Zeitung Heute : Die Maus verjagen

Sigrid Kneist

Wie eine Mutter die Stadt erleben kann

Das ist der endgültige Abschied. Er kommt nicht plötzlich, er ist Schlusspunkt eines längeren Prozesses des Auseinanderlebens. Die Trennung ist nicht bitter, sie ist zwangsläufig. Ich spreche von der Diddl-Maus, die die längste Zeit in unserem Haus gewohnt hat. Charlotte hat jetzt beschlossen, dass es reicht.

Dabei war das anfangs eine überaus liebevolle und intensive Beziehung, die unsere Tochter seit ihrem fünften Lebensjahr pflegte. Wir Eltern hätten uns durchaus eine andere Liebe vorstellen können. Aber da wir nun mal tolerant sind, haben wir Diddl, ohne spöttisch die Brauen hochzuziehen, freundlich aufgenommen. Leider hatte die großpfotige Maus die Eigenschaft, sehr raumgreifend zu sein. Man konnte von einer unglaublichen Diddl-Vermehrung sprechen. Begonnen hatte alles mit einem Plüschfigürchen, es folgten weitere. Diddl schlich sich auf der Bettwäsche ein, fand sich auf dem Regenschirm, auf dem Handtuch. Das Briefpapier war mausemäßig bedeckt; Merkzettel, Schminkköfferchen, Kühlschrankmagneten standen ganz im Zeichen der Maus. Und die Hochphase war erreicht, als plötzlich alle Mädchen Diddl-Blätter sammelten und Ordner auf Ordner mit den Motiven füllten. Charlotte kam auf mehr als 250 verschiedene Varianten. Die Diddl-Maus brachte zudem ihre Freunde mit: den Hasen Mimihops, den Bären Pimboli, das Pferd Galupy, die Schafe Vanillivi und Wollywell.

Die Entfremdung Charlottes begann, als die ebenfalls plüschigen Nici-Tiere zum Sturm aufs Kinderzimmer einsetzten. Irgendwann war es außerdem peinlich, mit rosa Diddl-Socken herumzulaufen, die Diddl-Tasche blieb am Haken und Diddl-Haarspangen waren nicht mehr der In-Kopfschmuck. So verschwand die Maus mehr und mehr. Nur ein Diddl-Poster hatte überlebt. Das musste jetzt weichen. Und zwar Captain Jack Sparrow, Johnny Depp. Eine gute Wahl.

Eine gute Poster-Quelle für Mädchen ab elf Jahren ist nach wie vor die „Bravo“. Sie erscheint jeden Mittwoch und kostet 1,30 Euro. Die Poster-Bravo kostet 2,50 Euro.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!