Zeitung Heute : Die Liebesdienerin

Die zu ihr gebracht werden, kennen den eigenen Körper kaum. Jahrzehntelang blieb geistig Behinderten Erotik verwehrt. Dafür ist nun Nina de Vries da: Sie bringt ihnen Sexualität nahe. Psychologen sagen, dass das hilft. De Vries sagt, es helfe auch ihr selbst.

Verena Friederike Hasel

Fee, denkt man. Weißes Gewand, das unerklärlich um den Körper fließt, rosa Pantoffeln, ein leises Klingeln bei jeder Bewegung, an ihrem Überwurf hängen Glöckchen. „So ein Quatsch!“, ruft sie, „schreib ja nicht so einen Quatsch über mich.“ Und wäre da nicht der holländische Akzent, der alle Schärfen in freundliche Knubbel verwandelt, Nina de Vries würde richtig böse klingen. Keine Fee also, was dann – eine Prostituierte? Andere würden ihren Kopf jetzt schütteln, Nina de Vries wirft ihn zur einen wie zur anderen Seite, und das Klingeln wird lauter. Erneuter Versuch, diesmal mit „Berührerin“, so wurde sie in einer Talkshow einmal genannt. Wieder das Kopfwerfen und Klingeln. Weder das grobe noch das zarte Wort behagt Nina de Vries, sie will es sachlich: „Ich bin eine Sexualbegleiterin.“

Die 46 Jahre alte Holländerin, die seit 1990 in Berlin lebt, ist seit sieben Jahren spezialisiert auf die Arbeit mit geistig Behinderten. Sie spricht auf Tagungen von Organisationen wie Pro Familia und Caritas und hat in der Schweiz eine Sexualbegleiter-Ausbildung geleitet. Schwer vorzustellen, was so eine macht. „Ja, meinst du denn, jeder weiß, wie Sex geht?“, fragt Nina de Vries kampfeslustig.

Valentin Schneider* weiß es nicht. Der 34-Jährige weiß vieles nicht übers Miteinander, er ist Autist, verkapselt in einer eigenen Welt, deren Zeichen man erst dechiffrieren muss. Streckt man ihm zur Begrüßung die Hand entgegen, kann es sein, dass er sich wegdreht und den Rücken zeigt. Kein Zeichen der Ablehnung, sagt sein Betreuer Andreas Westerbarkei von der Stephanus-Stiftung – in einem ihrer Häuser lebt Schneider –, eine Aufforderung zum Streicheln vielmehr. Vor etwa zwei Jahren fing es an, dass Valentin Schneider Passanten auf der Straße immer häufiger seinen Rücken darbot, in der U-Bahn zu dicht an seine Sitznachbarn heranrutschte. Ein Psychologe der Stephanus-Stiftung erzählte dem Theologen Westerbarkei von Nina de Vries, der rief sie an. Und zu Schneider sagte er: „Wir gehen an einen Ort, wo viel mit deinem Rücken passiert.“

Gerade ist Schneiders 20. Stunde bei Nina de Vries, er zahlt weniger als das übliche Honorar von 80 Euro, weil er sich so viel nicht leisten kann. Westerbarkei hat ihn gebracht, jetzt wartet er in der Wohnküche. Als Schneider das erste Mal ausprobierte, wie das so ist, wenn man einem anderen den Rücken nicht aufdrängen muss, dieser sich einfach so um ihn kümmert, saß sein Betreuer im Badezimmer, direkt neben dem Raum, in dem Nina de Vries und Valentin Schneider waren. „Ich wollte schnell zur Stelle sein, für den Fall, dass…“

