Zeitung Heute : Die Macherinnen

Fürs deutschlandweite Fashion Debut von Moët & Chandon wurden vor allem Absolventinnen der Berliner Modeschule Esmod ausgewählt. Wie kommt das?

Grit Thönnissen

Es geht um diesen einen Moment. Die Scheinwerfer sind auf die Kleider gerichtet, die Aufmerksamkeit des Publikums gilt nur ihnen. Die Arbeit der letzten fünf Monate mündet genau in diesen Augenblick auf diesem Laufsteg. Danach ist die Kollektion wieder eine unter vielen, von deren Einzigartigkeit potenzielle Kunden erst mühsam überzeugt werden müssen.

Für sechs junge Designer war das Moët & Chandon–Fashion Debut am Donnerstagabend im Postbahnhof genau so ein Moment. Das französische Champagnerhaus sucht in jedem Jahr die vier besten deutschen Nachwuchs-Designer. Von Mai bis Oktober haben sie Zeit, um dreißig Outfits zu entwerfen. Beworben hatten sich Absolventinnen von Hamburg bis Pforzheim, von Fachhochschulen, Kunsthochschulen, Universitäten und Modeschulen. Alle vier Auserwählten stammen aus Berlin: Ein Designerpaar wurde auf der Universität der Künste (UdK) ausgebildet, die anderen sind Absolventinnen der Modeschule Esmod. Auch im vergangenen Jahr waren unter den Finalistinnen Esmod-Schülerinnen, ebenso wie beim ersten Fashion Debut 2000.

Was haben diese Designer, das andere nicht haben? Die bessere Ausbildung? Bessere Möglichkeiten? Mehr Disziplin? Oder vielleicht einfach nur mehr Geld? Esmod ist eine private Modeschule mit Stammhaus in Paris und Dependancen auf der ganzen Welt. Etwa 560 Euro kostet die Ausbildung im Monat. Unterrichtet wird montags bis freitags von 9 bis 16 Uhr, es herrscht Anwesenheitspflicht. Dass man für seine Ausbildung bezahlen muss, ist in Deutschland immer noch mit einem Makel behaftet: Weil man es woanders nicht geschafft hat, muss man sich seinen Abschluss halt „kaufen“, lautet das gängige Vorurteil.

Besuch bei Esmod. Die Schule ist in einer großen Fabriketage in Kreuzberg untergebracht. Die Studentinnen des ersten Jahres sitzen an langen Tischen über Zeichnungen gebeugt, die Kommilitonen aus dem zweiten Jahr arbeiten ein paar Meter weiter an Schnittmustern. Hier wird konzentriert gearbeitet. Bei den Studentinnen des dritten Jahres, die im Nebengebäude mit mehr Platz ausgestattet sind, hält gerade Ella Singh einen Vortrag, deren hochpreisige, elegante Abendmode sich weltweit verkauft.

Die Aufgabe ist, ein Abendkleid zu entwerfen. Für die besten Entwürfe wird Ella Singh in Indien Stoff besticken lassen. „Dafür müssen Sie sehr schnell und gut sein.“ Ende der Woche müssen die Entwürfe fertig sein, denn das Siegermodell soll schon in einem Monat bei einer Modenschau im KaDeWe gezeigt werden. Zum Abschied sagt die Frankfurterin: „Sie haben Glück, Sie sind auf einer Superschule.“

Das hört Schulleiterin Silvia Kadolsky natürlich gerne. Vor fast zehn Jahren kam sie mit ihrem Mann Klaus Metz nach Berlin, um hier nach München die zweite deutsche Dependance der französischen Schule mit 14 Schülern zu eröffnen. „Die Leute haben uns für verrückt erklärt, in die Modewüste Berlin zu gehen.“ Heute haben sie mit 170 Schülern ihre Kapazitäten ausgereizt. 60 Studienanfänger wurden aufgenommen, beworben hatten sich fast doppelt so viele.

Dass es keine Aufnahmeprüfung gibt, gehört zum System: „Jeder, der sich für Mode interessiert, soll eine Chance bekommen“, sagt Metz. So passiert es allerdings auch, dass Studenten aufgenommen werden, die sich in den drei Jahren nicht zu Designern entwickeln. Die Ausbildung ist streng durchgeplant, alle zwei Wochen gibt es neue Aufgaben. Nach einem Jahr ist von 60 Studenten meist nur die Hälfte übrig. Wer durchhält, hat kaum Zeit zum Nachdenken. So werde die Esmod zur Bastelschule, meinen Kritiker. Metz sieht das anders: „Die Schüler lernen, Entscheidungen zu treffen. Reflektion kann gut sein, aber später in der Modebranche hat man dafür auch keine Zeit."

