Zeitung Heute : Die Mannschaft ist der Star Joschka Fischers Punk

Früher wollte jeder ganz allein berühmt werden. Heute arbeiten Designer lieber in Teams. Warum eigentlich? Vier Beispiele wie es funktioniert. Peter Siller denkt im Außenministerium

Kerstin Kohlenberg

Das Duo

Natürlich könnten die beiden ihre Firma auch Osko und Deichmann nennen, einfach so, wie sie heißen. Machen andere Kreative ja auch, Kruder und Dorfmeister zum Beispiel, die beiden österreichischen DJs. Nur kann sich unter Osko und Deichmann niemand was vorstellen. Noch nicht. Also gaben sich die beiden jungen Designer, beide frisch von der Universität der Künste, einen programmatischen Namen: Blasius Osko, 27 und Oliver Deichmann, 27 sind „die Wunschforscher“.

Wie sie auf diesen Namen gekommen sind, weiß Blasius Osko, in Polen geboren und als Fünfjähriger mit seinen Eltern nach Deutschland ausgewandert, nicht mehr: „Wahrscheinlich, weil wir den naiven Wunsch hatten, als Weihnachtsmann aufzutreten, um den Leuten ihre geheimsten Wünsche zu erfüllen.“ Und die sind oft so geheim, dass ihre Klienten noch nicht einmal wissen, dass sie sie überhaupt haben.

Zum Beispiel die Sushi-Roll-Maschine. Gedacht war sie für eine Freundin, die sich mit einem Sushi-Laden selbstständig machen wollte. Und dann entspann sich das, was die beiden kreatives Ping Pong nennen, derentwillen sie eben ein Team sind, niemals alleine arbeiten wollen würden. Und das ist ja unser Thema: Warum zu zweit – und vor allem nicht allein? Kann es sein, dass gerade in einer Zeit und in einer Gesellschaft, in der sich Strukturen auflösen, Familienbande lockerer werden, der Mensch sich wenigstebns beim Arbeiten eine Art Ersatz-Familie sucht, eine Struktur?

Unser Duo. Also, Sushi macht ja jetzt jeder, dachte der eine, müsse man irgendwie einen neuen Impuls reinbringen. Vielleicht ein Sushi-Büffet, dachte der andere, schade nur, dass man schon ziemlich fortgeschritten sein muss, um die klebrige Rolle selbst zu fabrizieren.

Nach dem Vorbild der Zigarettenrollmaschine experimentierten die beiden so lange, bis es klappte. Heute hat die Freundin zwar immer noch keine Sushi-Bar, aber der Sushi-Roller ist mit 800 verkauften Exemplaren das bislang kommerziell erfolgreichste Objekt der Wunschforscher. Nicht schlecht für eine Firma, die die beiden vor vier Jahren noch als Studenten gründeten.

Heute ist „down shifting“ angesagt, weil sich „die Leute heute von allem Überflüssigem trennen“, Beispiel: ein Sessel, der sich bei Bedarf verdoppelt. Und in Zukunft, was erwartet uns da? „Uns ist aufgefallen, dass die Leute auf Bahnhöfen und Flughäfen immer auf ihren Koffern sitzen, da muss doch was zu machen sein.“ lat

Das Trio

Sie sehen ein bisschen ulkig aus, wie sie da sitzen. Auf Bänken eines trostlosen Hinterhofs in Mitte. Zwei Frauen und ein Mann. Stickend, gegen 22 Uhr. „Die T-Shirts müssen fertig werden“, sagt Hans, aber er sieht nicht aus, als stünde er unter Druck. Ab morgen sollen die handgefertigten T-Shirts der drei Vivien-Westwood-Schüler im Department Store des Quartier 206 hängen. Jedes T-Shirt ein kunstvolles, eigensinniges Einzelstück. Schwerer Stoff, bunt bedruckt, kreuz und quer mit Abnähern versetzt – so etwas liegt in der Luft. Maren Lass, 30, Martina Fuchs, 30, und Hans Georg Krampe, 31, machen Shirts, die so lange dauern und so schön werden, dass sie am Ende fast Schwierigkeiten damit haben, die Sachen zu verkaufen. Fast.

Woher ihr Name Werkmeister kommt, wollen die drei nicht sagen. Und gucken sich verschwörerisch an. Wieder der Gedanke: So halten nur Freunde zusammen, oder? Oder müsste man sagen: Arbeits-Freunde? Vielleicht lassen sich ja gerade harte Zeiten leichter gemeinsam überstehen.

Werkmeister gibt es seit zwei Jahren, seitdem haben sie auch das Ateliergeschäft an der Friedrichstraße 122. Die drei haben Glück, können die Halle für wenig Geld mieten. „So etwas könnten wir uns in Paris und Mailand nicht leisten“, sagt Hans. Dafür ist Berlin eben auch nicht Paris oder Mailand. Maren, Martina und Hans müssen nebenher jobben. „Die Berliner tun sich unheimlich schwer damit, für gute Kleidung auch einen angemessenen Preis zu zahlen“, sagt Martina. Dabei stecken manchmal in einem Shirt drei verschiedene Ideen von drei verschiedenen Leuten. Noch jemanden zu Werkmeister zu holen, kann sich das Team vorerst nicht vorstellen: „Bei dreien gibt es immer eine Mehrheit“, sagt Hans.

