Zeitung Heute : Die Masken der Märtyrer

Frauen und Männer müssen getrennte Eingänge benutzen. Aber dann im Theater sind die strengen Regeln außer Kraft. Im Iran liegt der Umbruch in der Luft. Eindrücke vom Bühnenfestival in Teheran – drei Wochen vor der Wahl.

Rüdiger Schaper[Teheran]

Vier Frauen sitzen um einen Tisch. Sie rauchen, lachen, fluchen, trinken, sie spielen ein Glücksspiel. Geldscheine werden hingeblättert. Das Telefon schrillt immer wieder, wie eine Alarmanlage. Zahlen schwirren durch die Luft. Der Einsatz, um den es hier geht, ist das Leben. Die Frauen haben sich in einer Wohnung getroffen, um gemeinsam Selbstmord zu begehen.

Was wie eine makabre englische Komödie anmutet, ist tatsächlich zeitgenössisches Theater im Iran – Spiegel einer grausamen Realität. „Whispers“ heißt dieses Stück, das die Schauspielerin Narges Hashempoor, geboren 1967 in Teheran, für sich und ihre Kolleginnen von der Moaser Theatre Group geschrieben hat: eine Provokation, eine Unbegreiflichkeit.

Auf dem 22. Fadjr-Festival, das gestern Abend in der Hauptstadt Irans zu Ende ging, war das „Flüstern“ der starken, verzweifelten, zum Letzten entschlossenen Frauen weit mehr als ein intensives Theatererlebnis. Bis auf die Tatsache, dass die Schauspielerinnen vorschriftsmäßig Kopftuch tragen, scheinen die äußerst strengen Regeln der islamischen Sittenwächter auf den Kopf gestellt. Schon die Andeutung von Alkohol und die Darstellung von Trunkenheit auf der Bühne wirken unerhört. Und die 80-minütige Performance des Frauen-Quartetts wurde von einer berühmten amerikanischen Männer-Klamotte inspiriert: Neil Simons „Ein seltsames Paar“, einst verfilmt von Billy Wilder, mit Walter Matthau und Jack Lemmon. Der Kunstgriff der Regie, dass es sich bei den Frauen, die zum Teil Ehemänner und Kinder haben, um Katholikinnen handeln soll, ändert wenig. Die Botschaft lautet hart und klar: Das Leben der Frau in der Islamischen Republik Iran ist unerträglich.

„Das Theater in der islamischen Republik hat die große und vornehme Verantwortung, Schmerzen und Leiden der gefesselten und unterdrückten Menschen auszudrücken.“ Das Grußwort des Ajatollah Chamenei, oberster Geistlicher und mächtigster Mann im Iran, hat sich in vielen Aufführungen als prophetisch erwiesen – wenngleich in einem ganz anderen Sinn, als dem Ajatollah vorschwebte. In die Zeit des Festivals fielen die Tazieh-Passionsspiele. Laien-Darsteller führen nach Art von Oberammergau Litaneien und Kämpfe auf, die an die Leiden des Prophetenenkels Hussein, des Großmärtyrers der Schiiten, erinnern. Die Märtyrerinnen von heute haben mit Religion wenig im Sinn.

Betrunkene, lebensmüde Frauen? Die Aufführungen des elftägigen iranischen Theatermarathons – mit internationalen Gastspielen – mussten mehrmals durch die Zensur. Und kamen durch. Majid Sharifkhodaie, der Leiter des Fadjr-Festivals, war früher selbst Theaterzensor. So schwer durchschaubar sind die Verhältnisse, in der Gleichzeitigkeit von Repression und Liberalisierung. Die Frauen können ins Ausland reisen. Im April wird „Whispers“ in Berlin gastieren. Johannes Odenthal vom Haus der Kulturen der Welt hat zusammen mit Adrienne Goehler vom Hauptstadtkulturfonds das Festivalprogramm verfolgt und drei iranische Performances eingeladen.

Am 20. Februar sollen die Iraner ein neues Parlament wählen. Es ist nicht sicher, ob die Abstimmung überhaupt stattfinden wird. Der ultrakonservative islamische Wächterrat hat gut 2400 Kandidaten die Zulassung zur Wahl verweigert. Liberale Parlamentarier in Teheran befanden sich drei Wochen lang im Ausstand. Inzwischen hat die größte Reformpartei angekündigt, dass sie die Wahl boykottieren wird. Provinzgouverneure drohen mit Rücktritt. Präsident Chatami will die Wahl aussetzen. Gefolgsleute des verstorbenen Revolutionsführers Chomeini stehen heute auf der Seite der Reformer. Sie sehen das religiöse und politische Erbe des Ajatollah von einer Clique alter Männer zerstört, die das Land diktatorisch regieren.

Bei vielen jungen Menschen hat sich auch Resignation breit gemacht. Sie ziehen sich ins Private zurück, feiern Partys mit Drogen, Alkohol und westlicher Musik, so wie es die Frauen von „Whispers“ mit letzter Konsequenz vorführen. Grün-rote Lichterketten schmücken die Innenstadt von Teheran – zur Feier des 25. Jahrestags der islamischen Revolution. Die Staatsmacht hält sich bedeckt, wegen des Jubiläums und der bevorstehenden Wahlen. Viele in Teheran sind dieser Meinung: Die Stimmung hat etwas Surreales.

Frauen und Männer betreten die Theater durch getrennte Eingänge. Männer und Frauen sollen sich im Gedränge nicht nahe kommen. So ist die Vorschrift: Und dann, in den vielen Spielstätten des Festivals, vom Theaterkeller bis unters Dach, bei traditionellen persischen Darbietungen (mit unerwarteten Versatzstücken amerikanischer TV-Kultur), bei Tschechows „Drei Schwestern“, bei Jon Fosses dumpfem Familienporträt „Der Name“ (der Norweger zählt bei uns zu den meistgespielten Autoren), bei den dutzendweise präsentierten neuen iranischen Stücken, sitzen sie auf engstem Raum beieinander. Junge Frauen in Jeans und modisch spitzen Schuhen, mit gefärbten Haaren unter dem Kopftuch, das im Dunkel des Zuschauerraums nach hinten rutscht und eines Tages nicht mehr Zwang, sondern kulturelles Accessoire sein könnte. Das Fadjr-Festival ist Tag für Tag, vom frühen Nachmittag bis zum späten Abend, völlig überlaufen. Ein russischer Beobachter fühlt sich atmosphärisch an die Zeit unmittelbar vor Gorbatschow erinnert.

Wenn Welten sich berühren

Es gehört zu den Widersprüchen dieser merkwürdig ruhigen Tage in Teheran, dass man Perestroika spürt, aber nicht Glasnost. Unübersehbarer Zeichenwechsel in der Kunst, aber nicht im Fernsehen. Nicht in der Presse. Es gibt in Teheran kaum noch liberale Zeitungen. Pressekonferenz mit dem Theater an der Ruhr aus Mülheim. Vier schüchterne junge Leute sind als Medienvertreter erschienen, sie stellen keine Fragen, schreiben brav mit, was die Deutschen zu sagen haben. Eine gespenstische Veranstaltung.

Zum vierten Mal gastieren Roberto Ciulli und sein Ensemble auf dem Festival. Der 69-jährige italienische Wandertheater-Direktor mit deutscher Wahlheimat genießt im Iran einen legendären Ruf. 1999 waren die Mühlheimer die erste ausländische Truppe, die nach 20 Jahren in Teheran auftrat. In der Folge hat Ciulli das Kunststück fertig gebracht, mit iranischen Schauspielerinnen „Bernarda Albas Haus“ von Federico Garcia Lorca zu inszenieren. Ein reines Frauenstück, mit dem er das Verbot, dass Männer und Frauen auf der Bühne einander berühren, elegant umging. Erzreaktionärer (spanischer) Katholizismus und Hardcore-Islam: Da berührten sich die Welten.

Das Theater an der Ruhr spielt im zwei Mal ausverkauften Teheraner Opernhaus „Titus Andronicus“, Shakespeares blutigste Farce. Kriegshelden als Idioten. Generäle als Kannibalen, die ihre eigenen Kinder abschlachten: Absurd-komödiantisch zeigt Ciulli die Betonköpfe der Macht, die Militärs. Vom Märtyrerwesen wird die Welt nie genesen. Das fröhlich-anarchische Spiel der Mülheimer versteht man überall auf der Welt.