In der Kunsthochschule Weißensee geht man mit Zeit gelassener um. „Wir sehen es nicht als unsere Aufgabe, dass hier laufend Kollektionen produziert werden“, sagt Rolf Rautenberg, Professor für Modedesign. Gerade hat er die Meisterprüfung von Nadine Lange abgenommen, einer Moët & Chandon-Gewinnerin des letzten Jahres. Auf Büsten drapiert steht die Meister-Kollektion – eben die Entwürfe, die sie vor einem Jahr im Postbahnhof zeigte. „Für mich war das eine Gelegenheit, Tragbares zu entwerfen. Meine Diplomarbeit war sehr experimentell.“

Nadine Lange hat sich bewusst für das Studium in Weißensee entschieden: „Mir gefällt die Bauhaustradition. Ich musste von Bildhauerei bis zu Malerei alles machen.“ Für ihr Diplom kreierte sie nicht nur eine Kollektion, sondern schrieb auch eine Arbeit über Renaissance-Architektur. Die Mode, die an der Esmod gemacht wird, findet sie zwar „sehr charmant“, aber ihrer Ansicht nach bleiben die Entwürfe auf einer Vorstufe zum Design stehen. „Für mich hat Design mit bewusstem Handeln und Denken zu tun.“ Heute arbeitet sie beim Berliner Pelzdesigner Olaf Fechner.

„ Wir sind keine Philosophen, sondern Modemacher“, sagt Maria Neumann mit Nachdruck. Die Aufnahmeprüfung an der UdK hatte sie schon bestanden und entschied sich trotzdem für Esmod. „Ich wusste: Kreativ bin ich sowieso. Was mir fehlte, waren Pünktlichkeit und Durchhaltevermögen.“ Mit Bernadett Penkov und dem gemeinsamen Label „Maison Anti“ wurde sie dieses Jahr Gewinnerin bei Moët & Chandon. Sie arbeiten mit Themen wie Collagen, Volumen, Falten, Bondage. Wie aus all diesem eine Kollektion wurde, die weder überfrachtet wirkt, noch in ihre Einzelteile zerfällt, erklärt Maria Neumann auch mit ihrer Ausbildung. „Wir wurden militärisch gedrillt.“

Auch Alexandra Fischer-Roehler, ebenfalls Moët & Chandon-Finalistin und Esmod-Absolventin, hält nicht viel von konventionellen Schnitten. Ihre Kleider sehen schon am Bügel aus wie eigenständige Objekte. Wofür ist der Riemen an der Jacke, wie hängt die Tasche mit dem Mantel zusammen? Meist sehr eng – aus einer großen Umhängetasche wird durch das Lösen von Schnallen und Bändern das Rückenteil eines Mantels. Die Verkäuflichkeit der Kollektion stand für die 28-Jährige nie im Vordergrund, sie ist so etwas wie ein Ausgangspunkt: „Das hier sind Objekte, aus denen man Produkte ableiten kann.“ Sie kann genau sagen, warum sie die private Modeschule einer staatlichen Institution vorzog: „Ich wusste, was ich wollte. Und das wollte ich möglichst schnell.“

Was bedeutet denn nun der Moët & Chandon Preis? Im vergangenen Jahr gab es deutschlandweit 242 Absolventen im Studiengang Textilgestaltung, beworben haben sich jedoch nur zwanzig. Warum also sind so viele Esmod-Schüler dabei?

Laut Ingrid Loschek, Jurymitglied und Professorin für Modetheorie und Modegeschichte gibt es dafür einen einfachen Grund: „Da die Esmod eine private Schule ist, sind viele Schüler wahrscheinlich besser bei Kasse, können sich bessere Stoffe leisten, sind international versierter, weil sie mehr reisen – das sind schon gravierende Unterschiede zu den Möglichkeiten von Fachhochschul-Studenten in kleinen Städten.“ Außerdem ist der Wettbewerb undotiert. Das heißt, weder Material- noch Arbeitskosten werden übernommen. „So können sich einige Schüler die Teilnahme schlicht und ergreifend nicht leisten", sagt Ingrid Loschek. „Auch deshalb sind vielleicht mehr Esmod-Schüler dabei."

Vielleicht ist der Moët & Chandon-Preis also nicht der Maßstab aller Dinge. Aber auffallend ist, wie angstfrei Esmod-Schüler sich in die große weite Welt hinaus wagen: An Wettbewerben teilnehmen, sich mit Labels und Läden selbstständig machen. Diese Unternehmungslust hat nicht nur mit einem gut gefüllten Geldbeutel zu tun. Sie kommt auch von der Unbeschwertheit gegenüber dem Thema Mode, die sich die Esmod-Schüler nicht zuletzt durch die Konzentration auf die praktische Ausbildung bis zum Ende der Schulzeit bewahren. Der intellektuelle Überbau deutscher Kunsthochschulen, der Mode zur Kunst erhebt und so eine klare Trennung zur Alltagskleidung schafft, kann sich auch hemmend auswirken. Ideen müssen zügig in die Tat umgesetzt werden, wenn man sich schließlich als Designer auf dem Markt behaupten will.

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