Zeitung Heute : Die Macht der Netze: Russen-Connection in Berlin: Hüte dich vor diesem Netz!

Stephan Lebert

Es gibt sie, die Russen-Connection in Berlin. Es gibt Leute in dieser Stadt, Russen, die gehen ausschließlich zu russischen Friseuren. Die besuchen nur russische Ärzte, die lassen ihre Autos nur von russischen KFZ-Mechanikern reparieren. "Die wollen nichts anderes sehen", sagt Wladimir Kaminer, "die suchen hier überall nur: Russland, Russland. Die schimpfen über alles Deutsche. Alles passt ihnen nicht, die ertragen nicht einmal die Berliner U-Bahn. Sie fährt ihnen zu langsam."

Wladimir Kaminer ist Russe, 33 Jahre alt, verheiratet, Vater von zwei Kindern. Er ist Schriftsteller, er schreibt auf Deutsch und Russisch. Sein Buch "Russendisko" ist ein Verkaufsschlager, hoch gelobt von der Kritik. Er kam vor gut zehn Jahren nach Berlin, in die Gerade-noch-DDR. Das ging so: Eine Freundin seiner Mutter lebte in Ost-Berlin, hatte einen Deutschen geheiratet. Sie war die Anlaufstation. Kaminer setzte sich mit einem Freund in Moskau in den Zug, das Ticket kostete 96 Rubel, ein Visum für das kleine Bruderland brauchten sie nicht. Er hatte einen kleinen Koffer dabei, einen neuen Anzug, sonst nichts. Die Zugfahrt muss lustig, aber auch ein bisschen anstrengend gewesen sein. Eine Flasche Wodka wurde getrunken, und irgendwann kamen sie an am Bahnhof Lichtenberg. Wladimir Kaminer hatte einen schweren Kopf, einen verkleckerten Anzug und ziemlich gute Laune.

Kaminer erzählt, dass dieser Bahnhof und diese Ankunftssituation einen seiner russischen Freunde auf eine Geschäftsidee brachte. Und zwar: Man kauft Getränkedosen bei Aldi für rund 40 Pfennige und verkauft sie dort gleich am Gleis für eine Mark 20. Das Geschäft lief sofort bombig. Die Ankömmlinge aus dem Osten überblicken das mit den deutschen Preisen nämlich noch nicht so richtig. Der Freund musste den Bahnhofsdeal gar nicht so lange weitertreiben, er machte dann einen Laden auf, später noch zwei andere. Was da wohl jeweils die Geschäftsidee war? Der Freund ist inzwischen nach Amerika weitergezogen, einen seiner alten Läden gibt es noch, Ecke Schönhauser Allee / Schivelbeiner Straße. "Da kaufen wir immer unseren Kaviar ein. Der ist sehr gut", sagt Kaminer.

Die Deutschen: lustige Menschen

Die Russen-Connection. Wenn du einen schnellen Job brauchst, geh in die Kantstraße. Diesen Satz hat Kaminer am Anfang seiner Berliner Zeit oft gehört. In der Kantstraße haben viele Russen ihre Import-Export-Geschäfte. Also ist er da hingegangen. Und ein Ladenbesitzer hat auch sofort zugegriffen, "ja, ich kann dich brauchen. Stell dich einfach hin und pass auf, dass niemand was klaut." Es war ein Geschäft voll mit Elektrogeräten: Radios, Computer, Fernseher, CD-Player. Er passte also auf, und am Ende des Tages fragte er den Chef nach seinem Lohn. Zuerst bekam er keine Antwort, dann einen Staubsauger in die Hand, mach mal sauber. "Nee", sagt Kaminer, "da bin ich gegangen."

Merke also, stellte er ziemlich bald fest: Es muss nicht alles glänzen, was russisch ist. Dagegen machte er in den ersten Wochen und Monaten blendende Erfahrungen mit einem deutschen Theaterregisseur, der aussah wie Che Guevara und ihm einen Job anbot, sowie mit Vietnamesen und Zigeunern, die in seinem Wohnheim lebten, seiner ersten Berliner Station. Wie sie sich verständigt haben? "Mit Händen, Füßen und ein bisschen Englisch", sagt er und grinst. Mit einigen sei er heute noch befreundet.

Wladimir Kaminer sitzt in der Küche seiner Wohnung an der Schönhauser Allee, trinkt Tee und zündet sich ab und zu eine Zigarette an. Er trägt ein schwarzes T-Shirt, Jeans. Sein Gesicht ist ständig in Bewegung, man merkt, dass es ihm zuweilen Mühe macht, die Pointe einer Geschichte nicht durch heftiges Grinsen zu verraten. Ein paar Mal während des Gesprächs kommt seine Frau Olga rein und setzt sich mit dem kleinen Sohn auf dem Arm dazu. Sie hat ein schönes, sympathisches Gesicht mit vielen Lachfalten. Auch sie kam vor rund zehn Jahren nach Ost-Berlin.