Was sich Maren, Martina und Hans wünschen? Einen Mäzen, der es ihnen endlich ermöglicht, eine große Schau zu veranstalten. Hallo Mäzene: Hier ist die Zukunft. oom

Das Quartett

Bei der Bewerbung zum Studium an der Hochschule der Künste haben sich Christine Nogtev und Chul Cheog kennen gelernt – seitdem sind sie beruflich und privat ein Paar. Ihr Geheimnis? „Wir können uns gut kritisieren. Es gibt Leute, die da empfindlich sind, aber das bringt einen nicht weiter.“ Und weiter wollten die beiden, die etliche Preise gewonnen, für renommierte Firmen wie next und authentics gearbeitet haben. Weshalb sie sich mit dem 25-jährigen Kommunikationsdesigner Jork Dieter und seinem Bruder Eric, der 28 und Kaufmann ist, zusammengetan haben: zur „Roomsafari“. Ideen und Geld, die Aufgaben verteilt unter Gleichen. Man müsste schon ein Tausendsassa sein, wenn man das allein durchziehen würde.

Im Auftrag einer Firma ein Produkt zu entwickeln, das diese dann selbst vermarktet – das hat den Designern nicht gereicht. Sie wollten das ganze Umfeld gestalten, alles aus einer Hand: Objekt, Website, Messeauftritt, Logo, Katalog… „Ganzheitlich“ – ein schreckliches Wort, findet Christine Nogtev, aber ein besseres fällt ihr nicht ein, um ihren Ansatz zu beschreiben. Die neue Kollektion reicht vom Partyglas über die Lampe bis zur Umhängetasche; im letzten Jahr haben sie den edlen Kosmetikladen „Breathe“ rundum ausgestattet.

Wie entstehen ihre Ideen? Durch Kollegen, Bekannte, Freunde, auch wenn sie die meisten oft gar nicht zu Gesicht zu bekommen, E-Mails müssen reichen. So wurde auch ihre Garderobe geboren, die federleicht an der Wand lehnt: Nachdem ihnen ein japanischer Freund erzählt hatte, dass Mieter in Tokio keine Nägel in die dünnen Wände schlagen dürfen. 130 Euro kostet dieses, das teuerste Stück der Kollektion. Denn auch das gehört zur ganzheitlichen Vision: nicht nur cool, sondern auch sozial und ökologisch zu sein. Roomsafari-Objekte werden bis nach Japan verkauft (in Berlin z.B. im Guggenheim Museum Shop und bei Authentics). Aber die Materialien sollen möglichst aus Deutschland kommen, sich zum Versenden zusammenlegen, zur Entsorgung auseinandernehmen lassen. Gefertigt werden die Objekte in Behinderten- und Jugendwerkstätten. Wohin die Safari weitergeht? Ein Regalsystem möchten sie entwerfen, ein Jugendhotel ausstatten – ein Restaurant gestalten sie schon. kip

Die Flottierenden

Ein Stuhl ist ein Stuhl, der hat vier Beine, einen Sitz, eine Lehne, mehr ist da nicht dran. Für Veronika Becker und Judith Seng schon. Äußerst zweideutig finden sie so einen Stuhl, auf dem man konzentriert, für sich allein, aber auch in geselliger Runde sitzen kann. Also haben die beiden Designerinnen als Diplomarbeit an der Universität der Künste (UdK) einen flexiblen Stuhl entworfen, der sich ganz nach Bedarf klappen und drehen lässt, der schrumpfen und wachsen kann. Denn statt den Menschen mit einem Entwurf vorzuschreiben, wie sie zu sitzen haben, haben die beiden ihre Mitmenschen erst mal ausgiebig beim Sitzen beobachtet.

Jetzt sind Becker und Seng, 32 und 29 Jahre alt, noch einen Schritt weiter gegangen. Aus dem Duo wurde ein Trio, aus dem Zweiersitz eine ganze Landschaft. Zusammen mit der Designerin Heike Scheller, die gelernte Schneiderin ist, entwarfen sie eine Möbel-Kollektion: „dressing – Kleidung für Stühle“. Warum dauernd Neues kaufen („man hat ja genug“), wenn man Altes einfach neu anziehen kann. Durch den Überzieher wird aus einem Küchenstuhl ein Sessel, die Füße, die beim Sitzen leicht kalt werden, stecken nun in wärmenden „Big Socks“.

So wandlungsfähig wie ihre Entwürfe sehen die Designerinnen sich selber. Sie reden viel über Flexibilität. Auch das Trio ist für sie eine temporäre Form. Mal in dieser, mal in jener Konstellation, zu arbeiten, in wechselnden Ateliergemeinschaften mit Architekten, Modedesignern, Graphikern unter einem Dach – wie jetzt in einer früheren Kita – das ist für sie Berliner Freiheit und Notwendigkeit zugleich. Ist das nicht aus ein Phänomen unserer Zeit? Man hat zunehmend Angst vor festen, dauerhaften Bindungen, auch beim Arbeiten. Lieber flexibel bleiben, mal mit diesen, mal mit jenen arbeiten – so bleibt man nie allein. Klappt ein Projekt nicht, dreht man sich um und wendet sich dem nächsten zu. Die Designer sagen einerseits: „Es ist nicht so, dass einer eine Idee hat, die vom Himmel fällt, und sie dann umsetzt, man geht zusammen an ein Problem ran.“ Und andererseits: „Aber jemanden zu finden, mit dem man sich bei der Arbeit gut versteht, ist gar nicht einfach. Teams gehen schnell in die Brüche.“ Und dann muss es schließlich weitergehen, mit dem nächsten Projekt. kip

Peter Siller, 32.

Er ist ein bisschen aus der Puste, als er mit seinem Rollkoffer zum vereinbarten Treffpunkt kommt. Die U-Bahn kam zu spät, in NRW tobt die Koalition, und dann hat er auch noch ein neues Mädchen. Peter Siller ist 32 und Hard Core Fan. Aber im Moment ist sein Job so Hard Core, dass ihm jetzt einfach nicht seine Lieblingsplatte vom letzten Jahr einfallen will. Pavement? Tocotronic? Helmet? Alles super, aber die Lieblingsplatte, die ist ihm aus dem Kopf gefallen. Dafür hat er aber sein letztes Konzert im Angebot: Chuck Norris in irgendeinem Keller, eine Band ohne Plattenvertrag, und danach Steak Knife im SO 36. Siller steigt in den Paternoster im Auswärtigen Amt. Er ist hier Mitglied im Planungsstab.

Wie kommt man als einer, der zur Generation Golf gehört, in die Politik? Ein bisschen kam das durch die Friedensbewegung, mehr aber durch die Uni – Jura und Philosophie in Heidelberg. Dort ging es immer wieder um die Frage, was ist Gerechtigkeit und wie kann man solche Ideen in die Politik einschleusen. Trotz der 80er, Mittelstand und Wohlstand, einer Mutter, die Erzieherin ist und eines Vaters, der bei Heidegger studiert hat, war Siller wütend. Auf seine Leute und Deutschland, dieses viel zu praktische und orientierungslose Land. Es musste ein bisschen mehr Widerstand her, fand er, eine Band, Punk, Siller spielte Gitarre und vor allem seine Jura-Fachschaft musste zuhören. Und außerdem war damit klar, dass er nie einen Wollpulli tragen würde. Er war ein Punk- und kein Sonnenblumenlinker.

Seinen Blick auf die Welt ist von Kohl geprägt. Kohl war all das, wie die Welt nicht sein sollte. Daher sind ihm auch die Rituale der unpolitischen „Neuen Mitte“ suspekt. Und wenn eine Mitte-Band wie Mia auf der 1. Mai-Demo spielt – „grausam“, sagt Siller. Musik muss für ihn unangenehm und verstörend sein, zumindest war das lange so. Mittlerweile könne sie auch einfach nur mal schön sein. Musik soll halt aufwecken nicht einlullen, genau wie Politik.

Nach dem ersten Staatsexamen ’96 hat Siller für die Grünen einen Entwurf für ein neues Grundsatzprogramm geschrieben, das alte war noch von 1980. Sechs Jahre später haben die Grünen tatsächlich einem neuen Programm zugestimmt, 2002 wurde es verabschiedet. Gerechtigkeit spielt darin eine große Rolle. Kann er das genauer erklären? Siller guckt aus dem Fenster und überlegt. Er spricht und schreibt jeden Tag so viel darüber, dass es nicht einfach ist, es in zwei Sätze zu packen, ohne, dass sie sich anhören wie ein Weihnachtslied. „Man kann sagen“, sagt er dann langsam und zum Mitschreiben, „dass es neue Einsatzorte für die Gerechtigkeit gibt.“ Pause. „Früher war es der Mittelstand, heute sind es Globalisierung, Generationen und Arbeit.“ Und dann sagt er etwas schneller: „Arbeitslos, Arbeitsamt und halt die Fresse, das kann es doch nicht sein.“ Bei den Grünen sickere das langsam ein, und sogar der Kanzler habe den Begriff Neue Gerechtigkeit vor kurzem auf der 140-Jahrfeier der SPD gebraucht. Vor ein paar Tagen wurde nun eine ständige Grundsatzkommission bei den Grünen eingerichtet. Mit Peter Siller.

Seit einem Jahr ist Siller bei Joschka Fischer, davor war er Referent beim damaligen Fraktionsvorsitzenden Rezzo Schlauch. Nebenbei hat er die Zeitschrift Polar gegründet. Jetzt muss er zum Vorsitzenden, übers Wochenende fährt er zu seiner Freundin. Den ersten Anzug, den hat ihm übrigens seine Mutter gekauft.

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