Zeitung Heute : „Die Mehrheit will einfach ein ruhiges Leben führen“

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Jassir Arafat – davon will Ariel Scharon Präsident Bush überzeugen – soll Terroranschläge finanziert haben. Sie haben mit ihm über Frieden verhandelt, hat Arafat Sie betrogen?

Betrogen – das klingt so moralisch. Arafat ist derselbe, der 1974 vor die UN-Generalversammlung trat mit einem Olivenzweig in der einen Hand und einer Pistole in der anderen. Zu Beginn des Osloprozesses legte er die Pistole zur Seite, jetzt hat er sie wieder zur Hand genommen. Aber es war sein größter Fehler, die Intifada nicht gleich am Anfang zu stoppen, denn da hätte er es gekonnt.

Hat Scharon Recht, ihn zu isolieren?

Alles was Scharon damit erreicht, ist, Arafat international zu einem Helden zu machen. Arafat ist der Führer des palästinensischen Volkes. Wer auf einen anderen wartet, verhindert eine friedliche Lösung möglicherweise für viele Jahre. Wenn es einen palästinensischen Führer gibt, der die Autorität hat, ein Abkommen über den Endstatus mit Israel zu schließen, dann ist das Jassir Arafat.

Die israelische Bevölkerung scheint Scharons Politik zu unterstützen.

Die Mehrheit der Israelis will einfach ein ruhiges Leben führen. Heute gibt es viele, die glauben, die Palästinenser sind schuld, dass es nicht funktioniert. Sie sind verwirrt und wollen Rache. Aber es hängt alles von der Führung ab, ob sie die Menschen zurückführen kann auf den richtigen Weg.

Fast alle Israelis sagen: Barak hat Arafat alles geboten, aber er suchte die Gewalt.

Nachdem die Verhandlungen gescheitert waren, hat Barak alle Schuld den Palästinensern gegeben, um seinen Ruf zu retten. Was er nach den Wahlen dem israelischen Friedenslager angetan hat, ist unverzeihlich.

Inwiefern?

Er sagte, mit Arafat könne man gar nichts erreichen, er habe ihm alles geboten, und Arafat habe dann mit Gewalt reagiert. Das ist eine Lüge, die Barak sehr erfolgreich verbreitet hat. Er hat Arafat in Camp David im Juli 2000 nicht das geboten, was der für eine Zustimmung gebraucht hätte. Und die Gewalt begann nach dem provokativen Besuch Scharons auf dem Tempelberg.

Die rote Linie der Palästinenser ist der Tempelberg, ohne ihn kein Friedensabkommen.

Ja, erst im Clinton-Plan, im Dezember 2000, hat Barak einem geteilten Jerusalem zugestimmt. Also fünf Monate nach Camp David. Doch im Dezember 2000 hatte die Intifada schon begonnen, da war es schon zu spät, denn die schreckliche Dynamik aus Gewalt und Gegengewalt hatte schon begonnen.

Die israelische Öffentlichkeit scheint nach den Anschlägen nicht bereit zu Verhandlungen.

Die Menschen sind verwirrt, ja, sie sind auch voller Hass, aber sie sind auch bereit, voranzuschreiten und Friedensverhandlungen zu führen. Deshalb muss der nächste Schritt eine internationale Konferenz sein, Madrid II, und dort müssen wir sofort über eine permanente Lösung sprechen und nicht lange Interimslösungen aushandeln. Das Ziel muss die saudische Initiative sein.

Aber ist Israel wirklich bereit, sich auf die Grenzen von 1967 zurückzuziehen?

Iraelische Premierminister, etwa Rabin, haben ja schon gesagt, dass sie die Golanhöhen aufgeben würden. Was das Westjordanland anbelangt: 1967 sollte die Basis sein, aber es muss auch Territorialtausch geben. Die Saudis sind damit auch einverstanden.

Wie beurteilen Sie den Vorschlag des deutschen Außenministers?

Das ist eine sehr wichtige Initiative. Deutschland wird von beiden Seiten als objektiver angesehen als viele andere Länder. Ich denke, was Joschka Fischer im letzten Jahr getan hat, als er einen Waffenstillstand aushandelte, hätten nicht viele andere erreichen können. Wenn sein Papier aufgenommen wird von der EU, dann könnte es mit Hilfe Amerikas zur wichtigsten Initiative werden. Deutschland ist ein sehr wichtiger amerikanischer Partner, deshalb hat Deutschland eine ganz einzigartige Position inne, die nicht unterschätzt werden sollte.

Das Gespräch führte Annabel Wahba.

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