Westerbarkei führt den Satz nicht zu Ende, sagt nicht, welcher Fall erfordert hätte, dass er eingreift. Er weiß nicht genau, was sich drinnen abspielte. Schneider könnte es nicht sagen, selbst wenn er wollte, und de Vries trägt nicht alles heraus aus dem Raum. Grundsätzlich, sagt sie, macht sie das, was ihr Klient sich wünscht, mit Ausnahme von Oral- und Geschlechtsverkehr; streichelt, fasst an und zieht auch sich selbst aus. Und so beobachtet Andreas Westerbarkei vor allem Schneiders Verhalten – wie er sich den Bauch rieb nach seinem ersten Termin bei Nina de Vries, Signal, dass ihm etwas gefällt, wie er die Puppen im therapeutischen Spiel nicht mehr nur hinten, sondern auch vorne streichelte, wie er ihm manchmal die Visitenkarte von de Vries entgegenhält.

Gern würde Andreas Westerbarkei sich jetzt eine Pfeife anzünden, aber das geht hier drinnen nicht. Er habe sich, so sagt der Theologe, mit Schneider auf den Weg eines Abenteuers begeben. Und fügt dann hinzu: „Nina tut ihm gut. Er will eben nicht nur essen.“

Satt und sauber, das war die Maxime der Behindertenarbeit in den 50er und 60er Jahren; es war die Richtung, die hinauswies aus Nazideutschland, in dem Adolf Hitler 1939 verfügte, „dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Gesundheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann“. Nach den Jahren der „Euthanasie“ wurden Behinderte dann verwahrt wie Kinder, denen keine Sexualität zugestanden wird; Ziel der Betreuung sei, so steht es in einem Ratgeber von damals, „die Erziehung zu einem ehelosen Leben“. Die Begründung: Behinderte seien unfähig, Kinder aufzuziehen. Doch auch nach der Entwicklung der Pille blieb die Sexualität Behinderter ein Tabu. Erst im letzten Jahrzehnt setzte sich die Erkenntnis durch, dass die sexualbiologische Reifung unabhängig von der geistigen Entwicklung verläuft, geistig Behinderte Bedürfnisse verspüren, denen sie meist nicht nachkommen können.

Vielleicht kann man es sich vorstellen wie ein Jucken, ohne dass man sich kratzen kann. Eine geistig behinderte Frau gebärdete sich zunehmend aggressiv, bis Nina de Vries ihr in der Badewanne zeigte, wie man sich selbst befriedigt. Vielleicht ist es aber auch wie die Sehnsucht, die schon die Berührung des Friseurs auslösen kann, wenn man lange nicht mehr umarmt wurde, wie bei Schneider, dessen Rücken es nach fremden Händen verlangt.

„Mir ist heiß“, sagt Nina de Vries und fühlt mit der Hand ihre Wange. Sie sitzt in einem Café in Berlin-Mitte, vor ihr steht eine Tasse Tee, daneben liegt ein durchsichtiges Tütchen mit Nüssen. „Ich kriege Hitzewallungen“, sagt sie. „Ich brenne!“ Einmal Luftfächern, dann nimmt sie noch eine Nuss. Das Feuer ist vergangen. „Wo war ich stehengeblieben?“, fragt sie. „Ach ja, ich habe kein gesellschaftspolitisches Anliegen, das sage ich immer gern.“ Im Gespräch reguliert Nina de Vries die Anzahl ihrer Wörter, als würde sie einen Wasserhahn öffnen und schließen. Der Hahn geht auf, wenn sie über ihre vergangene Arbeit als Ausbilderin für Sexualbegleitung redet. An sechs Wochenenden standen da etwa im Plan: „Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität, Entspannung, Massage, Körperehrung“. Das sei nicht für jeden etwas. Sie habe reihenweise Bewerbungen wegsortiert, habe Leuten sagen müssen: Vergiss es, geh’, mach was anderes. Viele hätten die falsche Motivation. Und dann geht der Hahn zu, und sie hält inne: „Also, was war die Frage?“

