Zeitung Heute : Die Letzten werden die Ersten sein

Nur Steine sind übrig von dem Christendorf Kafro in Anatolien, aber die Vertriebenen wollen jetzt trotzdem zurück

Susanne Güsten

Beschattet von Feigen- und Mandelbäumen der Dorfplatz, ringsum einfache Steinhäuser, ein Kirchturm und das alles umschlossen von Eichenwäldern und Weinbergen. Das ist Kafro. Das war Kafro. Kafro, wo 17 Rebsorten gediehen. Kafro, wo die Türken in die Kirche und nicht in die Moschee gingen. Kafro, das war eine kleine christliche Enklave in Tur Abdin, wie diese Gegend in Südostanatolien genannt wird. Heute ist Kafro ein Geisterdorf. Ein paar überwucherte Steine, hier und da stehen noch Grundmauern. Nur die Kirche, ausgerechnet die Kirche aus dem 5. Jahrhundert, hat standgehalten.

Auf ihrem Dach steht Bedros, schaut auf das, was einst seine Heimat war. Der Krieg und die Plünderungen haben alles zerstört, die Weinberge wurden von Soldaten niedergebrannt, die Wälder abgeholzt, die Felder sind mit Unkraut überwuchert. Seit Jahren lebt in Kafro kein Mensch mehr.

„Mein Vater war einer der Letzten, die gingen“, sagt Bedros.

Der PKK-Krieg war nur der letzte Schlag für die Suryani, wie die assyrischen Christen im Tur Abdin auch genannt werden. Seit dem 5. Jahrhundert sind sie hier beheimatet, ihre Kirche und Kultur gehen bis auf den Apostel Petrus zurück, der im nahen Antiochien lebte. Eineinhalb Jahrtausende trotzten sie Arabern, Mongolen und Osmanen, ertrugen Kriege, Verfolgungen und Hungersnöte. Viele verloren ihr Leben bei den großen Massakern von 1915. Aber auch nach dem Ende des Osmanischen Reiches, in der Türkischen Republik, hatten die Suryani einen schweren Stand: Von ihren kurdischen Nachbarn als Ungläubige angefeindet, vom türkischen Staat als Bürger zweiter Klasse behandelt, wanderten viele in den 70er Jahren als Gastarbeiter nach Westeuropa aus. Der Ausbruch des PKK-Krieges in den 80er Jahren vertrieb die übrigen.

1995 bekamen die letzten drei Familien in Kafro den Befehl vom Militär, ihren Ort zu räumen. Wegen drei Familien lohne es sich nicht, das Dorf zu halten, sagte der türkische Offizier, der im Krieg gegen die PKK die örtlichen Truppen befehligte. Und so packten die letzten Bewohner von Kafro ihre Sachen und zogen weg. Heute leben etwa 150000 Suryani in Westeuropa – davon rund 60000 in Deutschland. Im Tur Abdin aber gibt es kaum noch 3000 Christen.

Es schien, als wäre die lange Geschichte der assyrischen Christen in der Türkei im 21. Jahrhundert tatsächlich an ihrem Ende. Doch vielleicht kommt im letzten Moment alles noch anders.

Sie sprechen die Sprache Jesu

Bedros deutet auf eine Ruine: „Da, das war mein Elternhaus“, sagt er. Er spricht aramäisch, die Sprache von Jesus Christus. Kaum einer spricht sie heute noch. Aber die, die hier mit Bedros auf dem Dach der alten Kirche in Kafro stehen sprechen es alle, obwohl sie jahrelang in Augsburg, Göppingen oder Zürich gelebt haben. Sie sind nach Kafro zurückgekehrt, um ihre 1500 Jahre alte Kultur vor dem endgültigen Verlöschen zu bewahren, um den ersten Spatenstich zu tun für den Wiederaufbau ihres Dorfes.

Die türkische Regierung hat sie zurückgerufen. Als es eigentlich schon zu spät war, hat sie sich besonnen. 1999 war der Krieg mit der PKK beendet worden, und die Türkei trat den Spurt in die Europäische Union an, bereit, Gesetzgebung und Denken im Lande zu reformieren. Die Einladung an die Suryani, in die Heimat zurückzukehren, ist ein Zeichen der Toleranz in Richtung Westeuropa.

Die Abendsonne zeichnet die Ruinen von Kafro weich. Aber bei Licht besehen ist die Rückkehr hierher ein tollkühnes Projekt. Die Brunnen des Dorfes sind längst versiegt, der Strom für die Bauarbeiten muss mit provisorischen Kabeln herbeigeführt werden, nach Kafro führt nur ein Feldweg, und die inzwischen vorwiegend kurdische Bevölkerung der Gegend reitet noch auf Eseln zum Markt.

