Zeitung Heute : Die Mächtigen besuchen

Wie ein Neu-Berliner die Stadt erleben kann

Till Hein

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Auf unserem WG-Kühlschrank klebt ein Abziehbild mit vielen Tieren drauf. Die haben gerade Sitzung, und das Schaf sagt zum Eber: „Okay, Du bist ein Schwein. Aber warum bist Du dadurch automatisch der Chef?“ Interessante Frage.

In der Tat eignen sich ja nicht alle Lebewesen gleich gut für die Karriere. Und diese Siegertypen sind total zu beneiden, denn sie können sich prunkvolle Büros leisten. Neulich war ich beispielsweise im Reichstag zu Besuch. Ein eindrucksvoller Ort. Sogar für Kunst wurde dort jede Menge Geld ausgegeben. An einer Fassade sind originelle Figuren abgebildet. Sie sehen aus wie Menschen, die gerade aus dem Fenster gesprungen sind. Sicher eine allegorische Darstellung der aktuellen Stimmung im Lande.

Ein weiteres Wandgemälde erinnert an einen Büstenhalter. Allerdings mit einigen Körbchen zu viel. Vielleicht die künstlerische Umsetzung eines Politiker-Gehirns? „Es ist eine Struktur, der eine inhaltliche Anbindung fehlt“, erläuterte die Touristenführerin jedenfalls.

Meine Kollegin Olga aus Kiew fotografierte alles, sie will die Story über den Reichstag und das angrenzende Jakob-Kaiser-Haus an die ukrainische Ausgabe der Zeitschrift „In Style" verkaufen. Das Zentrum der Macht ist ja auch ein echter Brüller: Der Außenraum wird nämlich „eingebunden“, und es entsteht ein „Dialog mit der Umgebung“, wie die Touristenführerin erklärte. Reizvoll ist etwa eine eingebundene Landschaft mit Nadelbäumen. Die Pflanzen sind bereits verendet. Zu wenig Sonne. Hätte man sich vorher überlegen können, aber das wäre sicher zu teuer geworden: Die Renovierungskosten, um die Bude regierungstauglich zu machen, durften ja 300 Millionen Euro nicht übersteigen.

Am besten gefällt mir ein Innenhof, der als riesiges Schwimmbecken gestaltet ist. Wow! So was hatten wir im Basler Rathaus nicht. Im Gegensatz zur Schweiz hat die Berliner Republik auch Meeresanschluss. Und West-Berlin war früher sogar eine Insel. Die Politiker gehen im Reichstag allerdings nie baden, sagte die Touristenführerin. Keine Zeit. Nicht einmal in der Mittagspause, betonte sie. Immerhin haben wir noch ein aufblasbares Krokodil im Wasser entdeckt.

Überhaupt war wenig los im Reichstag. Schade, denn gelegentlich kann man den Abgeordneten beim Hammelsprung zuschauen, erzählte die Touristenführerin. Ein Hammelsprung hat aber nichts mit tierischer Liebe zu tun, bei diesem Akt schreiten vielmehr alle Parlamentarier durch eine von drei Türen, über denen: „ja“, „nein“, oder „Enthaltung“ steht. Dabei werden sie von Experten gezählt. Faszinierend.

Ich möchte nun in meinem Bekanntenkreis öfter mal einen Hammelsprung organisieren. Überhaupt habe ich große Pläne: „Männer sind Schweine!“ habe ich neulich irgendwo gelesen. Vielleicht werde ich also doch noch Karriere machen! Seither geht mir der Reichstag nicht mehr aus dem Kopf. Ich will da rein!

Samstags, Sonntags und Feiertags um 11.30 Uhr gibt es Führungen durch den Reichstag. Das Jakob- Kaiser-Haus kann am Wochenende um 14 und 16 Uhr besucht werden. Anmeldung erforderlich: Tel. 227 32 152/ Tel. 227 35 908. www.bundestag.de .

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