Die Frage ist, was überhaupt die Motivation sein kann für so eine Arbeit, und vielleicht ist es genau diese Frage, an der sich der Beruf von Nina de Vries am deutlichsten von anderen unterscheidet. Wenn einer Arzt wird, fragt ihn keiner, was ihn dazu bringt, Menschen zu helfen. Sieht die Hilfe dagegen aus wie die von Nina de Vries, dann will man es wissen: Warum überschreitet jemand derart die Grenzen zwischen Intimität und Fremdheit? Dieses Darum Fremden zu erklären ist Nina de Vries mitunter leid, dann sagt sie, sie sei Sexualtherapeutin oder sie arbeite mit Behinderten. Nur manchmal erzählt sie spontan von ihrer Arbeit; neulich im Zug tat sie es einmal, weil ihr einer so sympathisch war. Ihm war leicht zu erklären, was das Wesen von Helfen ist: dass man selbst verwundet sein müsse, um Verwundeten zu helfen, dass man dem eigenen Schmerz nur einen Sinn geben könne, wenn man ihn verarbeite, verwende, verwandle. Dass man nie, wie die Ausbildungsbewerber, die Nina de Vries abwies, glaubten, selbstlos handle in so einem Beruf. Weil Helfen nicht schnurgerade in eine Richtung ziele, sondern man auch etwas bekomme.

Und was bedeutet das angewendet auf Nina de Vries? Eine Jugend, so sagt sie, die vor allem der Versuch war zu überleben, besonders nach dem Tod der Mutter, als Nina de Vries 15 war. Nun endlich ein Leben hier in Berlin, wo sie mit ihrem zehn Jahre jüngeren Freund lebt, ohne Kinder, mit einer Arbeit, die sie ihre „Medizin“ nennt. Bittet man sie, das, was sie da Medizin nennt, zu beschreiben, spricht sie von dem Vertrauen, der Wertschätzung, die ihr entgegengebracht werden. Was ihre Tätigkeit ihr außerdem gibt, davon formt sich ein Bild, als sie sagt, sie habe sich als Mädchen vorstellen können, Schiffskapitänin oder Nonne zu werden. Zwei Extreme, die sich aber in einem Punkt treffen, in dem Wunsch nach einer Berührung mit dem Unversehrten. Wer sich jemandem so zeigt, wie dieser einen anderen Menschen noch nie gesehen hat, formt den fremden Blick und erhält im staunenden Antlitz des Betrachters womöglich auch ein Gefühl für sich selbst, das er zuvor nicht empfand.

Dass diese Momente zu zweit rundum betreut, vor- und nachbereitet werden, bemängeln Kritiker wie Bernd Ahrbeck, Professor am Institut für Rehawissenschaften der Berliner Humboldt-Universität. Allzu viele Personen seien an dieser sexuellen Begegnung beteiligt. Mitunter sind es gar die Eltern, die den Sexualpartner für den Behinderten auswählen, die Betreuer begleiten ihn zu den Treffen, die Therapeuten berichten, wie sich die Treffen auf das Verhalten auswirken. Und so bedrohe der Versuch, Behinderten das Intimste zu ermöglichen, zugleich deren Autonomie.

„Zuerst begrüßen wir uns“, sagt Joachim Gent*. Der leicht geistig behinderte 55-Jährige sitzt in der Küche von Nina de Vries, seit März 2005 kommt er etwa alle zwei Monate hierher. „Dort.“ Mit seinen langen schmalen Fingern deutet Gent zur Wohnungstür. „Dann gehen wir den Flur hinunter.“ Ein Fingerzeig in den Korridor. „Und dann gehen wir ins Zimmer.“ Gent deutet auf die Tür des Zimmers, in dem das Bett steht, dann beugt er seinen Kopf über den Tisch und sagt nichts mehr. Die Zimmertür ist geschlossen. Sie markiert die Grenze – auch zu seinem Intimbereich. Und so schweigt er.

Joachim Gent steht auf, Nina de Vries kommt mit, sie gehen Arm in Arm, er streichelt ihren Rücken. Von hinten sieht es aus wie Liebe.

* Namen geändert.

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