Warum will Bedros seine sichere Existenz in der Schweiz aufgeben, seine Frau und vier Kinder in den einsamen Südosten der Türkei verpflanzen und all seine Ersparnisse in den Wiederaufbau eines verfallenen Dorfes stecken? Die Antwort lässt sich in drei einfache Worte fassen, und ist für viele doch schwer zu begreifen: Heimat, Glaube, Identität. Wie es in Kafro mit der Gymnasialausbildung der beiden Älteren weitergehen soll, weiß Bedros zwar noch nicht so genau. „Aber ohne Opfer ist die Rückkehr nicht zu haben“, sagt er. „Mein Großvater und mein Vater haben das Dorf schon zweimal wieder aufgebaut – nun bin ich an der Reihe.“

20, 30 Jahre sind die Menschen, die auf dem Kirchendach die alten Zeiten heraufbeschwören, in der Fremde gewesen, haben die Landessprachen gelernt, andere Staatsbürgerschaften angenommen, Familien gegründet und neue Berufe ergriffen – und doch verstehen sie sich noch immer als die Schneider, Schuster und Maurer von Kafro, die sie einst waren. „Wir leben gut in Europa, wir akzeptieren die Kultur", sagt Yahko, früher Dorfschneider von Kafro, heute Gastronom in der Schweiz. „Aber unsere Heimat ist hier.“ So zäh, wie die Suryani im Exil an ihrem Glauben festhielten, so zäh harrte ihre Kirche auch in den schwersten Kriegsjahren im Tur Abdin aus. Im Kloster Mar Gabriel, in dem einst tausend Mönche lebten, betete der Bischof mit zwei Mönchen für ein Wunder. Heute erhebt sich der aramäische Liturgiegesang wieder vielstimmig in der Klosterkirche.

Prügel von kurdischen Hirten

Bis zum nächsten Frühjahr will der „Entwicklungsverein Kafro“ das Dorf wieder bewohnbar gemacht haben. Mehr als 70 Familien wollen dann aus Westeuropa in ihr Dorf zurückkehren. Wie viel Geld der Wiederaufbau von Kafro kosten wird – zwei bis fünf Millionen Euro –, das hat der Verein zwar ausgerechnet; woher das Geld kommen soll, weiß aber noch keiner. „Gastarbeiter und Asylanten haben nun mal nicht viel Geld“, sagt Yahko, der Vereinsvorsitzende. Die Rückkehrer von Kafro hoffen auf die EU und die türkische Regierung – können aber nicht ewig darauf warten. Seit dem ersten Rückkehrappell der Türkei vor zwei Jahren debattieren die Suryani darüber, was zuerst kommen muss: die Rückkehr oder die Rückkehrhilfen. „Jetzt fangen wir einfach an“, sagt Yahko. Wenn der Versuch in Kafro gelingt, dann werden tausende Suryani aus Westeuropa den Pionieren auf dem Kirchendach folgen und in den Tur Abdin zurückkehren, glaubt das Oberhaupt des Klosters Mar Gabriel. „Das ist die Wiedergeburt der Suryani in ihrem Heimatland.“

Nicht alle Beobachter teilen die Zuversicht, dass die Geschichte einfach zurückgespult werden kann, doch immerhin – die türkischen Behörden unterstützen die Suryani. Kafro soll Strom- und Wasseranschlüsse bekommen, sobald die Häuser gebaut sind. Und wenn die Rückkehrer viele Kinder mitbringen, will die Provinz im Ort auch eine Schule bauen – wenn nicht, dann werde man die Kosten für den Schulbus in die nächste Kreisstadt übernehmen, versprach der Gouverneur.

Auch mit den Soldaten der paramilitärischen Gendarmerie pflegen die Rückkehrer gute Beziehungen. „Hallo, könnte ich bitte den Unteroffizier Mehmet sprechen?“, meldet sich Bedros per Handy bei der örtlichen Kommandantur. „Hier sind schon wieder fremde Viehherden auf unserem Land – könnten Sie ein paar Mann rüberschicken? Die kurdischen Stämme der Umgebung haben sich im Lauf der Jahre ein Gewohnheitsrecht auf die Wiesen und Weiden von Kafro angeeignet, das sie nun nicht mehr aufgeben wollen. Als zwei junge Suryani aus Göppingen kürzlich den Schafsmist aus der Kirche schippten und eine Hausruine herrichteten, um sich provisorisch in Kafro niederzulassen und die Bauarbeiten zu beaufsichtigen, wurden sie von kurdischen Hirten zusammengeschlagen. Doch davon wollen sich die Rückkehrer ebenso wenig einschüchtern lassen wie von der armdicken Schlange, die plötzlich auf das sonnenwarme Kirchendach gekrochen kommt.

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