Zeitung Heute : Die Meister von morgen

Mathematisch-naturwissenschaftliche Schülergesellschaften verbinden die Universität mit den Schulen

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Von Ljiljana Nikolic

Die Idee liegt nahe: Wer Nachwuchs frühzeitig auf die Universität besser vorbereiten will, muss in die Schulen gehen. Wie dies aussehen kann, zeigen einige bundesweit einmalige Projekte der mathematisch-naturwissenschaftlichen Institute der HU.

Überlegungen, wie Schule und Universität besser zu verknüpfen sind, wurden am Institut für Mathematik seit Mitte der 1990er Jahre intensiviert, als der Mathematiker Jürg Kramer an die Universität kam. Die Zusammenarbeit steht heute auf mehreren Standbeinen. Dazu gehören die Zirkel der Mathematischen Schülergesellschaft „Leonhard Euler“, bereits 1970 gegründet, Spezialklassen an der Andreas-Oberschule, an denen Lehrer und Wissenschaftler gemeinsam unterrichten und der europaweite Mathematikwettbewerb „Känguru“.

Dazu zählt auch ein 2001 gegründetes Netzwerk mathematisch-naturwissenschaftlich profilierter Schulen mit drei Berliner Schulen. An ihnen wird nach einem neuen, am Institut für Mathematik gemeinsam mit Lehrern erarbeiteten Rahmenplan gelehrt, der auf die Anforderungen des mathematischen Grundstudiums zugeschnitten ist. Wer im Mathematik-Abitur 50 Punkte erreicht, hat bereits zwei Scheine des Mathematik-Instituts in der Tasche. Mit Schülern der Netzwerkschulen wurden Sommerschulen unter dem Motto „Lust auf Mathematik“ durchgeführt. Möglich war vieles dank der Förderung durch die VolkswagenStiftung und die Robert-Bosch-Stiftung. Auch Schulsenator Böger unterstützt die Mathematiker.

Neuen Auftrieb erhielt das Projekt durch das Forschungszentrum „Mathematik für Schlüsseltechnologien“ in Berlin, an dem mehrere Universitäten und Forschungsinstitute beteiligt sind. Dort soll eine Doktorandin einen neuen Rahmenplan für das Fach Mathematik erarbeiten. Auch die Studierenden werden profitieren. Drei Lehrer werden für ein Jahr ans Institut kommen, um die Lehrerausbildung zu unterstützen.

Jürg Kramers Vision ist ein mathematisch-naturwissenschaftliches Gymnasium mit Anbindung an die sieben HU-Institute in Adlershof. „Im Moment werden Schulen aufgrund fallender Schülerzahlen aber eher geschlossen“, bedauert der Professor.

Unweit des Instituts für Mathematik wird zum Sommersemester 2003 ein weiteres naturwissenschaftliches Institut der Universität nach Adlershof ziehen, das Institut für Physik. Und während die Arbeiten im neuen Gebäude dem Ende zu gehen, wird bald auch ein altes, denkmalgeschütztes Gebäude für die Zwecke der Physik hergerichtet: der große Windkanal, einst Forschungsstätte der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt aus den Anfängen des Motorflugs in Johannisthal. In einem Gebäudeteil wird das Unilab, ein Projekt der Fachdidaktiker der Physik unter der Leitung von Lutz Schön, verwirklicht.

Unilab besteht aus drei Komponenten: Schülerlabor, Galerie und Institut. Ziel des Schülerlabors ist, physikalische und naturwissenschaftliche Phänomene verständlich zu erklären - aber anders als in der Schule. Es werden besondere Geräte zur Verfügung stehen, es können nach Wunsch Themen aufgearbeitet werden, für die im Schulalltag Zeit oder Geräte fehlen. Betreut werden die Schülerklassen durch Lehramtsstudierende. Besucher der Langen Nacht der Wissenschaften werden sich an das Foucaultsche Pendel oder die Rauschfilterröhren erinnern, die zum Unilab gehören.

Einen „Sprung“ weit von der Physik, am Geografischen Institut, das im Sommer 2003 nach Adlershof ziehen wird, hat ebenfalls ein größeres Schulprojekt begonnen - mit Unterstützung der Robert-Bosch-Stiftung. Wissenschaftler arbeiten im laufenden Schuljahr mit Lehrern und Schülern aus Geografie-Leistungskursen an stadtökologischen Themen. Einer der Forschungsschwerpunkte wird die Schüler der vier beteiligten Berliner Oberschulen nach Adlershof führen. „Hier geht es um die Analyse des Nutzungswandels im Gebiet des ehemaligen Flugfeldes Johannisthal“, erzählt Projektleiter Gregor Falk. Die Schüler lernen dabei verschiedene geografische Methoden zu nutzen.

Dem Einsatz eines Geografischen Informationssystems (GIS) zur Datenverarbeitung wird besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Den Umgang damit sollen nicht nur Schüler, sondern auch Lehrer lernen. „GIS wird zwar in Fachkreisen und in der Wirtschaft häufig angewendet, steht aber weder auf den Schullehrplänen noch ist es an der Universität Pflichtfach für die Lehramtsstudierenden", erläutert Gregor Falk. Er erhofft sich von dem zweijährigen Projekt einen Schneeballeffekt. Zukünftige Geografiestudierende erhalten das Wissen für ihre spätere Ausbildung, Lehramtsstudenten für den Unterricht an den Schulen.

Für Lehrer sind die Angebote der Universität auf jeden Fall eine Bereicherung des Schulprogramms. „Wir schauen uns gerne chemische Experimente an, die wir in der Schule aus zeit- oder sicherheitstechnischen Gründen nicht durchführen können“, bestätigt Kirsten Lauritsen, Chemielehrerin an der Gesamtschule „Ernst Thälmann“ in Rüdersdorf. Sie kommt regelmäßig mit ihrer Chemie AG zu den Vorlesungen der chemischen Schülergesellschaft, die bereits in den 1960er Jahren gegründet wurde. Zielgruppe sind Schüler der elften bis 13. Klassen. Die Gesellschaft bietet auch Praktika an. Die Lehrerin besucht die Vorlesungen, „geeignete Versuche mache ich mit der AG dann in der Schule selbst nach.“

Informationen im Internet:

www.chemie.hu-berlin.de ,

www.mathematik.hu-berlin.de

www.geographie.hu-berlin.de/di/texte/gis/HTML_Dateien/GIS_home.htm

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