Zeitung Heute : Die Macht der Nacht

ADMIRALSPALAST Ulrich Tukur singt in seinem Programm „Mezzanotte“ von Küssen im Mondschein – und den dunklen Abgründen des Lebens

GUNNAR GELLER

Der Mann hat eine große Leidenschaft – er selbst spricht von seiner „Manie“. Und diese Manie pflegt er gewissenhaft. Ulrich Tukur haben es die zwanziger, die dreißiger und die frühen vierziger Jahre angetan, vor allem, aber nicht ausschließlich, musikalisch. Zum Interview erscheint er, wie stets, im Anzug – und richtig, der Schnitt ist kein moderner. „Der ist nachgebaut“, erzählt Tukur. „Ich kenne da zwei exzellente Hamburger Schneiderinnen, denen habe ich einen Anzug von 1938 gebracht und gesagt, ich hätte gern genau diesen Anzug noch einmal. Könnt ihr das?“ Sie konnten. Und so wurde Stoff aus England bestellt („Der soll ja nicht nach zwei Wochen schon glänzen“) und durch aufwendige Handarbeit und unter Verwendung von Rosshaar für ein Heidengeld ein „prachtvolles Einzelstück“ geschaffen, wie Tukur findet. Und nicht nur eines. Vom Knickerbockeranzug bis zum Wintermantel lässt er sich nostalgisch einkleiden, fest davon überzeugt, dass das auch ökonomisch sinnvoll sei: „Wenn man die Sachen pflegt, dann hat man auch zwanzig, dreißig Jahre was davon.“

Lieber Schlager als Beatles

Länger schon währt seine Liebe zur Musik der Vorkriegsära. 1989 nahm er sein erstes Album mit nostalgischem Liedgut auf, zudem spielte er den Hans Albers im Kino. Zu der Zeit war er unter Peter Zadeks Fittichen bereits in Hamburg zum Star am Schauspielhaus avanciert. Aber es ging noch viel früher los. „In meiner Jugend, da haben alle die Beatles oder die Stones gehört, aber das war nie wirklich mein Ding.“ Der junge Tukur hat sich stattdessen für den frühen amerikanischen Big-Band-Jazz begeistert – und für alte deutsche Schlager. „Ich habe mich nie wohl gefühlt in meiner Zeit und mir eine Ersatzwelt gesucht, die mir besser gefiel.“ Ihm ging es dabei weniger um die damaligen Realitäten, die, wie er sagt, „alles andere als witzig waren“, eher um das Abbild der Zeit, ihre Lieder und ihre Moden. Die faszinierten ihn, auch oder gerade mit dem Wissen um den Faschismus und den Untergang „einer, nein, vieler Welten“.

Ende der Neunziger trat er erstmals mit einer kleinen Begleitband, den „Rhythmus Boys“, auf. Das Repertoire bestand aus originalen und nachempfundenen Liedern aus Tukurs Lieblingsära, die in kleiner Besetzung – Schlagzeug, Kontrabass, Gitarre und Tukur selbst an Klavier und Akkordeon – dargeboten werden. Das hat er kontinuierlich bis heute weiterbetrieben, während sich alles andere änderte: Er zog nach Italien (er besitzt eine Wohnung in Venedig und ein Haus in der Toskana), hat kaum noch Theaterengagements („Zehn Jahre Theater spielen, dann haben Sie die Fresse so gestrichen voll ...“), stattdessen jede Menge große Rollen in Film und Fernsehen. Mittlerweile hat er einen Status erreicht, der es ihm erlaubt, selbst als „Tatort“-Kommissar Einfluss auf Figur, Buch und Besetzung zu nehmen. Seinen ersten Einsatz als hessischer Ermittler mit Geschwür im Kopf absolviert er am 28. November.

Mit seinen „Rhythmus Boys“ wildere er im „gehobenen dilettantischen Bereich“, sagt er, denn das seien alles keine ausgebildeten Musiker. Bei der „Mezzanotte“-Tour begleiten ihn nun die Profis des Lutz-Krajenski-Orchesters. „Den Luxus wollte ich mir mal erlauben“, meint Tukur. Herausgekommen ist dabei ein teils hemmungslos alberner, teils richtig düsterer Abend, der thematisch durch das Motiv der Nacht zusammengehalten wird. Die Lieder in vier Sprachen sind in selbst geschriebene, erzählerische Miniaturen eingebettet. „Szenisches Konzert“, so nennt Tukur das Ergebnis. Erstaunlicherweise hört sich das live, mit viel kleinerer Besetzung als auf dem Album, noch besser und spannender an. Und während bei den Studioaufnahmen auch Tukurs Grenzen als Sänger erkennbar werden, lässt der Charmeur jeden Vorbehalt dahinschmelzen, sobald er ein Publikum vor sich hat. Gerade wenn die ausgeklügelte Dramaturgie versagt, der starre Ablauf zu zerbröseln anfängt und der Star sich auch mal richtig verhaspelt. „Das ist alles so rhythmisch geschrieben, und wenn es dich dann aus der Kurve haut, da fliegst du weit weg“, sagt er.

Tukur ist begeistert von dieser Musik und zeigt mitreißenden, fast schon missionarischen Eifer, der das Ganze trägt. Aber er war sich keineswegs sicher, ob das alles auch funktionieren würde: „Vor der Premiere hatte ich eine Scheißangst“, bekennt er.

Genervt in Venedig

Hemmungen kennt er sowieso nicht, erstaunlich offen spricht er auch davon, dass er sich das Programm musikalisch sogar noch „fetter“ gewünscht hätte. Und wenn die Dame von der Plattenfirma uns nicht vorab ausdrücklich ermahnt hätte, doch bitte ausreichend auf Tour und Album einzugehen, hätte er wohl auch kein Problem damit gehabt, stattdessen über alles mögliche andere zu plaudern. Über Architekten zum Beispiel: „Die gestalten unsere Welt. Aber dieser ungeheuren Verantwortung werden sie – na ja – nicht immer gerecht. So dass die Leute aus diesen hässlichen Städten fliehen und mich in Venedig nerven, wo es noch schön ist.“

Oder über den Zauber der „stillen Berliner Sommer“ der achtziger Jahre. Aber da kommt sie wieder herein, die Plattenfirmadame. Und beendet das Gespräch mit den Worten: „Der Uli muss ja noch was essen.“

GUNNAR GELLER

Berlin-Premiere 3.12., 20 Uhr

Weitere Vorstellung 4.12.

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