• „Die Mathematik wurde nicht von Gott erschaffen“ Als junger Arzt hat er monatelang miterlebt, wie eine Komapatientin dahinvegetierte.

Zeitung Heute : „Die Mathematik wurde nicht von Gott erschaffen“ Als junger Arzt hat er monatelang miterlebt, wie eine Komapatientin dahinvegetierte.

Was dem Naturwissenschaftler Jens Reich die Osterbotschaft heute bedeutet.

-

Jens Reich, 66, ist Mediziner und Molekularbiologe. Er hat über die „Bedeutung der klinischen Gefäßgeräusche“ promoviert. 1994 kandidierte er für das Amt des Bundespräsidenten. Er träumte von Basisdemokratie und diskutiert im Ethikrat. Für den Wissenschaftler steht fest: Moral lässt sich nicht aus der Natur ableiten.

Interview: Claudia Keller und Axel Vornbäumen Foto: KaiUwe Heinrich Frohe Ostern, Herr Reich – ist das für Sie mehr als nur eine Floskel?

Ja, natürlich. Ich bin katholisch, Ostern ist für mich das größte Fest im Jahr. Es ist ein Familienfest. Wir sind dann immer auf unserem Grundstück in der Nähe von Angermünde und freuen uns, wenn die Kinder und Enkel da sind und Ostereier suchen. Wir laden auch viele Freunde ein, zum Kaffeetrinken und Spazierengehen.

Gehen Sie nicht in die Kirche?

Sogar zwei Mal, in die Freitagsmesse und in die Ostermesse. Die Karfreitagsliturgie mit den Kreuzganggebeten ist für mich was Besonderes. Sie ist schaurig, und sie gehört zu meinem Leben dazu. Schade, dass sie nicht mehr auf Latein gesprochen wird, wie in meiner Kindheit. Das war für uns Kinder gerade wegen des Lateins etwas sehr Geheimnisvolles. Ich habe das eingesaugt, obwohl ich damals kein Wort verstanden habe.

Was geht in Ihnen vor, wenn Sie die Karfreitagsgebete sprechen?

Es ist ein tiefgreifendes, dabei auch literarisches Erlebnis. Ich beschäftige mich mit dem Text, nehme mir auch manchmal eine russische oder englische Bibel dazu. Ich möchte das gerne in anderen Sprachen fühlen und mich in den völlig unmodern gewordenen Text vertiefen.

Ostern ist das Fest der Auferstehung. Kommen Sie da als Molekularbiologe nicht in Erklärungszwang?

Nein, das sind verschiedene Kategorien. Auferstehung ist ein metaphysischer Begriff, kein empirischer. Ein Buddhist, der an Wiederbeseelung glaubt, kommt auch nicht in Erklärungszwänge.

Beten Sie vor dem Essen?

Nicht, wenn ich in der Mensa sitze und Kollegen dazukommen. Zu Hause mit den Enkelkindern.

Schauen Sie sich den Ostergruß des Papstes im Fernsehen an?

Nein, der Fernseher wird zu Ostern nicht eingeschaltet.

Der Segen bedeutet Ihnen nichts?

Da müsste man schon das Urbi et Orbi des Papstes direkt in Rom miterleben. Meine Frau, meine Schwester und die Kinder wollten das zu Mauer-Zeiten – mal raus aus der DDR, nach Rom pilgern. Aber das hat unsere Gemeinde damals gleich abgebogen. Wir hatten ohnehin große Schwierigkeiten mit der katholischen Kirche zu DDR-Zeiten. Die hat sich zu sehr aus allem Gesellschaftlichen herausgehalten. Und jetzt ist es wie mit so vielem Neuen: Nun, da wir es können, haben wir es noch nicht gemacht.

Ob der Papst den Segen heute überhaupt sprechen kann, war lange nicht klar. Empfinden Sie sein öffentliches Leiden als würdelos?

Nein, im Gegenteil. Ein schwer Parkinsonkranker, der darum kämpft, das zu verteidigen, was er für seine Verpflichtung hält – das kann ich nicht als würdelos bezeichnen. Er lebt einen Teil dessen, was er in gesunden Tagen als Lehre verkündet hat: Er nimmt das Leiden an. Es ist der Versuch, im Leiden Mensch zu bleiben. Mit dem ganzen Rummel, der darum gemacht wird, habe ich allerdings meine Schwierigkeiten.

