Zeitung Heute : Die Lust am Paradoxen

Auf einem Symposium in Bremen wurde über die Bedeutung von Mode nachgedacht

Grit Thönnissen

Der Mode entkommt man nicht. Jeder trägt sie am Leib, ihr werden ganze Museen gewidmet, Tageszeitungen, Magazine und Fernsehsender berichten regelmäßig über Modenschauen, Models, Modemacher und die neuesten Trends. Doch obwohl sie so allgegenwärtig ist, scheint sie nicht wirklich zur ernsthaften Reflexion zu taugen. Große Teile der 68er-Generation halten sich sogar zugute, Mode schlichtweg zu verachten.

Die Bremer Hochschule der Künste hat am vergangenen Wochenende mit dem Symposium „Mode Kult Körper“ den Beweis angetreten, dass man sich sehr wohl theoretisch mit Mode auseinander setzen kann. Ausgerechnet in die norddeutsche Hansestadt, die eher für kaufmännische Traditionen rund um Bier und Kaffee als für extravagante Moden bekannt ist, kamen Fachleute aus der ganzen Welt, von New York über Paris bis München, zusammen, um auf neutralem Boden über die Vergänglichkeit, das Flüchtige zu sprechen.

„Wer sich mit Mode beschäftigt, setzt sich in der Regel nur mit der Kleidung auseinander und mit der Art, den eigenen Körper zur Schau zu stellen.“ Das sagt die Kommunikationssoziologin Elena Esposito vor einem Publikum, das sich mit der Wirkung von Mode auseinander setzen will. Dazu gehören Kunst- und Kulturwissenschaftler, Kuratoren, Journalisten und Modestudenten. Die Professorin von der Universität Modenae Reggio Emilia hat ein Buch über die Paradoxien der Mode geschrieben und wurde als Kronzeugin dafür geladen, dass es viele kluge Dinge über Mode zu sagen gibt. Zum Beispiel: „Mode ist Streben nach Individualität. Jeder will originell sein, tut aber, was die anderen tun, weil sich sowieso wieder alles ändert.“

Mit dieser allzu schnellen Verwandlung der Mode wurden die Vortragenden an diesem Tag immer wieder konfrontiert. Selbst wenn im Tagungsprogramm eine exemplarische Analyse aktuellen Modedesigns angekündigt wurde, handelte es sich fast immer um einen schon historischen Rückblick.

Wie im Falle des britischen Designers Hussein Chalayan, dessen intellektuelle Mode José Teunissen, Professorin für Modetheorie an der Kunsthochschule Arnheim, vorstellte. Der gebürtige Zypriote sorgte in den 90er Jahren mit seinen durchdachten, kaum tragbaren Entwürfen in der Modewelt für Furore. So vergrub er am Anfang seiner Karriere eine komplette Kollektion, um sie dann, nach der Metamorphose in der feuchten Erde, auf dem Laufsteg zu präsentieren.

Dass Hussein Chalayan seit Jahren nicht mehr zu den tonangebenden Designern in Paris gehört, stellte der Modejournalist Peter Bäldle später klar. Längst seien andere Kreateure, wie Olivier Theyskens bei Rochas und Alber Elbaz für Lanvin, mit ihren weiblichen, verträumten Kollektionen aktueller und so etwas wie der Gegenentwurf zu Chalayans Mode. Bäldle wies damit auf die Vergeblichkeit des Unterfangens hin, aus wissenschaftlicher Sicht über die gerade in Paris und Mailand gezeigte Mode zu referieren. Aber ebenso schwierig gestaltet sich eine verlässliche Vorausschau: Auch wenn die Begeisterung für Chalayan jetzt erkaltet sein mag, vielleicht kann er mit seiner nächsten Kollektion genau das in Kleidung umsetzen, was die Gesellschaft umtreibt.

Als sich schließlich die Protagonisten der Mode einmischten und ihre Arbeiten vorstellten, wurde es richtig spannend. Plötzlich war man in der Jetzt-Zeit angelangt. Der deutsche Vorzeigedesigner Bernhard Willhelm, der in Paris und Antwerpen lebt und arbeitet, zeigte zwei Kurzfilme, in denen die handelnden Personen zwar seine Kleidung tragen, die aber weit über eine filmische Modepräsentation hinausgehen. In „Ghost“ spielen Gestalten mit über den Kopf geworfenen Bettlaken die Hauptrolle, die kleine Mädchen in Bernhard-Willhelm-Mode fürchterlich erschrecken.

Bernhard Willhelm war nur unter der Bedingung nach Bremen gekommen, dass er seine Arbeit nicht kommentieren und keine Fragen beantworten musste. Auch die Fotografen Anuschka Blommers und Nils Schumm verwiesen auf die visuelle Aussagekraft ihrer Modefotografie. Mit ihren präzise ausgeleuchteten Porträts, für die sie gern Verwandte, gekleidet in Prada-Pullover, vor der heimischen Einbauküche ablichten, sind sie so weit als möglich von der glamourösen Modefotografie entfernt. Genau deshalb geben große Modefirmen wie Prada und Lifestylemagazine wie Vogue so gern Werbekampagnen und Modestrecken bei den niederländischen Künstlern in Auftrag. Auch wenn die beiden Unverständnis für ihre Beliebtheit zum Ausdruck brachten – schließlich hätten sie keine Ahnung von Mode: „Aber sie macht uns Spaß.“

Für die Kronzeugin der Modetheorie, Elena Esposito, steht fest: „Die Mode löst keine Probleme.“ Sie gibt uns keinerlei Hilfestellung, um uns eine eigene Identität zu schaffen. Damit ist sie ganz nah dran an, an den Paradoxien der modernen Gesellschaft, in der Veränderung die einzige Konstante ist.

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