Ciulli, dem großen Theaterdiplomaten und Türöffner – im April 2002 fuhr er, trotz Kriegsgefahr und Embargo, mit seinem Theater nach Bagdad – platzt bei der Pressekonferenz der Kragen. Vor ein paar Jahren, sagt er, sei der Saal mit Journalisten überfüllt gewesen und man habe stundenlang diskutiert. Und nun: Schweigen. Jedes Land habe die Presse und das Theater, die es verdient, sagt Ciulli. Die Aussage war eindeutig in ihrer Zweideutigkeit: die Zeitungen abserviert und stillgestellt, das Theater verblüffend, schockierend, rätselhaft. In der Festival-Broschüre steht ein nebulöser Satz des liberalen, machtlosen iranischen Staatspräsidenten Chatami, der Reformen beschwört: „Die kommenden Generationen mögen durch die Kunst den Wert der großen gesellschaftlichen Veränderungen erkennen, das Wunder unserer Zeit.“

Hoch über dem Bühnenportal des Opernhauses hängen die Porträts von Ajatollah Chomeini, dem Staatsgründer, und Ajatollah Chamenei. Ein Symbol: Die bärtigen Alten haben den Kontakt zur Wirklichkeit verloren. Die 54-jährige Farzaneh Kaboli hat einen Beruf, den es im Iran nicht gibt, weil er praktisch verboten ist. Farzaneh Kaboli ist Choreografin. Tanz in der Öffentlichkeit ist tabu. Sie genoss ihre Ausbildung einst, zu Zeiten des Schah, bei einem französischen Ballettmeister. Mehrere Male wurde sie verhaftet, obwohl sie die Genehmigung hatte, ein „gestisches Theaterstück“ aufzuführen – nur mit Tänzerinnen, vor einem rein weiblichen Publikum. Die Sittenwächter wollten sie fertig machen. Das Prinzip, das im Iran herrscht, ist die reine Willkür.

Märtyrer haben viele Gesichter. Mit dem Stück, das Farzaneh Kaboli nun beim Festival 2004 im Opernhaus unter den Konterfeis der Ajatollahs aufführte, hat sie ihre Peiniger radikal überholt. „Stone Epic Revolution“ handelt vom Leben der Palästinenser. In entsetzlich kitschigen Aufzügen wogen die Tänzer: ländliches Idyll. Und dann kommen die Aggressoren. Kinderbilder werden projiziert, mit israelischen Kampfbombern, schwarze Teufel exekutieren unschuldige Bauern, einer Mutter wird das Baby entrissen, man wirft ihr ein blutiges Bündel hin. Am Schluss steht die bildschöne Künstlerin an der Rampe, bebend vor finsterer Energie, über ihr die Palästinenserfahne mit zerbrochenem Davidstern, es blitzt in ihren Augen, als wollte sie sich sogleich mit dem voll besetzen Opernhaus in die Luft sprengen. „Stone Epic Revolution“ war eine Auftragsproduktion. Antiisraelisch, einseitig, unmenschlich. Dafür kämen auch hierzulande Choreografen und Intendanten in die allergrößten Schwierigkeiten. Ein gehorsamst überschießender Ausreißer auf diesem Festival, das einen modernen Iran zeigte, weltoffene Menschen, in all ihrem Leid.

Aufschrei auf dem Airport

So wie Merhan Nasseri. Das Stück „2342 Bad Days“ von Behrooz Gharibpoor erzählt eine wahre Geschichte. Seit über zehn Jahren lebt Nasseri, ein Clochard der Globalisierung, auf dem Pariser Flughafen Charles de Gaulle, ohne Pass, ohne Flüchtlingspapiere. Die One-Man-Show ist ein einziger Aufschrei; ein Tier im Käfig, ähnlich dem Affen in Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“. Im Hintergrund flimmern Videobilder aus der überall gleichen Welt der Airports; Gepäckbänder, Anzeigetafeln, die Anonymität der Passanten. Plötzlich erklingt eine Musik, melancholische Trompetenstöße und Militärtrommeln, wie man sie von den alten Tazieh-Passionsspielen kennt.

Auf den iranischen Märtyrer im Transit wartet draußen ein tröstliches Ende, das ebenso unglaublich erscheint wie das Los des zwischen Flugsteigen, Cafeterias und Toiletten Gestrandeten, Geduldeten. Steven Spielberg hat sich die Rechte an dieser Lebensgeschichte gesichert, er will die Airport-Passion verfilmen – mit Tom Hanks. Das Schicksal der am Spieltisch gefangenen Frauen von „Whispers“ aber bleibt in der Schwebe. Sie nehmen am Ende, mit eingehakten Armen, als wollten sie Brüderschaft trinken, einen tiefen Zug aus ihren Teetassen. Gift? Das Bild einer jungen, lachenden Frau scheint im Dunkel auf. Leuchtendes Bild einer besseren Zukunft? Nein, ein Geist, eine Freundin der Spielerinnen zwischen Leben und Tod. Sie hat es hinter sich.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben