Zeitung Heute : Die Lüge Kunst genießen

Wie ein Berliner, Ost, die Stadt erleben kann

David Ensikat

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Früher ist Kunst vor allem dem Künstler schwer gefallen. Der hatte ordentlich zu tun, und die Betrachter haben sich dann schnöde dran ergötzt. Ignoranten meinen, dass sich das inzwischen umgekehrt habe: Künstler machen irgendwas, sehen zu, dass sie schnell fertig werden, setzen sich dann hin und freuen sich über die Mühen der Betrachter, ihre Intentionen zu entschlüsseln. Besonders freuen sie sich, wenn sie gar keine Intentionen hatten, und wenn den bemühten Betrachtern trotzdem ganz viele einfallen. Gemein sei das, finden die Ignoranten, sie sagen: Das könnt’ ich auch –, dann fällt ihnen aber nicht einmal was Intentionsloses ein, und darüber kann man ja auch ganz froh sein.

Die Ignoranten (und eigentlich auch alle anderen) sollten sich mal aus der Stadt mit ihren Galerien und Museen herausbegeben, sollten in die wohl kunstloseste Gegend des Landes fahren, in die Ostprignitz, und sollten sich ansehen, was Reinhard Zabka so macht.

Ob sich Reinhard Zabka selbst als zeitgenössischer Künstler bezeichnet, wissen wir nicht. Seine Kunst verkauft sich schlecht – oder überhaupt nicht – oder vielleicht versucht Rainer Zabka auch gar nicht, seine Kunst zu verkaufen, weil er glaubt, dass sie keiner kaufen will. Er könnte Recht haben, denn seine Kunst sieht gar nicht aus wie zeitgenössische Kunst, die man in Galerien kaufen kann. Sie lässt auch beim bemühtesten Betrachter kaum den Verdacht aufkommen, dass da eine Intention dahinter stecken könnte. Und: Sie ist schön, sie ist amüsant, sie ist – erbaulich.

Dass sich all das für zeitgenössische Kunst nicht gehört, weiß Reinhard Zabka, und deshalb sagt er einen ganz grauseligen Satz: „Mir geht es um die Vermittlung zeitgenössischer Kunst im öffentlichen Raum“.

Da macht einer so schöne Sachen und sagt dann so was. Liegt wohl am Misstrauen bemühten Betrachtern gegenüber: Nachher denken die, man sei kein zeitgenössischer Künstler.

Vergessen wir das ganz schnell und gucken uns Reinhard Zabkas Ausstellung, die ein Museum ist, an. Da gibt es Willy Brandts Geburtsstube und das Holzflugzeug, mit dem der kleine Willy mal gespielt hat, es gibt einen Elvis-Schrein, eine Kathedrale des Sozialismus, Zielscheiben, auf die die Direktorin des Museums Emma von Hohenbüssow draufgeschissen hat (Emma von Hohenbüssow ist inzwischen tot und war ein Huhn), es gibt ein Radio, aus dem die letzte Tonaufnahme der Titanic tönt, und es gibt viele klappernde und rasselnde Wunderwerke, bei denen man sich nur fragt: Wer wischt da eigentlich Staub?

Das Museum heißt Lügenmuseum, und das liegt daran, dass Reinhard Zabka eine viel zu ehrliche Haut ist, um als echter zeitgenössischer Künstler durchzugehen. Er gibt zu, dass das Glucksen von der Titanic gar nicht von der Titanic kommt, er sagt: Ich mein’s ja nicht so. Die Ignoranten jedenfalls sollten davon ausgehen, dass Herr Zabka Zeitgenosse und Künstler ist, und sie sollten sich freuen, dass er’s ihnen so leicht macht.

Das Lügenmuseum ist das beste Museum der Welt. Es steht in Gantikow bei Kyritz, 120 km nordwestlich von Berlin, offen 10-18 Uhr, Telefon: 033971-54782, www.luegenmuseum.de .

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