Zeitung Heute : „Die Leute wollen Leistungssport sehen, kein schlaffes Hin-und-her-Gerenne“

Sportmediziner Dolla über Mittagshitze, schlaffe Fußballer, ein selbst gemachtes Fitness-Getränk und darüber, warum ein Sportverbot unsinnig ist

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THORSTEN DOLLA (40)

ist Orthopäde, Sportarzt und hat bis vor kurzem die

Spieler von Hertha BSC und dem 1. FC Union behandeltFoto: Imago

Herr Dolla, sollte man bei diesem Wetter lieber auf Sport verichten?

Nein. Es ist zwar ein Jahrhundertsommer, doch der moderne Mensch leidet an Bewegungsmangel. Laut WHO Anm. Weltgesundheitsorganisation] bewegen sich 80 Prozent der Erwachsenen so gut wie gar nicht. Also kann ich trotz der Temperaturen nicht sagen: Leute, bewegt euch überhaupt nicht mehr. Wir müssen uns nur anders bewegen.

Wie denn?

Taucher können natürlich weiter tauchen. Ansonsten spricht nichts dagegen, zum Joggen oder Fußballspielen eine bis zwei Stunden früher aufzustehen, um mittägliche Extremtemperaturen zu umgehen. Spätabends zum Sport gehen wäre eine ausgezeichnete Alternative zum Laufen in der Mittagshitze. Die Fußballprofis fangen ja auch eine Stunde früher mit dem Training an.

Wie gefährlich ist Sport bei großer Hitze für den Organismus?

Ausdauerbelastungen bei über 30 Grad sind wirklich gefährlich, weil dann die Regulationsmechanismen des menschlichen Körpers nicht mehr funktionieren. Das merkt man daran, dass man nicht mehr schwitzt, Kopfweh hat, einem schwindlig ist oder man sich übergibt. Es kann auch zu Schäden des zentralen Nervensytems kommen, Gefäße öffnen sich. Der Blutdruck sinkt, während der Puls steigt.

Wie behandeln Sie einen Patienten, der mit Hitzschlag zu Ihnen kommt?

Zunächst hole ich ihn in den Schatten. Dann würde ich abwägen, ob der Patient dermaßen ausgetrocknet ist, dass man eine Infusion legen muss. Es hilft auch immer, mit Eis Hände und Füße abzureiben.

Aber das Wetter könnte auch Vorteile haben, zum Beispiel, dass man sich nicht so lange aufwärmen muss…

Der einzige Vorteil ist, dass die Spieler auf dem Rasen schön braun werden. Ansonsten wäre es ein großer Irrtum, das Erwärmungsprogramm mit den die Durchblutung steigernden Lockerungsübungen einfach wegzulassen. Dann könnte ich auch bequem in die Sauna gehen und wäre perfekt aufgewärmt.

Man soll viel trinken bei dieser Hitze. Kann ein Fußballprofi mit dem Trinken nachkommen?

Das geht schon. Vier Liter sind das Minimum. Isotonische Getränke sind okay. Man kann sie auch ganz einfach selber machen: Mineralwasser, Apfelsaft dazu und eine Messerspitze Salz. Generell gilt: Wenn man das Durstgefühl spürt, ist es zu spät. Vor dem Sport sollst du trinken, währenddessen und danach.

Würden Sie es befürworten, wenn die Bundesligaspiele erst am Abend stattfinden würden?

Als Mediziner kann ich mich nur dafür aussprechen. Das wäre absolut zu empfehlen. Denken sie an die Leute im Stadion und an den Bildschirmen zu Hause – die wollen ja Hochleistungssport sehen und kein schlaffes Hinund-her-Gerenne. Aber die Profis müssen Leistungen bringen. Allerdings wäre es besser für die Gesundheit, sie würden nur bei etwas niedrigeren Temperaturen sprinten und Tore schießen. Sämtliche Spieler haben schließlich die Pflichtuntersuchung vom DFB mitgemacht, sagen manche. Doch dieses Argument zählt nicht. Bei 40 Grad Fußball zu spielen ist sehr belastend.

Ist es womöglich ungesund, sich als Fan im Stadion ein Bundesligaspiel anzusehen?

Na ja, die Fans werden im Stadion gegrillt. Nach einem Spiel wissen die, wie man sich als Toast fühlt. Wenn noch Alkoholgenuss dazukommt, ist das bei der Hitze extrem gefährlich, weil die Blutgefäße erweitert werden. Ich rate den Fans, rechtzeitig in Richtung Stadion aufzubrechen, damit kein Stress entsteht. Helle Kleidung, Kopfbedeckung und Sonnenschutzcreme nicht vergessen. Die Fans drücken die Daumen, die leben mit. Das ist aufregend genug. Und jetzt haut denen auch noch der Ball von oben 50 Grad ins Stadion.

Das Gespräch führte Esther Kogelboom

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