Zeitung Heute : Die maskierte Wahrheit

„Übertreibungen, Erfindungen, Spekulationen“: Wie sich Günter Wallraff gegen die Stasi-Vorwürfe zu verteidigen versucht

Christian Sywottek[Köln]

Von Christian Sywottek, Köln

Der Tag, an dem Günter Wallraff zu weinen beginnt, hängt wolkenschwer über Köln. Graues Licht dringt nur schwach hinein in Saal 1-3 im Mediapark.

Als Wallraff um 11 Uhr 03 das schmale Podium in der Saalmitte ansteuert, hat er noch alles im Griff. Die bauchige, dunkle Sporttasche über die Schulter geworfen, verteilt er ein Küsschen an eine anwesende Dame, zwängt sich durch die Fotografen, steigt aufs Podium, hält die Blitzlichter aus, und dann sagt er: „Nun lasst uns mal anfangen, ich bin ja kein Medienstar.“

Das ist nicht nur leicht untertrieben, betrachtet man zumindest die letzte Woche, die Wallraff aus der öffentlichen Versenkung wieder mitten hinein ins öffentliche Leben katapultiert hat, ihn gewissermaßen von „Ganz unten“, seinem Bestseller von 1985, nach ganz oben warf, mitten hinein in eine politische Diskussion um die DDR, die Stasi, die Westlinken und ihre Kontakte nach Drüben. Es geht um Verrat, Bespitzelung, Lügen, Unehrenhaftigkeit, um das Paktieren mit einem Unrechtsstaat. Wallraff soll ein aktiver Inoffizieller Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit gewesen sein, „IM Wagner“, und an diesem Montag will Wallraff ein für allemal klarstellen, dass das alles Lüge oder zumindest die Unwahrheit ist.

„Übertreibungen, Erfindungen, Spekulationen“, nennt Wallraff die Berichte der Berliner Birthler-Behörde, die die Unterlagen des DDR-Geheimdienstes verwaltet. Aus der Behörde heißt es, die frühere Feststellung, es gebe keine ausreichenden Hinweise auf eine Tätigkeit Wallraffs als inoffizieller Stasimitarbeiter, könne „nicht aufrecht erhalten werden“. Es hätten sich Hinweise gefunden auf eine aktive Mitarbeit zwischen den Jahren 1968 und 1971. Demnach sei Günter Wallraff eine „A-Quelle“ gewesen, ein Mitarbeiter also, der andere Personen „abschöpfe“.

In einem Stasi-Dossier von 1976 heißt es: „Als im April 1968 eine operativ günstige Situation vorhanden war, wurde W. direkt angesprochen und zu einer Zusammenarbeit mit dem Nachrichtendienst der DDR geworben…In der Zusammenarbeit bis Dezember 1971 lag der Schwerpunkt in der Lancierungstätigkeit.“ Ab 1972 jedoch galt Wallraff dem Bericht nach bei den Stasi-Oberen als nutzlos wegen „anarchistischer Denk- und Verhaltensweisen“. Im Februar 1973 heißt es: „Mit W. kann man nicht mehr zusammenarbeiten, er ist völlig unzuverlässig, haltlos und vergesslich.“

Günter Wallraff sitzt an diesem Montag um kurz nach 11 Uhr auf seinem Stuhl, die Füße unter dem Tisch stützen sich gegenseitig. Er liest eine Erklärung vom Blatt: „Niemals bin ich bei meinen Kontakten zu Offiziellen der DDR irgendwelche Verpflichtungen eingegangen. Ebenso wenig habe ich ihnen Unterlagen oder Berichte geliefert.“ Niemals habe er Informationen über Menschen weitergegeben, sagt Wallraff, und er zitiert aus seiner Stasi-Akte: „Keine Ergebnisse gab es auf dem Gebiet der Personenhinweisbearbeitung.“

Er liest, und sein linker Arm fährt durch die Luft, der Zeigefinger sticht ins Leere. Er fasst sich an den Kopf, schüttelt ihn, beugt sich vor und sagt mit Nachdruck. „Ich grübele ja selbst, wie die Einträge in die Stasi-Akte kommen.“ Chemiewaffen, Luftfahrt, Weltraumforschung im Westen, darüber soll er dem Osten berichtet haben. „Vielleicht hat da ein Stasi-Mitarbeiter etwas zugeordnet aus eigenen Karrieregründen. Ich weiß ja nicht, wie die gearbeitet haben.“ Diese „Aktenwürmer“, die vielleicht ihre „Aktenwut befriedigen“ wollten.

Schwer ist, etwas zu beweisen. Die Vorwürfe, denn Wallraff hat offenbar keine Verpflichtungserklärung bei der Stasi unterschrieben. Die Unschuld, denn wie sollte Wallraff beweisen, dass er etwas nicht getan hat? Natürlich sei er bei der Stasi registriert, sagt Wallraff. Aber sonst?

Eines aber scheint sicher. Wallraff bekam damals in der DDR, was ihm die Bundesrepublik vorenthielt. Informationen: Zwischen 1968 und 1971 recherchierte er in DDR-Archiven die Vergangenheit ehemaliger Nazi-Größen. Stasi-Leute besorgten ihm bereitwillig Unterlagen. „Ich wusste damals ja nicht, dass das Geheimdienstleute waren“, sagt Wallraff gegen 11 Uhr 45 auf seinem Stuhl. Seine Reisen in die DDR hätten ausschließlich Recherchezwecken für seine Artikel gedient.

Und noch etwas gab ihm die DDR: Anerkennung, die ihm Ende der 60er Jahre in der BRD versagt blieb. Mit dem Rücken zur Wand habe er gestanden. „Im Westen wurde meine Arbeit verunglimpft“, sagt Wallraff, „im Osten wurden meine Bücher verlegt.“ Zeitungen druckten seine Artikel. Dissertationen seien über seine Arbeit geschrieben worden. Wallraff war 1968 gerade 26 Jahre alt. „Das hat mir wohl geschmeichelt“, sagt er heute. Hat sich Wallraff revanchiert für derlei Gefälligkeiten?

Mehr als 30 Jahre nach der Zeit, in der er der aktive „IM Wagner“ gewesen sein soll, sagt Wallraff: „Man mag mir Leichtgläubigkeit vorwerfen. Das ist berechtigt.“ Natürlich habe er vom Unrecht in der DDR gewusst, jedoch nichts von der „flächendeckenden Verseuchung durch die Staatssicherheit“ geahnt. Er sagt, seine Recherchehelfer in der DDR hätten nicht wie Agenten gewirkt. Fraglich bleibt, warum er die Maskerade geglaubt haben soll, er, der wusste, wie so etwas geht, der zeit seines Lebens immer wieder in andere Rollen geschlüpft ist, sich tarnte, um ganz dicht heranzukommen an das, was er beschreiben wollte. Was er anprangern wollte. Den Kapitalismus, der den Menschen in den Dreck zwingt. Sei es als Türke Ali, als „Bild“-Reporter Hans Esser, als Bote bei der Kölner Gerling-Versicherung.

War es wirklich „falsches Lagerdenken“, wie Wallraff sagt, nach dem jeder als Freund erschien, der ein Feind der konservativen Bundesrepublik von Vor-68 war? Ein Glaube, der blind macht? Oder war Wallraff bei seinen Recherchen bereit, der Stasi seine Integrität als Preis zu zahlen, um „Unzumutbarkeiten in Westdeutschland einer großen Öffentlichkeit bekannt zu machen“, in der Hoffnung, dass eben dieser Handel der Öffentlichkeit verborgen bleiben würde? Wallraff streitet das rigoros ab. Wäre es wahr, wäre er demontiert.

„Ich habe immer zwischen den Stühlen gesessen“, sagt Wallraff an diesem Montag gegen 12 Uhr. Er sitzt sehr aufrecht. Doch nur wenige Minuten später, der Saal leert sich, steht Günter Wallraff neben dem Podium, an dem er sich verteidigt hat, mit harten Sätzen, mit eloquentem Lachen. „Herr Wallraff“, beginnt die Frage, „wie geht es Ihnen eigentlich im Innern?“ Die Pause dauert lange drei Sekunden, Wallraffs Stimme folgt leise: „Mir geht’s ganz, ganz dreckig.“ Dann dreht sich Günter Wallraff schnell um, sucht weitere endlose Sekunden lang seine bauchige Sporttasche. Als er sie endlich findet und aus dem Saal eilt, beginnt er zu weinen.

Heute Abend tritt Günter Wallraff in der n-tv-Sendung „Grüner Salon“, 20 Uhr 15, auf.

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