Sie vermissen die Liturgie in Latein, von Ihnen stammt aber auch der Satz: „Es gibt praktisch keine sinnvolle Möglichkeit, zu den alten Zeiten zurückzukehren.“ Gibt es denn eine Epoche, in die Sie, wenn Sie könnten, gerne zurückkehren würden?

Mein Großvater in Warnsdorf hat ein Leben gelebt, bei dem ich auch gerne dabei gewesen wäre. Er war Chemiker, hat in der ganzen Welt studiert, vor allem in der Schweiz. Er lebte ein sehr kosmopolitisches Leben Anfang des 20. Jahrhunderts.

Ein großbürgerliches Leben?

Ja. Wenn er sich ärgerte oder es ihm langweilig wurde, setzte er sich in den Nachtzug und fuhr nach Genf oder Wien zu Geschäftsfreunden, besuchte Bruderschaften, ging in Clubs. Meine Mutter hat in England studiert, war lange in Frankreich. Diese kosmopolitische Welt, die über Europa verteilt war, in der jeder mehrere Sprachen konnte, die liberal war und an technischen Neuerungen interessiert – die vermisse ich. Aber es ist kein Trauern nach der verlorenen Zeit. Denn auf der anderen Seiten stand die schreckliche Armut vieler, die Kriege des 20. Jahrhunderts. Es gibt diese grauenhaften Bilder von meinem Großvater aus dem Ersten Weltkrieg, die er an der Ostfront von den Leichenfeldern aufgenommen hat.

Sie wollen damit sagen: Die Gegenwart hat auch ihre Vorteile.

Ja, natürlich. Wir leben im Frieden, leider nicht überall. Freilich finde ich es schlimm, wie heute die Kulturen zerfasern. Ich interessiere mich wahnsinnig für andere Epochen, für die Maya zum Beispiel oder für die Zeit der großen Pest. Da hole ich mir alle nur erdenkliche Fachliteratur und überlege mir: Wo in Europa könntest du da gewesen sein, 1349, im Jahr der großen Pest? Dann schaudert es mich. Andererseits denke ich an den Halberstädter Dom, der damals gebaut wurde, und denke wieder, so furchtbar kann das ja nicht gewesen sein, wenn die zu solchen Leistungen fähig waren und unsere heutige Höchstleistung der Steglitzer Kreisel ist. Das kann doch nicht nur auf Ausbeutung beruhen, da muss doch eine Synergie in der ganzen Bevölkerung da gewesen sein, von der alle begeistert waren.

Wären Sie auch als Wissenschaftler gerne früher geboren worden?

Ja, ich hätte gerne in den Zeiten gelebt, als es noch eine richtige Aufbruchstimmung gegeben hat, als man noch nach den Elementen gesucht hat. Ich hatte als Kind diese Lehrbücher der Chemie von meinem Großvater, mit Kupferstichen von allen nur möglichen Apparaten. Diese alten Lehrbücher haben einen unglaublichen ästhetischen Reiz. Diese Faszination hätte ich gerne gespürt.

Heute existiert doch auch Aufbruchstimmung. Erleben Sie nicht eine ähnliche Faszination, wie Ihr Großvater damals?

Die neue Faszination ist so abstrakt. Schauen Sie sich mal die langweiligen Schemata aus Legobausteinen in einem guten Lehrbuch der Molekularbiologie an.

Wie verträgt sich der religiöse Jens Reich mit dem Naturwissenschaftler Jens Reich?

Das sind zwei verschiedene Welten. Zwei Räume, die nebeneinander existieren, die nebeneinander ihre Berechtigung haben. Ich kann zum Beispiel. nicht behaupten, dass Mathematik, ein Gebäude von großer Schönheit, von Gott geschaffen sei. Die Mathematik wurde vom Menschen geschaffen. Die Welt, mit der ich mich als Naturwissenschaftler beschäftige, ist die sinnlich erfahrbare. Ich kann aus der Natur nicht etwa die Moral ableiten.

Wenn man Sie so hört, fragt man sich, warum Sie Naturwissenschaftler geworden sind.

