Zeitung Heute : „Die Menschen haben Angst, etwas zu erzählen“

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Von Susanne Osthoff fehlt noch jede Spur. Ist zumindest bekannt, wo die Entführung stattfand – war es womöglich im kurdischen Gebiet, Herr Berwari?

Bislang ist klar, dass Frau Osthoff auf dem Weg ins kurdische Gebiet war. Die ersten 100 Kilometer nach Bagdad liegen nicht im kurdischen Gebiet, die Gegend gilt als unsicher. Wir nehmen an, dass dort die Entführung stattgefunden hat.

Was macht Sie da so sicher?

Ab etwa 150 Kilometer nördlich von Bagdad gibt es auf dieser Strecke ein dichtes Netz an Kontrollstellen, die Ortschaften kooperieren mit den Sicherheitsbehörden. Zumindest hätten wir genaue Informationen darüber, wo die Entführung stattgefunden hat und welche Gruppierung dahinter steckt. Da diese Informationen uns nicht erreicht haben, nehmen wir stark an, dass Susanne Osthoff näher bei Bagdad entführt wurde, in dem Gebiet, das außer Kontrolle ist.

Und was ist das für ein Gebiet?

Von Bagdad aus nach Norden gibt es unbewohnte Gegenden. Man fährt zum Teil 30 bis 50 Kilometer, ohne jemandem zu begegnen. In solch schwer kontrollierbaren Regionen finden Entführungen statt. Die Menschen im Irak sind hin- und hergerissen. Sie werden von Kriminellen und Terroristen unter Druck gesetzt und können mit den Behörden nicht kooperieren.

Welche Gruppen sind dort aktiv?

Vor allem operieren dort Kriminelle. Hier geht es um Geld. Auch Anschläge auf Fahrzeuge werden dort gegen Geld gemacht – 1000 Dollar für einen Pkw.

Ist die Situation so unkontrolliert, dass eine Entführung stattfindet, ohne dass die Verwaltung irgendetwas mitbekommt?

Denkbar ist das. Die Leute haben Angst. Niemand erzählt etwas. Wenn aber in den Behörden jemand Informationen erhalten hat, dann werden die auch weitergegeben. Es sei denn, Korruption ist im Spiel. Aber darauf gibt es derzeit keine Hinweise, trotz gegenteiliger Berichte.

Denken Sie, dass Frau Osthoff noch in der Region ist, wenn sie dort entführt wurde?

Ja, davon muss man ausgehen.

Können die Kurden und kann Präsident Talabani angesichts Ihrer Einschätzung bei der Vermittlung überhaupt helfen?

Das ist sehr problematisch. Die kurdischen Parteien sind ein Teil der irakischen Regierung. Wir werden von Terrorgruppen und Kriminellen als Gegner gesehen. Wenn wir uns einmischen, besteht die Gefahr, dass die Sache schief geht. Natürlich macht der Präsident alles, was in seiner Macht steht. Wir haben aber die Möglichkeit, über Kontaktleute und unsere Sicherheitsbehörden, die fast überall Informationen durch Spitzel bekommen, auch bei Terrorgruppen und Kriminellen, Informationen zu sammeln. Bei solchen Fällen die wichtigste Aufgabe.

Die Kurden sind bekannt für ihren Sicherheitsapparat. Warum funktioniert das besser als in anderen Teilen des Iraks?

Wir regieren unsere Gebiete seit 1991, seitdem haben wir unsere Struktur aufgebaut. Außerdem kämpften wir seit den 60er Jahren gegen das Regime. Auf unsere Leute können wir uns verlassen.

Ahmad Berwari ist Repräsentant der Patriotischen Union Kurdistans in Deutschland, deren Vorsitzender der irakische Präsident Dschalal Talabani ist.

Das Gespräch führte Barbara Junge.

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