Sie erzählt von ihrem ersten Berliner Abend. Es war im Sommer 1990, irgendwo in Wilmersdorf. Sie ging mit einer Freundin in eine normale deutsche Gaststätte. Das Lokal war voll von gut gelaunten Leuten, die sangen und tanzten. Sie wurden eingeladen. "Ich dachte", sagt sie, "was für lustige Menschen, die Deutschen." Heute weiß sie, dass dies wohl der einzig wirklich heitere Abend in einem Berliner Restaurant bleiben wird. Es war ein besonderer Tag gewesen, lange her, denn an diesem Tag war Deutschland Fußballweltmeister geworden. Es war einmal.

Wir sitzen hier, um mit den Kaminers über die Macht des russischen Netzes in Berlin zu sprechen. Über die Kraft der russischen Geschäftsbeziehungen. Über den Charme der russischen Kultur. Über die Magie der Großstadt Berlin, die in immer größeren Scharen Menschen aus der ehemaligen Weltmacht anlockt. Mit dem bekannten Wladimir Kaminer, der regelmäßig abends in dem oft überfüllten "Kaffee Burger" an der Torstraße seine "Russendisko" veranstaltet und dabei so lange russische Lieder auflegt, bis alle nur noch singen und weinen. Also, wie ist das Leben in diesem russischen Teil Berlins? Gefährlich? Wild? Romantisch? Traurig?

Sorry, sagt Wladimir Kaminer, "aber da sind Sie falsch hier, ganz falsch." Olga Kaminer nickt. "Wir können Ihnen keine Tipps aus der Russen-Szene geben", sagt Wladimir. Er könne keine russischen Lokale empfehlen, "ich mag keine russische Küche, ich esse keinen Borschtsch." Er kenne keine russischen Spielhöllen. Natürlich kenne er viele Russen in Berlin, "aber ich bemühe mich, dass es nicht zu viele werden." Er sagt es nicht, aber man könnte ihn auch so interpretieren: Man muss aufpassen, dass man sich nicht in dem russischen Netz verstrickt.

Kaminer erzählt eine Geschichte vom Deutschlernen. In der Zeitung "Russkij Berlin" erscheine regelmäßig eine Anzeige: "Lerne Deutsch nach der Methode des 25. Kaders. Diplomatengeprüft." Er versucht, ein ernstes Gesicht zu machen. Die Idee dabei sei: Das menschliche Auge könne nur 24 Bilder pro Sekunde aufnehmen, jedes weitere Bild schieße direkt ins Gehirn. Nun, sagt Kaminer, er kenne nur einen, der diese Variante versucht habe, der sei jetzt irgendwie gestört und könne gar nicht mehr so recht sprechen. Viele Russen versuchten es auch mit Hypnose, um der deutschen Sprache näher zu kommen. Er selbst habe es mit dem Buch "Deutsches Deutsch zum Selberlernen" probiert und mit einem Kurs an der Humboldt-Universität, in dem aber zu viele Leute aus der Gegend von Odessa saßen, "die lernen sehr schnell, wie Papageien. Aber sie reden auch ununterbrochen, und das ist sehr anstrengend, zu anstrengend." Ansonsten, sagt er, lerne man eine Sprache wie einen Sport, "man macht es und kann es."

Wladimir Kaminer ist ein Geschichtenerzähler. Redet man von den Menschen, die in diesen Tagen in Deutschland ankommen, erzählt er von seiner Tante. Sie ist gerade in einer Sammelunterkunft in der Nähe von Bielefeld angekommen, "sie konnte wählen zwischen Bielefeld, Gelsenkirchen und Bochum, warum sie sich für Bielefeld entschieden hat, weiß ich nicht." Eigentlich kennt er diese Tante gar nicht, sie hat weit, weit weg von Moskau gelebt. Aber sie hat regelmäßig Postkarten geschickt, voller Poesie. Da standen Sätze wie: "Ich wünsche Euch, dass Ihr den Atem des Frühlings immer spüren werdet ..." Sein Vater, sagt Kaminer, sei angesichts der Postkartenlektüre ganz stolz gewesen, schaut, habe er gesagt, wir haben auch Intellektuelle in der Familie.

Ist es eigentlich so, dass man an einem Geschichtenerzähler eine Weile rütteln muss, bis die Geschichten abfallen, die den Kern zuweilen verhüllen? Bei Wladimir Kaminer ist der Moment plötzlich da, in dieser Küche. Er sagt, wer in einer Stadt ein neues Leben beginne, müsse eine Grundsatzentscheidung treffen: Er darf nie sein altes mit seinem neuen Leben vergleichen. Wer anfange zu vergleichen, habe schon verloren. "Deshalb", sagt er, "haben es alte Leute natürlich viel schwerer, weil ihr altes Leben schwerer wiegt, das sie in ihrem Gepäck mit sich tragen." Man müsse einen solchen Start wie ein Abenteuer begreifen, "und die Vergangenheit kann da schnell zu einem Feind werden."

Russland. Aus diesem Land kommen fast ausschließlich Nachrichten, als gäbe es einen internen Wettstreit, was nun die schlechteste Botschaft sei. Umweltkatastrophen, Armut, Mafia, außer Kontrolle geratene militärische Strukturen. Kaminer hat seine Entscheidung zu emigrieren in eine Geschichte gepackt, die er gerne erzählt. Sie geht so: Er arbeitete in einer Moskauer Theaterwerkstatt. Alle zwei Wochen fand eine Versammlung statt, wo der Direktor fragte: "Wo ist denn gerade der Schauspieler X?"

"In Kanada."

"Ach so, gut zu wissen. Was macht er dort?"

"Er spielt in einem kleinen Theater."

"Gut, dann streiche ich ihn von der Gehaltsliste. Und wo ist der Schauspieler Y?"

"Der ist in Österreich und spielt in einem Fernsehfilm den Puschkin."

"Gut, dann streiche ich ihn auch."

Eines Tages fehlte der Direktor. Er war in Israel. So weit Kaminers Geschichte.

Russen in Berlin. Auch da gibt es manchmal schlechte Nachrichten. Stichwort Russenmafia. Beherrscht sie bereits die kriminelle Szene in der Stadt? Kaminer winkt ab. "Sicher gibt es Kriminelle hier, die aus Russland kommen, keine Frage. Aber es sind doch nur Leute auf der kleinen und mittleren Ebene." Gefährlich werde es doch erst, wenn Politik und Verbrechen miteinander verschmelzen, so wie es in Teilen Russlands geschehen ist. "In meiner alten Heimat muss man sicher davon sprechen, dass die Gewaltmenschen die Kontrolle über die Kulturmenschen gewonnen haben", sagt er. Im Gegensatz zu den Zeiten des Kommunismus? "Das war doch ein künstliches Gebilde, das im Grunde nichts mit der Wirklichkeit zu tun hatte. Was jetzt ist, ist Realität, brutale Realität."

Eine Tendenz zum Doppelleben

Die Kaminers fühlen sich wohl in Berlin. Er hat hier, sagt er, eine Tendenz zum Doppelleben beobachtet. Nichts ist so, wie es scheint. Vielleicht hat dieser Blickwinkel auch damit zu tun, dass ereine seiner ersten Begegnungen ausgerechnet mit einem Beamten im Arbeitsamt hatte. Ein penibler, moralisch wirkender Mann. Am Abend traf er den Mann dann wieder, zufällig - in einer thailändischen Homosexuellen-Bar. Die Kaminers wohnen auch gerne in Prenzlauer Berg. "Diese Mischung gefällt mir", sagt Wladimir. So viele verschiedene Menschen leben nebeneinander. Deutsche, Vietnamesen, Türken. Und Russen. Keiner hat die Oberhand, und alle verändern sich gegenseitig. Daran will er mitwirken. Kein Getto, kein Netz, sondern ein Melting Pot.

Da gibt es also die Zahlen: Mehr als hunderttausend Russen leben in Berlin, wie viele Illegale es dazu noch gibt, weiß niemand. Es gibt mehrere russische Zeitungen, zwei eigene Konzertagenturen, Friseure, russische Läden jeder Art, Ärzte, Restaurants. Eine Kleinstadt in der Stadt.

Und da gibt es einen jungen Schriftsteller, der in diese Kleinstadt partout nicht hineinwill. Er schreibt seine Geschichten für deutsche Zeitungen wie die "taz", "Frankfurter Rundschau", "FAZ", auch für den Tagesspiegel. Vielleicht hat seine Distanz ja auch damit zu tun, dass ihn allein die eigene Familie ganz schön auf Trab hält. Die meisten Familienmitglieder leben nämlich inzwischen auch in Berlin. Mit seiner Mutter hat er neulich beispielsweise ziemlich heftig über die Ausstellung des Erotik-Fotografen Helmut Newton gestritten. Nein, es ist nicht so, wie man vermuten würde: Die Mutter fand die Bilder super, Sohn Wladimir hatte Bedenken. Dann der Vater: Er versuchte in mehreren Fahrschulen vergebens, seinen Führerschein zu machen, bis alle glücklich waren, dass er endlich einen besonders begabten Fahrlehrer gefunden hatte, der ihm das Projekt Autofahren ausreden konnte.

Olga Kaminer, die Ehefrau, ist da noch nicht so weit. Sie ist schon das fünfte Mal in der Fahrprüfung durchgefallen. Jetzt hat sie eine Fahrschule am Wittenbergplatz gefunden. Olga lacht. "Mein neuer Fahrlehrer hat als Erstes gesagt, dass ich den Führerschein bekomme, ist für ihn eine Frage der Ehre." Es ist eine russische Fahrschule.

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