Zeitung Heute : Die Macht der Gefühle

Eine Kunsthistorikerin erforscht, wie man sich ein besseres Bild über die Antike machen kann

Patricia Pätzold

Aus Reiseberichten, Karten und gelehrten Abhandlungen bezogen die Menschen bis zum Ende des 18. Jahrhunderts ihr Wissen über die Antike. „Später zeigten die Museen Modelle von antiken Tempeln aus Kork oder Holz“, sagt die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy von der TU Berlin. „Man baute sogar ganze Gebäude nach dem Original. Berühmte Beispiele sind das Ischtar-Tor und der Pergamon-Altar auf der Museumsinsel.“ Heute hält eine neue Dimension Einzug in die archäologischen Museen: die digitalen Medien. Sie lassen die Antike dreidimensional und im Zusammenhang mit der Landschaft auferstehen. „Was früher kein Holzmodell und auch kein Kino vermitteln konnten, ist jetzt digitaler Alltag: Troja versandet vor unseren Augen – auf der Leinwand“, sagt Savoy.

Bénédicte Savoy ist Juniorprofessorin an der TU Berlin. Sie koordiniert die Forschungsgruppe Museen, die zum Exzellenzcluster „Topoi – Formation und Transformation von Raum und Wissen in den antiken Kulturen“ gehört. Daran sind auch die Freie Universität als Sprecherinstitution sowie die Humboldt-Universität beteiligt. Die Forscher des Vorderasiatischen Museums, der Antikensammlung, vom Ägyptischen Museum und vom Institut für Museumsforschung sind ebenfalls in der Gruppe vertreten.

Die rasante Entwicklung von elektronischer 3-D-Technik könnte der archäologischen Forschung neue Chancen eröffnen, doch sie birgt auch Gefahren. Menschen besuchen Museen, um zu lernen und zu verstehen, wie es in der Antike zuging. Dabei ist es ein großer Unterschied, ob der Besucher vor einem realen Exponat steht, oder ob er sich in einer virtuellen Parallelwelt bewegt, in der bildgewaltige Rekonstruktionen eine längst versunkene Welt wieder erstehen lassen. Es gehe auch um Emotionen, um die Macht der Gefühle als Antrieb des Erkenntnisgewinns und der Wissensvermittlung, um Ehrfurcht und ästhetisches Empfinden, sagt Savoy und nennt zwei Beispiele. Nicht nur das Pergamon-Museum hat antike Architektur in Originalgröße nachgebaut. Auch im Britischen Museum in London stehen Rekonstruktionen antiker Weihestätten. Der Fußboden dort erinnert allerdings an eine moderne Badeanstalt. Stört das den Betrachter in seinem sinnlichen Empfinden? Andererseits: Warum hält der Besucher den Atem an, wenn er die Antikensäle der Neuen Eremitage in Petersburg betritt? Wirken die neuen Visualisierungsformen dagegen ernüchternd?

Die Forscher beschäftigen sich mit der Frage, welche Konsequenzen die virtuelle Präsentation für die Verbreitung von Wissen im Museum hat. Denn immerhin versandet Troja im Film innerhalb von 13 Minuten. In Wahrheit dauerte dieser Vorgang etliche Jahrhunderte.

Alle drei bis vier Wochen treffen sich die Wissenschaftler und Museumsdirektoren, um sich auszutauschen. Diese Gespräche sollen bald auch für Studierernde offen stehen. Das ist der Hochschullehrerin Savoy besonders wichtig. Die jungen Leute sollen neben ihrer theoretischen Bildung an den neuesten Erkenntnissen der Antikenforschung teilhaben. „Ich möchte in meinen Studenten die Leidenschaft für ihr Fach wecken“, sagt die Juniorprofessorin. Ihre mitreißende Persönlichkeit und ihr Engagement wurden bereits gewürdigt: Im Sommer 2007 wurde sie in die Junge Akademie der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften aufgenommen.

Ebenso wichtig ist ihr die internationale Zusammenarbeit. „Nur so kann man kulturelle Verflechtungen sichtbar machen“, sagt sie. „Grenzen waren in der Geschichte nie statisch. Sie haben sich über die Jahrhunderte und Jahrtausende verändert.“ Völker seien gewandert, Kulturen hätten sich verbreitet, vermischt und gewandelt. Deshalb sei Landesgeschichte und Landeskultur, die man innerhalb der eigenen Grenzen betreibe, immer nur ein kleiner Ausschnitt der Wirklichkeit. „Es gibt eigentlich keine spezifisch französische oder deutsche, irakische oder ägyptische Kultur“, sagt Savoy. „Man muss immer über die Grenzen hinausblicken, um ein realistisches Bild zu erhalten.“

Am Ende der geplanten Projektlaufzeit 2012 soll unter anderem eine Ausstellung für das Topoi-Cluster stehen, denn alle Teilprojekte sind miteinander verknüpft. Die Ergebnisse sollen in die Weiterentwicklung der nationalen Museumskonzepte fließen. Außerdem will man zeigen, auf welche Weise altägyptische, vorderasiatische, griechische und römische Originalobjekte sinnvoll in den künftigen Dauerausstellungen der Staatlichen Museen in Berlin dargestellt werden. Rund eine halbe Million Euro stehen Savoys Forschergruppe dafür zur Verfügung.

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