Zeitung Heute : Die Mädchen in meiner Straße

ICH SEHE WAS, WAS DU NICHT SIEHST

Benjamin Lebert

In einer Woche erlebt jeder von uns schätzungsweise 10 000 Momente. Einen davon hält Benjamin Lebert fest.

Als ich von Berlin nach Freiburg zog, war Winter. Die vorherrschende Farbe, die ich von meiner Umgebung wahrnahm, war Grau. Regengrau, Nebelgrau, Asphaltgrau. Meine Stimmung war ungefähr genauso. Irgendetwas hat sich inzwischen für mich verändert. Und das liegt nicht nur am Frühjahr. Zum Beispiel hatte ich in den vergangenen Monaten nichts von meiner Straße wahrgenommen, nichts von dem Leben hinter den Fenstern, von den Menschen, die neben mir an der Ampel standen. Sie nervten mich alle. Ihr bloßes Dasein störte. Die Autos störten mich, die Fahrräder, die Frauen, mit ihren Einkaufstaschen. Ich hatte das Gefühl, ich muss ständig eine Sonnenbrille aufhaben, damit ich nicht gesehen werde.

Wann bemerkte ich zum ersten Mal das Fenster im Erdgeschoss meines Hauses, hinter dem sich jeden Freitag- und Samstagabend ein junges Mädchen vor einem Spiegel, den ich nicht sah, schminkte? Zuerst die Augen mit verschiedenen Stiften, dann die Augenbrauen, dann die Lippen. Zuletzt klemmte sie zwei riesige Kreolen in ihre Ohrläppchen. Das versetzte mich irgendwie in freundliche Laune, meine Augen waren nicht mehr so nach innen gerichtet. Ich fing an, vieles in der Straße zu sehen.

Zum Beispiel gibt es am Straßenende eine Oben-ohne-Bar, die Arena-Bar. Geöffnet von 16 Uhr bis 3 Uhr. Daneben der Metzger Kindle, vor dessen Schaufenster jeden Dienstag die große Tafel steht: Kesselfrische Fleischwurst, herzhafte Mainzer. An der Arena-Bar sind immer grüne Rollläden heruntergelassen. Ich frage mich, ob die einen Türsteher haben. Dann kaufe ich mir eine Mainzer. Es gibt ein Antiquitätengeschäft in meiner Straße, in deren Auslage eine chinesische Kommode steht, schwarzlackiert, mit Drachen und chinesischen Schriftzeichen. Sie steht da, unverrückt. Ein bisschen staubig. Ich möchte gern wissen, wer so etwas kauft. Wahrscheinlich werde ich es selber sein, wenn ich zum tausendsten Mal vorbeigehe, und sie mir anfängt, Leid zu tun.

Ganz unkompliziert ist die Bäckerei. Alles in öko. Brötchen, Laibe, Kastenbrot; Katzenzungen, Dinkelgebäck. Es riecht wunderbar auf die Straße und man kann jederzeit hinein.

Gegenüber der Bäckerei befindet sich Webers Weinstube. Das einzige Lokal in Freiburg, das erst um drei Uhr früh dichtmacht. Genauso spät wie die Arena-Bar. In Webers Weinstube gehe ich oft zum Abendessen. Es gibt dort zum Beispiel Bibbeleskäs mit Brägele. Das ist Quark mit Bratkartoffeln. Nicht schlecht.

Verhältnismäßig lange hat es gedauert, bis ich das Mädcheninternat wahrgenommen habe. St.Ursula. Dabei muss ich mich täglich, wenn ich nach Hause komme, durch Schwaden von Schülerinnen quälen, die den Gehsteig bevölkern. Es ist mir peinlich, weil ich denke, sie schauen mich an, wie ich gehe, und reden blöd über mich. Alles in allem sind die Mädchen aber das Schönste in der Straße.

Das ist mir jedoch erst in der vergangenen Woche aufgefallen, seitdem ich ohne Sonnenbrille gehe. Jetzt weiß ich auch, dass die chinesische Kommode nicht schwarz ist, sondern purpurrot. Eigentlich wohne ich in einer ganz netten Straße. Sie heißt Hildastraße. Ich habe schon gesagt, dass sich etwas in mir verändert hat. Zum Beispiel ist mir erst heute Morgen aufgefallen, dass man von der Hildastraße aus den Schwarzwald sieht. Eine dunkle Silhouette. Heute spannt sich ein blauer Himmel darüber. Ich glaube, er glitzert etwas.

Ich bin neugierig, wie das mit mir weitergeht.

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