Zeitung Heute : Die Magie der Namen

Heftige Debatte über Umbenennungen

Wolfgang Drechsler

Kein anderes Thema hat das Blut vieler Südafrikaner zuletzt derart in Wallung gebracht wie das Bestreben der schwarzen Regierung, die nach weißen Siedlern oder Apartheid-Politikern benannten Städte des Landes zu afrikanisieren. Nach dem Beschluss seines schwarzen Stadtrats soll nun auch die nach dem Burenführer Andries Pretorius benannte Hauptstadt Pretoria künftig Tshwane heißen.

Die von oben ausgegebene Direktive wird von den Abkömmlingen der Voortrekker schon deshalb als Affront empfunden, weil die Umbenennungen ohne echte Absprache mit der Bevölkerung erfolgen. Noch mehr verärgert die weißen Bewohner der Landeshauptstadt, dass nun auch noch 17 nach burischen Volkshelden benannte Straßen in der Innenstadt die Namen schwarzer Widerstandskämpfer erhalten sollen. Nur das heruntergekommene Zentrum der südafrikanischen Landeshauptstadt soll künftig den Namen Pretoria tragen.

Gut ein Jahrzehnt nach dem politischen Gezeitenwechsel am Kap beginnt der regierende Afrikanische Nationalkongress (ANC) jetzt damit, die Symbole der jahrhundertelangen weißen Vorherrschaft auch geografisch zu tilgen. Insgesamt werden zurzeit rund 57 000 Namen auf ihre genaue Herkunft und politische Korrektheit überprüft.

Während der ANC geltend macht, durch die Afrikanisierung von Ortsnamen das Selbstwertgefühl der schwarzen Bevölkerungsmehrheit zu stärken, dürften die eigentlichen Gründe tiefer liegen. „Die Umbenennung hat ihre Wurzeln in altafrikanischen Vorstellungen über die Magie des Namens“, glaubt der Afrikakenner Peter Kunkel, der zwischen 1963 und 1972 an einem Forschungsinstitut im östlichen Kongo unterrichtete und dort die Umbenennungsmanie unter dem früheren Staatschef Mobutu Sese Seko direkt miterlebte. „Ein neuer Name sichert den Besitz und löscht zugleich die Kraft des Vorbesitzers aus“, erklärt Kunkel.

Anders als bei der bisher einzigen größeren Namensänderung in Südafrika vor drei Jahren, als die Nordprovinz (Northern Province) in Limpopo umbenannt wurde, ist diesmal nicht mit einer stillen Kapitulation der Weißen zu rechnen.

Empört über die willkürliche Vorgehensweise der schwarzen Machthaber, hat die vornehmlich von den Minderheiten am Kap unterstützte Democratic Alliance (DA), Südafrikas größte Oppositionspartei, zum Marsch auf den Regierungssitz in Pretoria geblasen. DA-Chef Tony Leon ist überzeugt, dass die Umbenennungen nur Teil einer größeren Malaise sind. Leon befürwortet, alle Namen, darunter auch Pretoria, beizubehalten, solange sie nicht anstößig oder rassisch beleidigend seien. Erst Mitte April legte die DA im Parlament eine Liste mit den Unterschriften von 32000 Einwohnern Pretorias gegen die bereits verfügte Umbenennung ihrer Stadt vor.

Für viele Weiße geht es in der Namensfrage symbolisch um die Zukunft am Kap und die Würdigung der eigenen Rolle bei der Erschließung des Landes. Einige kritisieren dabei die hohen Kosten der geplanten Umbenennung, die Südafrikas Regierung auf umgerechnet 1,5 Mrd. Rand (185 Mill. Euro) schätzt. Die meisten sehen in der eigenmächtigen Vorgehensweise des ANC indes wie Leon einen direkten Angriff auf das eigene Kulturerbe. „Ein Land kann seine Geschichte nicht dadurch umschreiben, dass es sie auszulöschen versucht“, schäumt der burische Aktivist Dan Roodt und fordert eine Bürgerbefragung, wie sie das Handbuch des South African Geographical Names Council in seinen Statuten ausdrücklich vorschreibt.

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