Zeitung Heute : „Die Linke hat kein Herz“

Der Tagesspiegel

Wie konnte Jean-Marie Le Pen bei der Präsidentschaftswahl so weit nach vorn kommen?

Ich denke, wir müssen uns auch fragen, warum in Europa ein linkes Reformprojekt nach dem anderen scheitert.

Und warum ist das so?

Weil die Wähler glauben, die Linke habe kein Herz. Sie empfinden es als schreiende Ungerechtigkeit, dass von dem unermesslichen Reichtum nur wenige profitieren – im nationalen wie internationalen Kontext. Die Linke hat darauf keine Antwort gefunden. Und sie schafft es auch nicht, auf die Unsicherheit einzugehen, die durch die Globalisierung ausgelöst wird.

Trifft das auch auf Deutschland zu?

Ich kann Gerhard Schröder nur warnen. Nur in der Mitte wird eine Wahl nicht gewonnen. Das macht gerade das Thema Globalisierung deutlich. Die radikalen Linksparteien haben dieses Problem in Frankreich sehr viel effektiver angesprochen als Jospin oder die Grünen. Die Grünen, auch die in Deutschland, müssen zudem erklären, wie sie soziale und ökologische Gerechtigkeit sicherstellen wollen, ohne eine überregulierte Gesellschaft zu schaffen. Denn auch das ist ein Kritikpunkt an den linken Reformprojekten.

War den Franzosen die fatale Außenwirkung ihrer Wahl nicht bewusst?

In Frankreich herrscht eine Big-Brother-Mentalität. Die Aufmerksamkeit ist völlig nach innen gerichtet. Man darf aber eines nicht vergessen: Le Pens bester Wahlhelfer war kein anderer als Jacques Chirac. Der hat beim Thema Innere Sicherheit argumentiert, wie Le Pen es seit 20 Jahren tut.

Und die Linke? Hat sie das Thema verdrängt?

Wir haben eher unterschätzt, wie wichtig es ist, eine linke Antwort auf diese Problematik zu finden. Es reicht nicht, nach Polizei und Justiz zu rufen. Eine linke Perspektive besteht darin, den Wählern klar zu machen, dass soziale Kriminalität nur langfristig bekämpft werden kann. Nur, wenn wir das soziale Netz in den Vorstädten wieder zusammenfügen, können wir etwas ändern. Das bedeutet jedoch, dass man viel Geld für Projekte ausgeben muss, die sich nicht direkt in Wählerstimmen verwandeln lassen.

Sind die Wähler überhaupt noch bereit, sich ernsthaft mit Politik auseinander zu setzen?

Die französische Gesellschaft ist letztlich das Spiegelbild ihres politischen Systems, und das ist völlig verrückt. Durch die Zersplitterung sind im zweiten Wahlgang nicht einmal 25 Prozent der Wähler repräsentiert.

Das Gespräch führte Ulrike Scheffer.

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