Zeitung Heute : Die Liebe zum feinen Weiß

Die einst glanzvolle Porzellanmanufaktur KPM lag in Scherben, als sie der Banker Jörg Woltmann übernahm: Jetzt geht es wieder aufwärts

Elisabeth Binder

Optimistisch war Jörg Woltmann schon, als die Mauer noch stand. Mit einem Partner gründete er in Berlin die Allgemeine Beamtenkasse und war mit 32 Deutschlands jüngster Bankdirektor. Als solcher verdiente er das Geld, das er 27 Jahre später brauchte, als er seine Lebensaufgabe fand. Die KPM stand vor der Insolvenz. Eine Woche lang reifte die Entscheidung in ihm. Dann war der Beschluss gefasst. Er wollte das kranke Unternehmen vor der Insolvenz retten und wieder lebenstüchtig machen. Seine Liebe zu Berlin war von Anfang an unerschütterlich.

Geboren wurde er 1947 in Tiergarten, wuchs zusammen mit seinem Bruder ohne Vater auf. Die Mutter brachte die Familie als Designerin durch. Die Übernahme der KPM im Februar 2006 hat sie noch mitbekommen, vielleicht mit leichter Sorge: „Wieso lädt sich der Sohn das noch auf?“

Darauf gibt es klare Antworten. Eine Mischung aus Berlin-Patriotismus und Mäzenatentum ist im Spiel. Und Traditionsverbundenheit. „Ich wollte nicht zulassen, dass dieses Unternehmen nicht mehr existiert.“ Für den 62-Jährigen ist die KPM ein Kulturgut, das älteste produzierende Unternehmen in Berlin. Sieben Königen und Kaisern hat sie gehört. Als sie unter die Regie des Senats geriet, gab es zu häufige Wechsel an der Spitze, neun Geschäftsführer in zwölf Jahren – zu viel.

Jörg Woltmann liebt Berlin und seine Traditionen. Es hat ihn niemals weggezogen, für Reisen hat er heute sowieso viel weniger Zeit als früher, das Golfspielen hat er aufgegeben. Nur in seinem Lions Club engagiert er sich noch. Seit über drei Jahren hat er nun zwei Berufe. Vormittags ist er in der KPM, nachmittags in der Bank. Täglich arbeitet er zwölf Stunden – an sechs Tagen in der Woche. Er wirkt dabei überhaupt nicht gestresst, sondern sehr gelassen, in sich ruhend. Da er das, was er tut, gerne tut, verschmelzen für ihn Arbeit und Freizeit. Er hat gewissermaßen seine Berufung gefunden.

Schon als Kind hat Jörg Woltmann von KPM-Porzellan gegessen und tut es in seinem Dahlemer Haus heute noch. In den letzten drei Jahren hat sich einiges geändert bei der KPM. Die Zeichen stehen auf Zukunft. Woltmann ist überzeugt: „Die KPM ist eine Luxusmarke, die Handarbeit in höchster Qualität liefert, und die Welt, in der Menschen so was zu schätzen wissen, ist groß.“ Als er die Firma übernahm, lag die Exportquote bei sieben Prozent. Inzwischen ist er schon bei 20 Prozent. Vielleicht verlangsamt die Krise das Erreichen seines Ziels von 40 Prozent, aber er hat keinen Zweifel daran, dass er es erreichen wird. Er hat ja schon so viel erreicht in den vergangenen drei Jahren.

Stolz führt er durch die neue KPM-Welt, die Ausstellung über die Geschichte des Unternehmens. Im Zepterraum, dessen Kuppel dem Sternenhimmel nachempfunden ist, den Karl Friedrich Schinkel für das Bühnenbild von Mozarts Zauberflöte entworfen hat, deutet er auf das neue Zepter, das er als Markenzeichen entwerfen ließ. Zeigt auf die feine Malarbeit einer Schale aus dem 19. Jahrhundert, auf alte Staatsgaben, die Macht symbolisierten, auf Märcheninstallationen wie „Die Prinzessin auf der Erbse“. Als Damenprogramm ist diese Tour auch im Rahmen von Staatsbesuchen beliebt. Der Rundgang endet im neuen Showroom, in dem es auch kleine Vasen gibt, die Lust zum Kaufen machen, ohne ein Vermögen zu kosten. „Im Verhältnis ist das alles nicht so teuer“, sagt Woltmann. „Wenn man für 4000 Euro ein weißes Geschirr kauft, hält das ja ein Leben lang. Das ist eine Investition.“ Erst kürzlich habe ein Kunde Ersatzstücke anfertigen lassen für ein Geschirr, das seine Großeltern 1905 gekauft hatten. Er selbst kann sich immer noch daran freuen, aus einer schönen Tasse zu trinken. Auch im hellen, luftigen KPM-Café, das er einrichten ließ, wird der Kaffee in KPM-Tassen serviert. Mitten in Berlin ist so eine Erlebnislandschaft entstanden für Porzellanfans aus aller Welt.

Massenware, KPM light, das wird es unter seiner Regie freilich nicht geben, stattdessen lieber eine weltweite Streuung des Berliner Porzellans. Jörg Woltmann tritt konservativ auf, wie man es von einem Banker erwartet, aber er schwärmt von Berlin mit echtem Enthusiasmus. „In dieser Stadt steckt unglaublich viel Potenzial.“ Er liebt es, der Stadt beim Wachsen und Blühen zuzusehen, liebt auch den Umgang mit den vielen jungen Kreativen. Wenn man so will, ist die KPM für ihn die ideale Ergänzung zum Bankgeschäft, etwas, wo er das gestalterische Erbe der Mutter ausleben kann. Und ja, er will arbeiten, bis er umfällt. Spätestens dann soll die KPM für mindestens 150 Jahre wieder lebensfähig sein. Es freut ihn, dass auch seine 24-jährige Tochter, die Design studiert hat, inzwischen im Unternehmen tätig ist.

Die Porzellanmaler, die zehn Jahre brauchen, um vollendete Reife zu erlangen, betrachtet er mit Bewunderung. Auch das Wort „Ehrfurcht“ kommt ihm im Zusammenhang mit seinem Unternehmen leicht über die Lippen. Die Krise hat seiner Bank nichts anhaben können. „Es diszipliniert, wenn man mit eigenem Vermögen haften muss. Ich kaufe und verkaufe nur Papiere, die ich auch verstehen kann, und Geld verleihe ich an Menschen, denen ich vertraue.“ Vielleicht könnte ein allgemeines Comeback preußischer Tugenden noch mehr retten als die ehrwürdige KPM, deren alte Vasen zum Teil erstaunlich modern wirken.

www.kpm.de

Die KPM ist eine Luxusmarke, die Handarbeit in höchster Qualität liefert,

und die Welt, in der Menschen so was zu schätzen wissen, ist groß.“

Jörg Woltmann, KPM-Besitzer

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