf Saba, der kleinsten Insel der Niederländischen Antillen, bringt es auf 887 Meter.

Die Niederländischen Antillen sind außerhalb des Königreiches ein fast vergessener Flecken Erde, keine Kolonie, sondern ein autonomer Teil der Niederlande, allenfalls bekannt als Ferienziel. Im Dezember dieses Jahres besteht das Königreichsstatut 50 Jahre. Es war nach dem Zweiten Weltkrieg der Versuch, dem Entkolonisierungsdruck der Vereinten Nationen durch Gewährung einer weitgehenden Autonomie zu entkommen und das Königreich dennoch als Ganzes zusammenzuhalten. 1976 hat Suriname sich für unabhängig erklärt. Die „letzten Reste der tropischen Niederlande“, um es mit einem Buchtitel des Romanciers W. F. Hermans zu sagen, sind kein Bestandteil der Europäischen Union, haben eine eigene Währung – den Antillengulden und den arubanischen Florin.

Zu den Niederländischen Antillen gehören heute Curaçao und Bonaire sowie die 900 Kilometer weiter nördlich gelegenen Inseln Saba, St. Eustatius und Sint Maarten, das sich die Niederländer seit 1648 mit Sint Martin teilen, das als Teil des Überseedépartements Guadeloupe zu Frankreich und damit zur Europäischen Union gehört. Eine Grenze zwischen beiden Landesteilen gibt es nicht.

Heute leben auf den Inseln etwa 216 000 Einwohner. Und am liebsten würden Curaçao und Sint Maarten aus dem Verband ausscheren und die eigene Autonomie ausrufen, da man über die große Entfernung nicht viel miteinander gemein hat. 1986 hatte sich Aruba, der Nachbar von Bonaire und Curaçao, aus dem Verband der Antillen gelöst und bildet nun mit seinen 70 000 Einwohnern einen autonomen Landesteil des Königreichs der Niederlande.

Niederländisch wird neben dem vorherrschenden Papiamento, einer Mischsprache, noch auf Curaçao, Aruba und Bonaire gesprochen, vor allem aber auf offizieller Ebene, während man beispielsweise auf den nördlich gelegenen Inseln Saba oder Sint Maarten vorzugsweise Englisch redet und mit Dollar bezahlt. Die Amerikanisierung ist durch den Tourismus vor allem auf Sint Maarten und Aruba am weitesten fortgeschritten. Aber vor dem Haus des Gouverneurs in The Bottom, der Hauptstadt Sabas, weht dennoch die niederländische Fahne. Immerhin haben die Antillen einen Anteil an der niederländischen Literatur mit Autoren wie Frank Martinus Arion, Tipp Marugg, Boelie van Leeuwen und Cola Debrot.

Die Antillen sind letztlich ein Relikt aus einer Zeit, in der die Niederländer auf allen Weltmeeren aktiv waren. Die Spanier hatten die Inseln nach ihrer Entdeckung 1499 wegen mangelnder Bodenschätze als „Islas inutiles“ - als „unbrauchbare Inseln“ qualifiziert, was es der Westindischen Compagnie erleichterte, die Inseln in Besitz zu nehmen, vor allem Curaçao mit seinem riesigen geschützten Naturhafen. Einst waren die Inseln wichtige Stützpunkte im Sklavenhandel und zu Beginn des 20. Jahrhunderts gewann Curaçao vor allem durch seine Raffinerie an Bedeutung. Heute bestimmt vor allem der Tourismus die Wirtschaft der Inseln. Das prächtige Klima und die wunderbaren Reviere für Taucher bei Saba und Bonaire ziehen Feriengäste an. Dennoch hat das sonnige Ferienparadies mit seinen immer gleich warmen Temperaturen wirtschaftliche Probleme. Die Landesregierung wird der wachsenden Armut nicht Herr und in Den Haag fragt man sich, was aus den Hilfsgeldern wird, die man in die Karibik schickt.

In Den Haag hätte man die Gebiete gerne in die Unabhängigkeit entlassen und manch lokaler Politiker hätte das früher auch gerne gesehen, doch die Bevölkerung der Inseln hat in den neunziger Jahren in mehreren Referenden bekundet, dass sie im niederländischen Staatsverbund bleiben möchte, wenn auch nicht gleich als dreizehnte Provinz. Über einen neuen Status gegenüber der Europäischen Union soll in diesem Jahr verhandelt werden.

Gleichzeitig stellt aber das „Comite 2004“, das von Pieter van Vollenhoven, dem Schwager von Königin Beatrix, und dem ehemaligen Gouverneur Jaime Saleh gegründet wurde, fest, dass das Gemeinschaftsgefühl innerhalb des Königreichsverbundes fehle. „Das Königreich lebt nicht“, heißt es provokant. Nachdem man 40 Jahre lang in Richtung Unabhängigkeit gearbeitet habe, sei es nun an der Zeit, die Zukunft der überseeischen Gebiete zu diskutieren und an einem verstärkten Gemeinschaftsgefühl zu arbeiten.

Die niederländische Zentralregierung unterstützt durch beachtliche finanzielle Transfers die Reform der Verwaltung und die Armutsbekämpfung. Letztendlich aber, so wird in Den Haag betont, sind die Landesregierungen der Antillen und Arubas für die Politik der Inseln verantwortlich. Strittig sind innerhalb des Landes die Befugnisse der Landesregierung gegenüber den Inselregierungen, die etwa denen einer Stadtverwaltung entsprechen. Viele der jungen Antillianer entfliehen der Aussichtslosigkeit ihrer heimatlichen Inseln und suchen in den Niederlanden ihr Glück. Aber hier werden die mangelnden Sprachkenntnisse zum Problem der Integration. Die Bürger sind „Ausländer“ im eigenen Land.

Viele der jungen Antillianer geraten immer mehr in kriminelle Milieus in den Niederlanden. Offiziell ist die Landesregierung für Bildung zuständig, doch wird von Den Haag mehr Unterstützung der Regierung auf diesem Gebiet erwartet. Ganz im Gegensatz zu Frankreich wurde im karibischen Teil der Niederlande die Pflege des Niederländischen vernachlässigt.

„Wir lernen in der Schule alles über die Niederlande, aber umgekehrt geschieht wenig. Der durchschnittliche Abgeordnete war noch nie auf den Antillen und auch nicht alle Botschaften wissen, dass sie auch unsere Interessen vertreten müssen“, sagt Francis Isenia, die Sprecherin des „Bevollmächtigten Ministers des Kabinetts der Niederländischen Antillen“ in Den Haag. „Kürzlich sind hier zwei Soaps im Fernsehen gelaufen, das war enorm wichtig. Es gab zwar wenig Information, aber der normale Niederländer bekam Bilder ins Haus.“

Inzwischen denkt man auch auf den Antillen darüber nach, die wachsende Vergreisung der Niederlande zu nutzen. Wenn immer mehr ältere Niederländer ihren Lebensabend in Spanien verbringen wollen, warum nicht auch auf den Antillen? Das Sprachproblem fiele weg, das Geld bliebe im Land und die Antillianer bekämen Arbeit durch Investitionen und Dienstleistungen. Das Jubiläumsjahr wird zeigen, in wieweit sich alle Bewohner des Königreiches zusammen als Untertanen ihrer Majestät verstehen.

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