Zeitung Heute : Die Liebe war immer da

Mätressenmaterial – so nannte man Camilla Parker Bowles einst bei Hofe. Nun verkündete Prinz Charles die baldige Hochzeit

Moritz Schuller Matthias Thibaut[London]

Als Charles Camilla zum ersten Mal traf, war Diana neun Jahre alt. Als Camilla Diana zum ersten Mal traf, stellte sie ihr die Frage: „Sie gehen doch nicht jagen, oder?“ – „Worauf denn?“, fragte Diana. „Auf Pferden.“ Diana war, trotz ihres Namens, nie im Leben eine Jägerin. Camilla schon. Ihren Prinzen hat sie nun endgültig erlegt, am 8.April werden die beiden heiraten. Donnerstagvormittag hat ein Sprecher des Thronfolgers dies bekannt gegeben.

Es wird die große Stunde des Standesbeamten von Slough sein. Der Mann wird in der tristen, grauen Bürostadt westlich von London eine der großen königlichen Romanzen der Moderne zu einem glücklichen Ende bringen. 35 Jahre nach ihrer ersten Begegnung dürfen sich der 56-jährige Charles und die 57-jährige Camilla das Ja-Wort geben – sofern die nötigen Gesetze verabschiedet werden und die Parlamente es zum ersten Mal in der 1000-jährigen Geschichte der britischen Monarchie einem zukünftigen König und Oberhaupt der anglikanischen Staatskirche erlauben, eine Ehe auf dem Standesamt zu schließen.

„Meine Urgroßmutter und Ihr Urgroßvater waren Liebhaber. Wie wär’s also mit uns beiden?“, soll Camilla 1970 zu Charles gesagt haben, sehr zur Freude seiner Familie. Camilla Shand war, was man als „Mätressenmaterial“ bezeichnete, eine Frau mit Vergangenheit, sie würde dem Prinzen nur gut tun, dachten die Windsors. „In einem Fall wie dem Ihren sollte sich ein Mann erst einmal die Hörner abstoßen“, schrieb Onkel Mountbatten ermunternd an den jungen Prinzen. Doch warnend fügte er sogleich hinzu: „Aber zur Ehefrau sollte er ein standesgemäßes, reizendes Mädchen nehmen, das noch keinem anderen verfallen ist.“

Mätressen werden selten Königinnen. Und so betrat Charles irgendwann ein Schiff der britischen Kriegsmarine undCamilla heiratete einen anderen. „Ich nehme an, das Gefühl der Leere wird irgendwann vorübergehen“, schrieb der Prinz damals in sein Tagebuch. 30 Jahre später bewegt ihn ein anderes Gefühl: „absolutes Glück“.

War der Thronfolger zu schüchtern, Camilla damals einen Heiratsantrag zu machen? Oder wusste er nur zu gut, dass sie, obwohl Absolventin einschlägiger Fachschulen für höhere Töchter in der Schweiz und in Frankreich, eben doch keine standesgemäße Partie war? Vor allem seine Vertraute, Queen Mum, warnte Charles zeitlebens vor einer Heirat mit Camilla.

Charles ist ein Zauderer, äußerlich gestählt von den kalten Duschen seiner Internatszeit, doch in Wahrheit ein Weicher, ein Ästhet, kein Anpacker. Noch als erwachsener Mann beklagte er seine lieblose Jugend: Nur einmal sei seine Mutter vorbeigekommen, als seine Kinderfrau ihn badete. Sie habe sich auf einen goldenen Stuhl gesetzt, hinter ihr ein Lakai. „Sie steckte ihre Hände nicht ins Badewasser, aber wenigstens hat sie zugeschaut.“ Doch nun hat auch die Queen ihm das Ja-Wort gegeben, vielleicht stimmt inzwischen sogar der Vater zu.

„Wer weiß, was der liebe Gott entscheidet“, hatte Charles geantwortet, als man ihn vor ein paar Jahren nach der Zukunft von Camilla fragte. Nun hat der liebe Gott entschieden. „Unsere wärmsten Wünsche begleiten Charles und Camilla“, ließen die Königin und ihr Prinzkonsort, der Duke of Edinburgh, mitteilen. Charles’ Söhne, Prinz William und Harry, sind „hoch entzückt“.