Das hatte mit der DDR zu tun. Die Halberstädter Franziskaner waren ja lieb, aber das war kein Weg für mich. Mein Vater hat mir dann empfohlen, Medizin zu studieren. Es war letztlich der vernünftigste Weg für einen Katholiken, sich in der Nischengesellschaft einzurichten. 1989 hatte ich dann in meiner Nische die Illusion einer basisdemokratischen Zivilgesellschaft.

Eine Illusion, die Sie heute nicht mehr haben?

Na, ich habe meine Erfahrungen doch gemacht. Mir hilft es manchmal mehr, die Defizite ethnologisch zu erklären: Mit der Basisdemokratie klappt es nur ganz selten, wenn ein Thema hochkommt, das alle vereint, wie etwa bei der orangenen Revolution in Kiew. Vorher haben sie dort alle im politischen Sinne stumpf vor sich hin gelebt, haben alles über sich ergehen lassen, und plötzlich wachen sie auf. Aber es bleibt nicht nachhaltig. Mal mitzumachen und das großartig zu finden, ist das eine, aber der Karneval ist dann auch schnell wieder zu Ende.

Ist das Leben zu komplex, der Mensch zu schwach für die Demokratie?

Wir stehen alle hilflos vor den Problemen eines 80-Millionen-Landes. Ich nehme mich gar nicht aus. Ich habe mein Leben ja auch nicht der Politik geopfert. Ich habe mich wieder in meinen Beruf zurückgezogen, da weiß ich besser Bescheid. Das klingt vielleicht resignativ, ist es aber gar nicht.

Immerhin wären Sie Anfang der 90er Jahre fast mal Bundespräsident geworden…

Bitte keine Ironie, das war damals doch eine symbolische Kandidatur.

Mit einem erheblichen Ernüchterungsfaktor schon während der Kandidatur?

Die Kandidatur hat mir Spaß gemacht, obwohl ich genau wusste, dass es nichts werden kann. Ich muss der Bundesrepublik zugute halten, dass man es als Bürger immerhin bis zur Kandidatur in die Bundesversammlung schaffen kann. Na gut, dann ist seinerzeit wieder alles seinen „sozialistischen Gang“ gegangen, Roman Herzog wurde gewählt…

Hätten Sie gerne wie Horst Köhler vor ein paar Tagen auch zur „Ordnung der Freiheit“ geredet?

Mir wäre das Thema wohl zu komplex. Ich habe nichts dagegen, dass sich der Bundespräsident dazu Gedanken macht. Ich sehe bloß nicht, dass das über die Erkenntnis hinausgeht, dass wir in einer schwierigen Umbausituation sind und dass die politische Konstitution Deutschlands ungeeignet ist, mit so einer Krise gut zurechtzukommen.

Sie hätten die Rede so also nicht gehalten?

Wenn ich schon eine Predigt halten sollte, dann könnte ich ja schlecht sagen, dass ich auch kein Rezept habe. Vermutlich hätte ich mich zu etwas entschlossen, was der Präsident nicht darf: Eine ungeschminkte Analyse der Situation.

Bitte sehr, predigen Sie. Heute ist Sonntag.

Es wäre eine Rede über diese entartete Parteiendemokratie geworden.

Diesen Begriff wollen Sie im Ernst benutzen?

Ja. Weil ich finde, dass die Parteien eine Form von Macht an sich genommen haben, die weit über das hinausgeht, was sie an Nutzen für die Gesellschaft stiften. Dies ist nicht im Sinne des Grundgesetzes. Sie verstehen sich mittlerweile als Körperschaften, die von der Gesetzgebung über die Ausführung von Gesetzen bis hin zur Wahl der Verfassungsrichter alles unter sich nach Proporz aufteilen.

Ihre Wut muss groß sein, wenn Sie von „entarteter Parteiendemokratie“ sprechen.

Die politische Macht der Parteien muss zurückgeschnitten werden. Ich weiß schon, dass das so, wie sich die Athener in der Antike auf dem Marktplatz verständigt haben, nicht auf eine 80-Millionen-Demokratie übertragbar ist. Und doch stört es mich unsagbar, dass die Parteien sich nur noch als Berufsverbände begreifen, die ihre Aufgabe darin sehen, Macht zu erreichen oder Macht zu erhalten. Wenn ich mir sonntags „Sabine Christiansen" anschaue, dann habe ich immer das Gefühl: Gott sei Dank, dass du da nicht mit drin sitzt. Diese Menschen sind ja total überfordert.

