Zeitung Heute : Die Lust des Letzten

Benedikt Voigt

Als ob nichts passiert wäre. Als ob Sven Hannawald nicht der beste Springer dieses Winters gewesen wäre, nicht alle vier Springen der Vierschanzentournee gewonnen hätte, nicht eine Silbermedaille auf der Normalschanze geholt hätte. Es war wie vor einem Jahr. Alle Augen richteten sich auf ihn, und wie damals enttäuschte er die Hoffnungen nicht: Der erste deutsche Skispringer heißt wieder Martin Schmitt.

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Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Nun, wenigstens für das Mannschaftsspringen bei den Olympischen Spielen stimmte das. Martin Schmitt holte durch seinen ersten Sprung auf 131,5 Meter Gold, mit seinem zweiten Satz auf 123,5 Meter verlor er es nicht mehr. "Sensationell wie der Martin gesprungen ist", sagte Kotrainer Wolfgang Steiert. Dass Hannawald bei dieser Goldmedaille in den Hintergrund rückte, lag daran, dass er als Erster gesprungen war. Und an einer Sehnenverletzung, die er sich bei seinem Sturz im Einzelwettbewerb auf der Großschanze zugezogen hatte. Der sensible Skispringer musste fit gespritzt werden. "Ich war ein bisschen gehandicapt", sagte Hannawald, "aber es hätte auch schlechter gehen können."

Richtig gut aber ging es für Martin Schmitt. Eigentlich zum ersten Mal in diesem Winter, sein bestes Resultat datiert aus dem November 2001. Damals verfehlte er in Kuopio nur knapp Platz eins. Danach ging es bergab. "Die Goldmedaille entschädigt für eine Saison, die nicht nach Plan gelaufen ist", sagte Schmitt. Während Hannawald die Vierschanzentournee gewann, grübelte Schmitt über seine Form nach. Über den historischen Erfolg seines Landsmanns freute er sich. "Das hat die Aufmerksamkeit der Medien von mir abgelenkt."

Das Verhältnis zwischen Hannawald und Schmitt ist gut. Eine Freundschaft aber ist es nicht. Dazu sind die besten deutschen Skispringer zu sehr Konkurrenten. Natürlich nicht im Mannschaftsspringen, was im übrigen ein seltsamer Wettbewerb für Skispringer ist. Denn durch die Luft fliegt jeder für sich alleine. Eigentlich ist Skispringen eine einsame Sportart, vielleicht aber gefällt den Skispringern das Mannschaftsspringen gerade deshalb so gut.

Hannawald plädierte nach seinem zweiten Sprung für ein Parallelspringen. "Dann geht es schneller", sagte er nervös. Der beste deutsche Springer dieses Winters, der als Erster über den Schanzentisch gerauscht war, musste auf Martin Schmitt warten. "Mit dieser Reihenfolge haben wir den meisten Erfolg", sagte er. Wie bei der Weltmeisterschaft 2001, als die Mannschaft ebenfalls gewann. Mit Hannawald als erstem Springer und Schmitt als letztem. Damals jedoch hatte Hannawald Probleme, sprang hinterher und war noch nicht der erste Springer der Welt, der alle vier Springen der Vierschanzentournee gewann. Diesmal war das anders. Trotzdem sei die Reihenfolge am Montag keine Diskussion gewesen, berichtet Hannawald. "Die Last, als Nummer vier zu springen, spürt man schon", sagte der 24-Jährige. Bundestrainer Reinhard Hess weiß aber auch: "Martin ist ein ganz starker Abschlussspringer."

Am Sonntag hatte Schmitt noch einmal seine Wettkampfski gewechselt. "Er kam in Hochform hierher und sprang nur mittelmäßig", berichtet Kotrainer Wolfgang Steiert. Und er lobte Martin Schmitt, den er auch als Heimtrainer betreut. "So einen Athleten muss man erst einmal finden, der einen Tag vor dem Wettkampf die Ski wechselt." Die neuen Skier haben in der Höhenluft von Park City die besseren Flugeigenschaften. "Und ein geiles Design", sagte Steiert.

Das Comeback von Martin Schmitt in der Weltspitze steht jedoch noch aus. Beim nächsten Weltcup und bei der Flugweltmeisterschaft in Harrachov muss er wieder alleine zeigen, ob sich der Aufwärtstrend des Olympiasieges fortsetzt. In die Hierachie im deutschen Team ist jedenfalls wieder Bewegung gekommen. Erst war Schmitt der Vorzeigespringer, dann Hannawald, und jetzt? Beide.

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