Auch Tony Blair wünscht viel Glück, dabei ist es nicht lange her, dass sein eigener Pressechef den Kitsch von der „Prinzessin der Herzen“ in die Welt setzte. Das war 1997, nach dem Tod Dianas. Damals bewarfen sie Camilla beim Einkaufen mit Brötchen, die Modemacher nannten sie die Schafswollene, „die größte Bombe seit Hitlers Luftangriffen auf Britannien“. Das war Ausdruck einer fast republikanischen Volksempörung gegen jene Frau, die Diana, die Strahlende, nie Erreichbare, auf dem Gewissen haben sollte. „Queen Camilla“ – wo immer dieses Undenkbare, Unsägliche erklingt, hört man so viel Verachtung und Spott heraus, dass es zum Kampfruf der Charles-Verächter und Antimonarchisten wurde. Camilla, verkündete ihr Schwager in den britischen Boulevardzeitungen, habe „sich einen Dreck“ um Diana gekümmert. „Wenn Camilla ein Kind am Strand gewesen wäre, dann hätte sie die Sandburgen der anderen Kinder zerstört.“

Nur wenige wunderten sich wirklich, dass Charles so zögerlich war, als man ihn nach seiner Liebe zu Diana fragte. Da saß er neben dieser blutjungen Kindergärtnerin Diana Spencer und wurde gefragt, ob er verliebt sei – und brachte nicht mehr heraus als „was immer das heißt“. Nur wenige Tage vor ihrer Hochzeit mit Charles stieß Diana auf ein kleines Paket: Es enthielt eine inzwischen berühmte Goldkette mit einem blauen Emailanhänger. Ein Geschenk an Charles von Camilla. Diana rannte die Treppen hoch zu ihren Schwestern. „Zu spät“, antworteten die nur, „dein Konterfei ist bereits auf die Küchentücher gedruckt.“ Diana hatte – als eine der letzten im Königshaus – erkannt, dass nicht sie die große Liebe von Charles Windsor war, sondern Camilla. Und dass die beiden ihre Liebesbeziehung irgendwann in den 80er Jahren wieder aufnahmen. Später, als die Schlammschlacht in vollem Gange war, sagte sie in einem ebenso berühmten Fernsehinterview tränenerstickt: „Es gab drei in dieser Ehe. Also war es ein wenig voll.“ Da sagte sie auch, dass sie versucht habe, sich umzubringen.

Charles fragte Diana angeblich in Camillas Gemüsegarten, ob sie ihn heiraten wolle. Freundinnen sind die beiden nie geworden. „Ich habe meinen Mann an eine Frau verloren, die vom Nikotin gelbe Zähne hat“, sagte Diana einmal. 40 Marlboro-Zigaretten pro Tag haben an den Zähnen des „Rottweilers“ ihre Spuren hinterlassen.  Stattdessen wurde aus diesem Dreieck eine Geschichte von Herz und Krone, Liebe und Palastintrigen, Standesregeln und bürgerlichem Glücksbedürfnis, wie sie Dame Barbara Cartland – Dianas Stiefgroßmutter – in ihren Groschenromanen nicht besser hätte erfinden können.

Den Tiefpunkt erreichte die Seifenoper, als die „Sun“ die heimlichen Mitschnitte von Charles’ und Camillas Telefonaten veröffentlichte, in denen Charles es nicht nur bei „I love you“ beließ, sondern auch fantasievollere Herzlichkeiten hinterherschickte. „Camillagate“ bedeutet, dass jeder nun wusste, dass Charles von einer Existenz als Camillas Tampon träumte. Wie Charles und Camilla hinter den Plüschsofas versanken, las man in der Boulevardpresse, während die schüchterne Diana einsam durch die Paläste wandelte. Wie Diana vor Camilla „schreckenserstarrt“ war, sich verzweifelt die Treppe herunterwarf, als sie mit Charles’ Kind schwanger war. Viel später kam dann der Dialog, der mehr Schiller als Cartland war: „Du hast doch alles, was du willst“, sagte Camilla zu ihr. „Du hast alle Männer in der Welt, die dir zu Füssen liegen. Du hast zwei wunderbare Kinder, was willst du mehr?“ „Meinen Mann“, sagte Diana und setzte dann noch dieses hinzu: „Sorry, dass ich im Weg bin. Es muss für Euch beide die Hölle sein.“

Diana Spencer, die Hintergangene, die Naive, die Gejagte ist im Himmel gelandet. Wie eine letzte Rache verzögert dieser Tod 1997 die öffentliche Annäherung von Charles und Camilla. Erst 1999 wagt der Thronfolger eine Inszenierung für die Presse: Als Charles und Camilla an einem Januartag um kurz vor Mitternacht aus dem Londoner Ritz treten und zehn Sekunden lang gemeinsam im Blitzlicht der versammelten Paparazzi stehenen, seufzt schließlich die „Sun“: „Endlich“. Das Paar, von dem es bis zu diesem Zeitpunkt nur ein uraltes Schwarz-weiß- Foto gab, hatte sich damit offiziell geoutet. Was nach dem Unfalltod von Diana noch unmöglich erschien, war in wenigen Sekunden über die Bühne gebracht.

Doch an eine Heirat war auch dann nicht zu denken. „Bed her, don’t wed her“ („Schlaf mit ihr, aber heirate sie nicht“) lautete der Rat, wieder einmal. Auch die Königin tat sich lange schwer damit, der oft etwas struppigen und ruppigen Camilla die Hand zu reichen. Am Ende lobte der „Sunday Mirror“ die Queen: „Sie biss in den sauren Apfel und traf die Frau, die die Ehe ihres Sohnes zerstörte.“

Schließlich gab sogar die anglikanische Kirche, der Charles als König vorstehen würde, im vergangenen Juni ihren Segen: „Er ist der Thronerbe und er liebt sie. Natürlich sollen sie heiraten.“ Der zweite Satz des Erzbischofs von Canterbury klingt im Englischen noch zwangsläufiger: „The natural thing is that they should get married.“

Selbst Charles, der Zögerer, sah das Natürliche wohl ein. Im vergangenen November sagte er die Teilnahme an der Hochzeit seines Patensohnes Edward van Cutsem ab, weil Camilla Parker Bowles als „einfache Mätresse“ nicht neben ihm auf der Kirchenbank Platz nehmen durfte. Da ist ihm klar geworden, dass es an der Zeit sei, zu handeln. Zu heiraten. Camilla, fürchteten die Thronberater damals, „ist der Mühlstein, der Charles hinunterziehen wird“. Vielleicht war es diese Demütigung der Freundin, die Charles bewog, den Spekulationen um seine Lebensgefährtin ein Ende zu machen.

Camilla Parker Bowles, geborene Shand, 57 Jahre alt, ist bekannt für ihre robuste Naturliebe. Sie ist eine handfeste Anti-Diana, geschickt im Lenken von Land Rovern und Pferden. Die Mutter zweier Kinder ist inzwischen als feste Partnerin in Charles’ Londoner Stadtschloss installiert. Als Charles nach Clarence House, das leere Haus seiner Großmutter, umzog, ließ er ein paar Räume aufwändig für Camilla renovieren. Die meisten Briten haben sich mit dieser Mrs. Windsor abgefunden, ihnen ist die Heirat laut Umfragen egal. Das reicht Charles. Als gestern in der Nähe von Highgrove, seinem Landsitz, Nachbarn befragt wurden, wünschten sie den beiden Glück. Ob sie den Schritt befürworten? „Nicht besonders.“

Camilla hat in all diesen Jahren geschwiegen. Auch als Charles selbst sie 1994 in einem Fernsehinterview outete und – eine seiner großen Publicity-Katastrophen – Ehebruch zugab: „Mrs. Parker Bowles ist eine gute Freundin von mir… eine Freundin seit sehr langer Zeit.“ Camilla schwieg loyal, auch als sie sich 1995 von ihrem Mann, einem Kavallerie-Offizier, scheiden ließ. Sie schwieg, als über ihren ersten gemeinsamen Urlaub mit Charles im Mittelmeer berichtet wurde. Erst 1999 öffnete sie zum ersten Mal ihren Mund, und wer genau hinhörte, konnte ein leichtes Lispeln hörte. Die Öffentlichkeitsarbeiter von Prinz Charles hatten sie zur Präsidentin der Gesellschaft zur Bekämpfung der Osteoporose gemacht, an der Camillas Mutter gelitten hatte. Die Rehabilitation der Mätresse, ihre Verwandlung in die Frau des Thronfolgers, hatte begonnen.

Vor 24 Jahren, auch im Februar, verkündete das britische Königshaus die Verlobung von Prinz Charles und Lady Diana Spencer. Im Januar hatte er Diana von seiner „Verwirrung“ geschrieben. „Es scheint lächerlich, denn ich will wirklich das richtige tun für dieses Land und für meine Familie – aber ich habe manchmal Angst, ein Versprechen zu geben, das ich vielleicht den Rest meines Lebens bereue.“ Nun beginnt für Charles ein neues Leben, ein Leben, das er auch schon vor 30 Jahren hätte beginnen können. Camilla wollte damals nicht warten, er durfte sie nicht wollen. Sie, die umstandslosere, verliebte sich in den Exfreund von Charles’ Schwester Anne und wurde so Camilla Parker Bowles. Königin wird sie auch jetzt nicht werden, sondern „königliche Hoheit, Prinzessin Gemahlin“. Und vielleicht hat er mit ihr Abschied von der Krone genommen.

„Choice and circumstance“, „eigene Entscheidung und äußere Umstände“, sagte ein britischer Königshausexperte, hätten dazu geführt, dass Charles’ und Camillas Wege sich wieder trennten. Doch Charles hat einen langen, trotzigen Kampf geführt, mit sich und seiner ersten Frau, um zu verstehen, dass Camilla nicht nur ein Teil seines Lebens, sondern die Liebe seines Lebens ist. Und vielleicht hat er auch bemerkt, dass selbst ein Prinzenleben nicht ewig dauert.

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