Sie haben zu DDR-Zeiten mal an einer „Analyse des verrotteten Systems" mitgearbeitet. Wäre es mal wieder so weit?

Das System ist nicht verrottet, eher verklemmt, verkantet. Wir stagnieren. So ähnlich habe ich mich auch in den 70er und 80er Jahren im Osten gefühlt.

Hat es Amerika besser? Dort haben 62 Prozent Bush auch wegen dessen Religiosität gewählt.

Das käme mir sehr skurril vor. In den USA gibt es allerdings den Willen, mit unlösbaren Widersprüchen weiterzuleben, so wie man es sehr wahrscheinlich nur auf einem großen Kontinent tun kann. In der gleichen Wahl, in der Bush für seine Werte gewählt wurde, wurde in Kalifornien entschieden, dass Humanembryonenforschung mit zwei Milliarden Dollar unterstützt wird. Das ist diametral gegen Washington gerichtet.

Im Fall der Koma-Patientin in den USA wird gerade eine Wertediskussion geführt.

Ich habe da sehr gespaltene Gefühle dazu. Es ist ein unerträglicher, ein unlösbarer weltanschaulicher Konflikt, über die Frage, darf man über das Leben eines hoffnungslos Hilflosen bestimmen. Es gehört einerseits nicht in die große Politik und verträgt auch keine gesetzliche Regelung; anderseits, wenn’s einmal zum Politikum geworden ist, muss es mit allen Argumenten ausgetragen werden. Nur das Niveau, auf dem diese Diskussion stattfindet, ist verheerend. Es ist aus einer tiefernsten Sache ein Medien-Schlammringkampf geworden.

Ist das ethisch zu bewältigen für denjenigen, der es zu entscheiden hat?

Nein, eben nicht. Die meisten Ärzte wollen diese Entscheidung nicht treffen; sie wollen, dass ihnen diese Entscheidung abgenommen wird. Solche Probleme werden in unserer Gesellschaft durch die wachsende Zahl der Demenzkranken zunehmen. Ein Riesenaufwand an Technik, und je länger das Ganze dauert, desto mehr geht die menschliche Zuwendung ins Leere. Ich habe als junger Arzt einmal monatelang miterlebt, wie eine junge Komapatientin weiterbehandelt wurde. Eine junge Frau stirbt nicht so schnell an einer erlösenden Lungenentzündung oder Thrombose.

Was sagt Ihnen Ihr Glaube?

So, wie es gesetzlich geregelt ist, ist es nicht gut. Das Ganze steht ja immer unter dem Fallbeil des Strafgesetzes. Dabei ist es eine außerordentlich intime Konfliktsituation, die sich schlecht politisch normieren lässt. Man muss herausfinden, was der Betroffene sich selber wünschen würde. Er hätte aber eigentlich keine Wahl. Er könnte sich nur wünschen: Ich will nicht dahinvegetieren. Die andere Entscheidung: Ich will immer weiter gepflegt werden, ohne Hoffnung, das kann man ja nicht wollen.

Was wünschen Sie sich für sich selber?

Meine Frau und ich ringen gerade um eine Patientenverfügung für uns. Sie kann nur so aussehen, dass man sagt: Ich möchte mich nicht in einem dauerhaft hilflosen Zustand als Bewusstloser oder als Demenzfall wiederfinden. Ich möchte nicht, dass meine Angehörigen sich für die zwecklose Pflege aufopfern müssen. Aber wenn ich es genau beschreiben soll, wann die Maschinen abgestellt werden sollen oder welche Zeichen der Zustimmung oder der Rücknahme beachtet werden sollen, dann merke ich, dass ich die Entscheidung lieber verdränge. Ich nehme dann Zuflucht zu Epikur und erweitere ihn auf den möglichen Fall des eigenen Wachkomas: Mein Tod ist mir fern. Er ist nicht da, wo ich lebe, und wo er ist, dort bin ich nicht mehr. Es wird, hoffe ich, liebende Menschen geben, denen ich Vollmacht gebe, für mich zu entscheiden.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben