Zeitung Heute : „Die Männer müssen gefördert werden“

Karriereforscherin Kathrin Mahler Walther hat beobachtet, dass gemischte Teams besonders erfolgreich sind

Spielerisch und mit strategischer Weitsicht. Männer knüpfen ihre Netzwerke mit Bedacht: es sollten immer mehrere sein, denn eines allein genügt nicht. Frauen deuten Meinungsverschiedenheiten gelegentlich allein auf der emotionalen Ebene. Das führt karrieretechnisch gesehen nicht zum Ziel. Foto: mauritius images
Spielerisch und mit strategischer Weitsicht. Männer knüpfen ihre Netzwerke mit Bedacht: es sollten immer mehrere sein, denn eines...Foto: mauritius images

Man sagt ja häufig, die Bildung von Seilschaften gehöre zu den typisch männlichen Eigenschaften. Sehen Sie das auch so?

Historisch gesehen ist da auf jeden Fall was dran. Lebenschancen von Frauen wurden über lange Zeit nur durch Männer vermittelt und es barg für sie weniger Vorteile, sich untereinander zu vernetzen. Wir erleben heute in unserer Arbeit mit ambitionierten jungen Frauen, dass die Bedeutung von Netzwerken vielfach unterschätzt wird. Frauen machen sehr gute Arbeit und widmen ihr große Aufmerksamkeit. Doch das reicht nicht. Der IT-Konzern IBM fragte vor Jahren Führungskräfte nach ihren Erfolgsfaktoren, und sie sagten, zu 60 Prozent seien es die Netzwerke. Wer im stillen Kämmerlein sitzt, wird nicht wahrgenommen. Wer sich entwickeln will, muss gesehen werden und als Person mit seinen Leistungen präsent sein in den Köpfen anderer. Er muss auch gut informiert sein, um sich an der richtigen Stelle einbringen und Entwicklungen gut einschätzen zu können. Hier vermitteln Netzwerke Zugang zu wichtigen Informationen.

Wie müssen Frauen gefördert werden?

Frauen verfügen heute über hervorragende Abschlüsse sowie eine hohe Motivation und Leistungsbereitschaft, wie unsere Studien über Mütter in Führungspositionen und über Doppelkarrierepaare zeigen. Ich habe daher häufig den Eindruck, dass es eher die Männer sind, die gefördert werden müssen. Zahlreiche Studien zeigen, dass gemischte Teams bis hin zu Vorständen, in denen Frauen und Männer miteinander arbeiten, bessere wirtschaftliche Erfolge erzielen als rein männlich besetzte. Trotzdem nehme ich nur wenig energische Anstrengungen wahr – die Deutsche Telekom hat hier eine Vorreiterrolle –, um Deutschland und insbesondere die deutsche Wirtschaft aus diesem Status des gleichstellungspolitischen Entwicklungslandes herauszuführen. Wir leisten uns den Luxus, Frauen zu hoch qualifizierten Fachkräften auszubilden, aber sie anschließend nur halbherzig ins Erwerbsleben einzubinden. Volks- und betriebswirtschaftlich gesehen ist das eine Katastrophe.

Viele Studien zeigen, dass die Geburt des ersten Kindes zur Retraditionalisierung in den Paarbeziehungen führt. Die westdeutsch geprägte Kultur vermittelt traditionelle Geschlechterrollen, externe Kinderbetreuung oder frühkindliche Bildung ist erstens verpönt und zweitens zu wenig vorhanden und zu schlecht ausgestattet. Unsere Studien zeigen, dass Frauen mit Kindern nur dann einer anspruchsvollen Berufstätigkeit nachgehen können, wenn ihr Partner mitzieht und sich gleichfalls zu Hause engagiert. Viele Männer wünschen sich heute solche modernen Lebensmodelle. Wenn wir also mehr Frauen in Führungspositionen wollen, dann müssen wir Männer in ihren Vereinbarkeitsbedürfnissen stärken und partnerschaftliche Rollenmodelle fördern.

Sind Netzwerke für Frauen anders aufgebaut als für Männer?

Es sind in letzter Zeit diverse Bücher erschienen, die die Formen der Zusammenarbeit von Männern auf sehr platte Formeln reduzieren. Da haben sie das Alphatier, dem sich alle unterordnen in einem stillen Einverständnis, dass man sich gegenseitig nachziehen wird. Demnach gelten in männlichen Netzwerken Regeln, nach denen alle ihre Rollen ausfüllen. Ich denke, das sind interessante Beobachtungen, in der Summe wird es „den Männern“ und den komplexen Wirkungsmechanismen der Zusammenarbeit aber nicht gerecht. Frauen können daraus aber sicher manches lernen. Das heißt unter Umständen, mehr strategischen Weitblick und Spielergeist zu entwickeln. Frauen neigen manchmal dazu, Meinungsverschiedenheiten stark emotional zu besetzen. Das steht der Kooperation unter Frauen im Weg. Sich da innerlich stärker zu distanzieren, trotzdem was miteinander trinken zu gehen und im Zweifelsfall die andere zu unterstützen, das kann sehr hilfreich sein – denn es kommt der Gruppe und der Einzelnen zugute. Darüber hinaus ist es wichtig, Netzwerke in alle Richtungen zu entwickeln – nach oben, auf der gleichen Ebene und nach unten. Vielleicht zieht dann auch mal jemand an einem vorbei – und beim nächsten Mal ist man selbst wieder am Zug.

Soll ich mich einem speziellen Frauennetzwerk anschließen, oder wird man da von Männern gleich wieder belächelt?

Frauennetzwerke sind wichtig und sinnvoll angesichts noch immer nachteiliger Strukturen für Frauen. Es ist hilfreich, sich über ähnliche Erfahrungen austauschen zu können und aus diesem Austausch wieder Motivation zu schöpfen. Zugleich können Frauennetzwerke ein machtvolles Instrument sein, um Bündnisse zu schmieden und Veränderungen gemeinsam auf den Weg zu bringen. Das zeigt zum Beispiel die Initiative „FidAR - Frauen in die Aufsichtsräte“. Sie hat eine wichtige öffentliche Diskussion angestoßen.

Eine Frau, die einen Karrieresprung vorhat – was muss die machen?

Die soziologische Netzwerkforschung zeigt, dass es eher die „schwachen oder losen Verbindungen“ sind, die eine Karriere fördern. Es geht also darum, ein großes, lockeres Netzwerk aufzubauen, so dass Verbindungen in unterschiedlichste Bereiche und Hierarchieebenen entstehen. Ein Netzwerk alleine reicht da nicht. Um Karriere zu machen, muss man sich Netzwerke in der eigenen Organisation, in der Branche und auch branchenübergreifend aufbauen. Und dabei einen langfristigen Blick haben: Manchmal stellt sich eine Verbindung unmittelbar als hilfreich heraus, manchmal erst Jahre später. Netzwerke basieren auf dem Konzept des Gebens und Nehmens, und zwar auf lange Sicht. Sie leben von der Aktivität ihrer Mitglieder. Insofern geht es vor allem darum, die Lust am Netzwerken und eine entsprechende innere Haltung zu entwickeln. Denn das Ganze sollte überwiegend auch Spaß machen.

Kathrin Mahler Walther ist Vorstandsmitglied und stellvertretende Geschäftsführerin der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft (EAF). Das Interview führte Anna Pataczek.

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