Zeitung Heute : Die Masse macht’s

Trotz aller Zweifel: Die EU hält an ihren Biosprit-Zielen fest. Wie lässt sich Bioenergie klimafreundlich nutzen?

Dagmar Dehmer

Problem 1: Flächenkonkurrenz



Die Debatte darüber, wie sinnvoll die Nutzung biologischer Treibstoffe ist, wird zurzeit scharf geführt. Bei der gemeinsamen Tagung von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank am Wochenende in Washington stellte Weltbank-Chef Robert Zoellick einen engen Zusammenhang zwischen steigenden Lebensmittelpreisen und dem Anbau von Biomasse her: „Während sich manche Sorgen machen, wie sie ihren Benzintank füllen, kämpfen viele andere darum, wie sie ihren Magen füllen können.“ IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn ergänzte: „Hunderttausende Menschen werden darben, und Kinder werden ihr Leben lang unter Mangelernährung leiden.“

Die deutsche Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) fordert deshalb, den Einsatz von Biotreibstoffen zu überdenken. Damit steht sie in der Bundesregierung allerdings noch ziemlich allein da. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte jetzt der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“: „Wir betreten sicher bei den erneuerbaren Energien in mancher Hinsicht absolutes Neuland, aber dennoch setzen wir weiter auch auf Biotreibstoff.“ Auch die EU-Umweltminister sehen das so. Bei ihrem Treffen am Wochenende im slowenischen Brdo beschlossen sie, am Beimischungsziel von zehn Prozent Biosprit bis 2020 festzuhalten. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) sagte: „Wir können die zehn Prozent mit Rohstoffen abdecken, die nicht zu Nahrungsmittelkonkurrenz führen und nicht aus dem Regenwald kommen.“

Dem Tagesspiegel sagte Gabriel allerdings auch: „Die Debatte über Nahrungskonkurrenz und Regenwaldzerstörung durch Biokraftstoffe wird in Teilen sehr unredlich geführt und sogar genutzt, vom eigentlichen Problem abzulenken: dem Anbau von Futtermitteln für die Fleischproduktion in den Industrieländern.“ Dieses Problem hat seine Kollegin Wieczorek-Zeul bisher nicht angesprochen – obwohl etwa 80 Prozent der Abholzung von Regenwald in Brasilien auf das Konto der Soja-Produktion für die europäische Rindermast und Milchproduktion gehen. Gabriel ist der Meinung, dass es unmöglich ist, unterschiedliche Kriterien für Biomasse- und Futtermittelimporte festzulegen. „Wenn die Futter- und Nahrungsmittelproduktion in die Regenwälder verlegt wird, ist das ebenso klimaschädlich wie die Rodung für die Erzeugung von Biomasse.“ Deshalb werde er vorschlagen, dass „nicht nur für Biosprit, sondern für die gesamte Biomasse- und Futtermittelproduktion Nachhaltigkeitskriterien gelten müssen“. Doch da wird er noch viel Überzeugungsarbeit leisten müssen. Noch gibt es dafür kaum Unterstützung.

Problem 2: Klimabilanz

Obwohl vor allem der Einsatz von Biosprit im Hinblick auf die Einsparung von Treibhausgasemissionen bisher eher ernüchternd ausfällt, sagt der Chef des Umweltbundesamts (UBA), Andreas Troge: „Die energetische Nutzung von Biomasse ist ein wesentlicher Beitrag zum Klimaschutz.“ Die entscheidende Frage dabei ist, wie diese Biomasse angebaut wird. Die „Kommission Bodenschutz beim UBA“ (KBU) hat in einem aktuellen Gutachten, das in dieser Woche veröffentlicht wird, Kriterien für einen klima- und umweltfreundlichen Anbau aufgestellt. Die wichtigste Forderung der 17 Wissenschaftler: Beim Anbau von nachwachsenden Rohstoffen müssten die genutzten Böden in einem Zustand erhalten werden, der jederzeit wieder die spätere Anpflanzung von Futter- oder Nahrungsmitteln zulässt. Das sei umso wichtiger, als die Böden Mitteleuropas im Zuge der globalen Erwärmung wohl zu den weltweit produktivsten zählen werden – und sie deshalb womöglich in Zukunft wieder stärker als bisher für die Lebensmittelproduktion gebraucht werden.

Außerdem verlangen die Wissenschaftler, dass nur solche Landnutzungssysteme unterstützt werden, „die pro Fläche die größten Mengen an nutzbarer Energie liefern, ohne wesentliche Umweltbelastungen hervorzurufen“. Deshalb raten sie von einer Ausweitung des Rapsanbaus dringend ab. Und auch die Energiebilanz der Bioethanol-Herstellung aus Mais oder Weizen sei nicht überzeugend, heißt es in dem Gutachten. Die Wissenschaftler kritisieren außerdem die Biogas-Verstromung. Bei dieser Methode würden weniger als 20 Prozent der geernteten Energie effektiv genutzt – zumindest, sofern die Abwärme nicht verwendet wird. Schon jetzt werden allerdings bisherige Grünlandflächen umbrochen, um Mais für Biogasanlagen oder Raps für Biodiesel anzubauen. Dabei wird mehr Kohlendioxid (CO2) aus dem Boden freigesetzt, als die Energiepflanzen während ihrer Wachstumsphase aufnehmen können. Die Klimabilanz ist damit negativ. Das gilt auch, wenn Pflanzen angebaut werden, die mehr Humus im Boden ab- als aufbauen, wie Mais, Kartoffeln oder Zuckerrüben. Ob die Böden in Deutschland eher CO2-Speicher oder gar CO2-Quellen sind, weiß allerdings niemand. Unstrittig ist aber, dass auf entwässerten oder landwirtschaftlich genutzten Mooren – etwa sechs Prozent der Landwirtschaftsfläche in Deutschland – als Folge des Humusabbaus jährlich 19 Millionen Tonnen CO2 entstehen, das sind immerhin 1,8 Prozent der deutschen Treibhausgase.

Potenziale:

Im vergangenen Jahr wurden auf rund 15 Prozent der genutzten Ackerflächen Energiepflanzen angebaut. Sie deckten damit ein Prozent des gesamten Energiebedarfs in Deutschland. Um Flächenkonkurrenz zu vermeiden, schlagen die KBU-Wissenschaftler vor, ein „Brachenkataster“ anzulegen und auf dieser Basis abzuschätzen, auf welchen früheren Militärflächen oder Stilllegungsflächen Biomasse sinnvoll angebaut werden kann. Außerdem schlagen sie vor, zu prüfen, ob Grünschnitt aus Naturschutzgebieten in die Produktion von Biokraftstoffen der zweiten Generation fließen könnte. Denn die meisten deutschen Naturschutzgebiete leiden wegen der intensiven Landwirtschaft in der Nachbarschaft unter einem Nährstoffüberfluss.

Insgesamt werden zurzeit zwölf Millionen Hektar in Deutschland landwirtschaftlich genutzt. Die Flächenpotenziale für Energiepflanzen schätzt das Öko-Institut auf 2,4 bis 4,3 Millionen Hektar im Jahr 2020 und auf bis zu 6,1 Millionen Hektar bis 2050.

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