Zeitung Heute : Die Luft in den Markthallen wird dünner

Der Tagesspiegel

Von Thomas Loy

Eier einkaufen kann man auch so, als ob man dabei ins Kino geht. Die Augen werden größer und größer, das Bewusstsein füllt sich mit warmen Gedanken. Plötzlich sieht alles aus wie in 1001 Nacht oder wie bei Eierhändler Jörg Grams, der mitten in der Arminius-Markthalle Moabit steht. Vor ihm ein Körbchen mit bunten Ostereiern, zu beiden Seiten kleine Hügel aus hellen und dunkleren Freiland- und Käfigeiern, auf Stroh gebettet und harmonisch mit Eierlikörflaschen eingefasst. Jörg Grams bietet hochprozentige Markttreiben-Nostalgie, passend für jeden historischen Fotoband. Klar, dass solch ein Eierhändler zu einer „aussterbenden Gattung“ gehört und der Stand von Grams in einer „sterbenden Halle“ liegt. Und, wie sieht ein Eierhändler die Zukunft? „Et weeß keen Mensch, wat morgen wird.“

Die Berliner Markthallen sind eine Touristenattraktion, ein Fotohintergrund für Lokalpolitiker, die ihre Kiezverwurzelung präsentieren – und ein verkaufsstrategisches Auslaufmodell. Die Kurve der Umsätze flacht immer weiter ab, viele Stände stehen leer, und die Stimmung ist gedämpft bis mies. Die teilweise über 100 Jahre alten Hallen, quasi Vorläufer des modernen Einkaufszentrums, bieten zwar viel Urberliner Ambiente, aber keine Klimaanlage, keine automatische Drehtür und keine Hochglanzschaufenster. Dabei ist eines klar: Sollten die alten Markthallen untergehen, wäre Berlin auf dem Weg zur gesichtslosen Einheitsmetropole wieder vorangekommen.

Die Genossenschaft, die für die drei öffentlichen Markthallen am Marheinekeplatz, in der Eisenbahnstraße (beide Kreuzberg) und an der Arminiusstraße (Moabit) zuständig ist, gibt sich ratlos. Geschäftsführer Michael Bahr weiß zwar, woran es krankt – natürlich die schlechte wirtschaftliche Lage – machen könne man aber nichts dagegen. Oder doch: Mehr Filialisten reinlassen. In der Müllerhalle in Wedding gehört der Penny-Markt schon fast zu den ältesten Händlern, in der Eisenbahnhalle in Kreuzberg sind Aldi und Drospa untergekommen und die Arminiushalle, die größte von allen, sollte eigentlich schon mit Schlecker und Norma ausgestattet sein. Nur gibt es Ärger mit der Bauaufsicht und dem Denkmalschutz: Sie bestehen auf dem Einbau feuerfester Wände und einer Sprinkleranlage. Die Genossenschaft würde das mehr als 100000 Euro kosten. Geschäftsführer Bahr warnt: „Der Etat für Umbauten ist festgelegt. Ich weiß nicht, ob wir mehr Geld bekommen. Wenn eine Halle dichtmacht, gehen alle drei den Bach runter.“

Am Marheinekeplatz in Kreuzberg musste bislang noch kein Filialist einziehen. Bis auf einen Stand ist überall Betrieb. Am Wochenende entsteht sogar richtiges Gedränge in den engen Gassen. Es gebe eben ein intaktes Kiez-Hinterland und keine Kaufcenter-Konkurrenz in der Nähe, erklären die Händler. Textil-Fachmann Werner Miels, seit 20 Jahren in der Halle, beschreibt seinen Umsatz als „noch erträglich“. In einem Jahr macht er seine Bude dicht. Einen Nachfolger werde er in seiner Branche wohl nicht finden. Im Übrigen hat Miels volles Verständnis für den Treck der Berliner in die Einkaufspassagen. „Das ist das Beste und Schönste, was es gibt.“ Und die Touristen? Klar, in Bussen werden die herangekarrt, laufen einmal durch und sind wieder weg. „Das ist wie im Zoo. Da würden sie ja auch keinen Affen kaufen.“

Einige Händler versuchen, dem abflauenden Geschäft mit einer steten Sortimentserweiterung zu begegnen. So entstehen aus Confiserien kleine Jahrmarktbuden und aus Video-Läden Gesamt-Ausrüster für den elektronischen Heimbedarf. In der Müllerhalle hat sich gleich vorne „Mäc Geiz“ breitgemacht, ein Haushaltswaren-Discounter. Was sonst noch läuft, sind die Schulheiss-Tränken und die Frischwaren-Anbieter. Und die deutsche Wertarbeit. Innungsschuster Heinz Herfort ist der Hallenälteste, seit die „Posamentierfrau“, die Frau Stankovic mit ihren Knöpfen, Borten und Schnüren, im vergangenen Jahr zugemacht hat. Herfort will nicht klagen. Er sagt: „Wer eine gute Arbeit leistet, kann existieren.“ Ganz hinten, wo schon vieles leer steht, existiert noch der Kartoffel-Stand aus der Gründerzeit vor 50 Jahren. Verkauft werden wie eh und je lose Kartoffeln, ab 7 Uhr morgens. Wer tatsächlich um 7 kommt, um zwei Kilo Knollen einzusacken, muss sich von Verkäufer Michi allerdings fragen lassen, was denn der Arzt dazu sagt. Michi ist grundsätzlich fröhlich, auch wenn er so nebenbei fallen lässt, dass es wohl weiter bergab gehen werde mit der Markthalle.

In der Arminiushalle fällt der Leerstand nicht mehr ins Auge. Im letzten Jahr sind alle zusammengerückt, um Platz zu schaffen für die großen Filialen. Neue, moderne Stände wurden gebaut: Die „Wild- und Geflügel-Oase“ ist sogar derart pompös ausgefallen – mit Rosa-Hintergrundlicht und aseptisch weißen Kacheln -, dass sie gar nicht mehr in die antike Hallen-Szenerie passt. Das „Flair“ der Halle wird auch mit Norma und Schlecker zu kämpfen haben. Die Händler sind skeptisch, aber das sind Händler von Natur aus. Imbiss-Jungunternehmer Bernd Klinger ist dagegen Optimist. Vor anderthalb Jahren, als die Halle schon vor sich hin siechte, übernahm er „Lange`s Imbiss“, in dem vor Jahren die Serie „Drei Damen vom Grill“ gedreht wurde. Fotos von der Mira, von Juhnke und Pfitzmann hängen über der Verzehrtheke. Die Alt-Berliner Filmgarde vor Alt-Berliner Kulisse. Die Stammkunden sterben langsam weg, sagt Klinger, daran lässt sich nichts drehen. Also muss man an jüngere Kunden ran, mit Events. Eine „Halle by Night“ schwebt ihm vor, oder ein Skateboard-Rennen – poppige Aktionen wie in den großen Einkaufscentern, mit einem Zusatz-Bonbon, den es nur hier gibt: eine einmalige Architektur.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben