Zeitung Heute : Die Lust verlieren

Wie eine Berlinerin, West, die Stadt erleben kann

Ariane Bemmer

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Kreisch! Ich weiß, wie „Sex and the City“ endet. Ich habe es zufällig erfahren, wenn es denn stimmt, was ich erfahren habe. Ich habe es auf einer Homepage aus St. Gallen gelesen, auf die ich beim Surfen durch die Schweiz gestoßen bin. Es ist entsetzlich. Nun kann ich mir für die nächsten 37 Dienstage dieses Jahres eine andere Beschäftigung suchen. So lange laufen hier in Deutschland noch „Sex and the City“-Folgen, neue und ganz alte.

Heute die vorerst letzte Folge der letzten Staffel, dann bis Herbst die Wiederholungen der dritten bis fünften Staffel und ab Herbst die allerletzten Folgen der letzten Staffel. Aber für mich hat sich „Sex and the City“-Gucken erledigt. Und ich muss auch ehrlich sagen, wieso die bei so einem Serienende noch einen Kinofilm drehen wollen, ist mir völlig schleierhaft. Von wegen New York! Hollywood ist das. Und mehr darf man ja schon gar nicht sagen, nee ehrlich.

So ist das mit dem Verraten. Macht alles kaputt. Früher habe ich nie verstanden, wenn Männer nicht wollten, dass man ihnen sagt, wie ihre Fußballmannschaft vorhin gespielt hat, weil sie sich die Zusammenfassung später selber angucken wollten. Aber jetzt weiß ich’s. Ich habe mich nur einmal sehr gefreut, als jemand vorhergesagt hat, was gleich passiert. Das war im Kino, es gab „Freitag, der 13.“, einen grauenvollen Horrormetzelschocker, in dem das Blut nur so durch ein abgelegenes Jugendferiencamp spritzte und ich vor Aufregung fast gestorben bin. Da war ich dankbar, dass vor mir einer saß, der seinem Kumpel Sachen in der Art von „Pass auf, Alter, gleich kommt die Axt durch den Schrank“ zugewispert hat. Aber doch nicht bei einer Beziehungsklimbim-Serie!

Um mich zu trösten, wurde mir gesagt, die aus St. Gallen hätten nicht Recht, und es gebe zwei Versionen, wie die Serie endet, und es sei noch unklar, welche gesendet würde. Aber das tröstet mich nicht mehr. „Sex and the City“ ist ohnehin viel zu populär geworden. Waren es in den vergangenen Jahren nur ein paar Leutchen, die sich stoisch jeden Dienstag vor den Fernseher setzten, gibt es jetzt Fernsehabende mit Gästen, und darunter solche, die das noch nie gesehen haben. Nix da geteilte Freude, doppelte Freude, statt dessen die Frage: Warum macht es einen Unterschied, ob man eine Sache im kleinen Kreis genießt oder sein Plaisir mit der halben Welt teilt? Warum ist jetzt, da auch der letzte Heini von Carrie & Co. gehört hat, das Vergnügen schal geworden?

Liegt es daran, dass ich Carrie-Darstellerin Sarah Jessica Parker neulich ungeschminkt im Fernsehen gesehen habe und sie aussah wie eine etwas dünn geratene Hausfrau? Oder daran, dass in Wochenendbeilagen Männer darüber spekulieren, was sie bei „Sex and the City“ über Frauen lernen könnten? Vielleicht wird das alles viel zu ernst genommen. Oder ist es immer nur dasselbe und in der sechsten Staffel wird es eben langweilig? War es am Ende bei „Dallas“ genauso? Oder liegt es daran, dass die Serie anfängt, Erwartungen zu bedienen? Was früher erhellend war, ist inzwischen vorhersehbar und doof. Lehrreich sind vielleicht noch die DVDs, auf denen man die englische Version sehen kann. Aber ich habe keinen DVD-Spieler.

Die vorerst letzte neue Folge läuft heute Abend um 21 Uhr 15 auf Pro7.

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