Zeitung Heute : Die Liebe ist die einzige Wahrheit

Der Tagesspiegel

Von Uwe Schlicht

Berlin ist um ein neues Forum für den Gedankenaustausch über Fragen der Zeit reicher. Die Dominikaner haben nach Institutsgründungen in Brüssel am Sitz der Europäischen Kommission jetzt auch ein Institut in der deutschen Hauptstadt eröffnet. Die Institutsgründungen erfolgen mit Bedacht. Auch in Krakau in Polen sind die Dominikaner aktiv geworden, um ein Standbein für den intellektuellen Diskurs in einem jener Länder zu haben, das bei der Osterweiterung der EU zu den ersten Anwärtern gehört. Das Berliner Institut ist nach dem Dominikanerpater M. Dominique Chenu benannt, der sich besonders um das Aufspüren der sozialen und ökonomischen Herausforderungen seiner Zeit gekümmert hat. Insofern sollen auch in dem Berliner Institut philosophisch-theologische Grundlagenforschung sowie die Glaubensbegründung in Zeiten der Postmoderne im Mittelpunkt stehen. Der gesellschaftliche Wandel wird ein weiterer Schwerpunkt sein.

Der Vikar des Ordensmeisters der Dominikaner in Rom, P. Dominique Renouard, erklärte anlässlich des „Ersten Berliner Chenu-Disputs", es gelte die durch die Zeit aufgeworfenen Fragen mit den Desideraten der Kirche in Verbindung zu bringen. Auch dem Institut ist die Aufgabe gestellt, die Botschaft Christi in einer Zeit zu überbringen, in der die Menschen nur noch im Augenblick leben. In diesem Sinne wurde als Hauptredner für den ersten Chenu-Disput im überfüllten Senatssaal der Humboldt-Universität der Turiner Philosophieprofessor Gianni Vattimo vorgestellt, und zwar als „Philosoph der Postmoderne mit katholischer Tendenz".

In seiner Doppelrolle als Philosophieprofessor und Abgeordneter des europäischen Parlaments versucht Gianni Vattimo eine zeitgemäße Interpretation des Christentums zu geben. Zeitgemäß heißt für ihn, in der Nachfolge von Friedrich Nietzsches Aussage „Gott ist tot" sowie von Martin Heideggers und Hans-Georg Gadamers Hermeneutik, Antworten zu finden. Von diesen Bezugspunkten aus gesehen gibt es für Vattimo keine unumstößliche Wahrheit, sondern nur Interpretationen. Wenn alles Wissen nur Interpretation ist, enthält diese Aussage eine Absage sowohl an die Metaphysik der Philosophen als auch die Gottesbeweise der Theologen.

Aber auch der Bezug auf die Geschichte rechtfertigt es in der Sicht von Vattimo nicht mehr, eine letzte Wahrheit herzuleiten. „Die Interpretation ist wie ein Virus, der alles infiziert, womit er in Berührung kommt. Wenn Tatsachen nichts anderes sind als Interpretation, dann erweist sich die Interpretation als die Tatsache schlechthin." Was bedeutet das für die heutige Zeit? Allein schon durch die Rolle, die heute die Massenmedien mit Rundfunk, Fernsehen, Videos, Internet und Zeitungen spielen, wird es immer schwieriger, sich von der Welt ein Bild zu machen. Die Fülle der Informationen, der Interpretationen und der Sprachen erschwert dieses Geschäft, statt es zu erleichtern.

Vattimo proklamiert das Ende der Metaerzählungen. Er wendet sich gegen jeden absoluten Wahrheitsanspruch, egal ob von Politik, Kirche oder Wissenschaft erhoben. Die Wissenschaft verstehe sich seit der Aufklärung als Sprachrohr der objektiven Wahrheit, das die Menschen frei macht. Die Kirche hat sich andererseits im Laufe der Jahrhunderte den Wissenschaften geöffnet. Sie erkannte, dass die Suche nach Gesetzen, die für alle Gültigkeit haben, es erlaubt, im Namen der Menschheit zu sprechen.

Solange die Kirche jedoch die Gefangene ihrer Buchstabentreue bleibe, werde ihr der Dialog mit anderen großen Religionen der Welt nicht gelingen, sagt Vattimo und empfiehlt der Kirche einen anderen Weg: die christliche Botschaft als Überwindung des Nihilismus zu sehen. Da die Wahrheit, die die Menschen frei mache, nicht mehr die Wahrheit der Wissenschaften oder der Theologie sein könne, bestehe die einzige Wahrheit in der Liebe und der Caritas und damit christlichen Verhaltensweisen. Liebe und Caritas sind keine Metaerzählungen und sie könnten daher nicht entmythologisiert werden, weil sie einen praktischen Appell darstellten. Andererseits bekannte sich Vattimo zu der Aussage, dass die Menschen, die beschlossen hatten, Christus zu folgen, es nicht deswegen taten, weil sie Wunder gesehen hatten, sondern weil sie Jesus aufs Wort glaubten. Insofern sei die Wahrheit die Erfahrung des Hinhörens auf Botschaften. Diese Botschaft lautet für ihn Liebe und Caritas als die einzige Überlebenschance der Menschen.

Der evangelische Theologe Richard Schröder stimmte in seiner Replik zu, dass die Interpretation „unser Schicksal" sei und es daher keine Rückkehr zur christlich-abendländischen Tradition gebe. Aber das Ende der Metaphysik müsse nicht das Ende des christlichen Glaubens sein. Einer Tatsacheninterpretation ohne Grenzen setzte Schröder entgegen, dann könne man zu leicht zu dem alten Sponti-Spruch kommen, alles sei egal bis scheißegal. Damit würde man jeder Beliebigkeit das Wort reden. Es gebe legitime Interessen an Tatsachen und deren Interpretation. Maßstab für die Interpretation müsse die Achtung vor dem Menschen sein. Der Aussage von Vattimo, dass die Liebe der unzerstörbare Kern des Christentums sei, fügte Schröder das Bekenntnis hinzu, durch den Glauben an Christus „sind Tod und Teufel besiegt". Dies lasse er sich nicht nehmen, egal ob Metaerzählungen noch zeitgemäß seien.

Institut M. Dominique Chenu, Schwedter Straße 23 in 10119 Berlin, Telefon: 030/ 44 037 280, E-Mail : IMDC@gmx.net

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