Zeitung Heute : Die Messer des Kochs werden zu Schlagzeugschlägeln

Der britische Klangkünstler Haroon Mirza spielt in seinen Installationen mit Hören und Sehen – eine Begegnung vor seiner ersten Ausstellung in Deutschland.

„Backfade 5 (Dancing Queen)“ von Haroon Mirza. Eine Münze springt auf der Bespannung einer Lautsprecherbox auf und ab, sie wird von den Bässen und Vibrationen in die Luft geschleudert und produziert so einen klackernden Rhythmus. Den Untertitel „Dancing Queen“ kann man wörtlich nehmen: Auf dem 1-Pfund-Stück ist die britische Königin Elisabeth abgebildet. Foto: Courtesy the artist and Lisson Gallery
„Backfade 5 (Dancing Queen)“ von Haroon Mirza. Eine Münze springt auf der Bespannung einer Lautsprecherbox auf und ab, sie wird...

Haroon Mirza nimmt das Wasserglas in die Hand und setzt es mit Schwung zurück auf die Tischplatte. Klong. „Das ist ein Geräusch“, sagt der junge Engländer. Dann nimmt er das Glas wieder in die Hand und setzt es gleich mehrmals hintereinander wieder ab. Klong, klong, klong. „Das ist schon Rhythmus“, sagt er und lächelt, so als wollte er sagen: Ist doch eigentlich ganz einfach. Dabei sind wir mitten im komplexen Kern seiner Kunst angelangt. Wo ist die Grenze zwischen Geräusch und Lärm? Und wann erkennen wir Klänge als Musik? „Psst“, macht Mirza. Noch ein Test. Er lauscht in den Raum hinein. Eine Klimaanlage brummt dezent vor sich. Warum haben wir sie nicht die ganze Zeit wahrgenommen? Das sind Fragen, die den 35-Jährigen Briten interessieren. Wissenschaftlich ergründen ließe sich das alles, aber Mirza macht lieber poetische Klanglandschaften, die die Ohren jedes einzelnen Betrachters und Zuhörers herausfordern. In der Schering Stiftung Unter den Linden, die immer wieder künstlerische Arbeiten an der Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft präsentiert, zeigt Haroon Mirza nun vom 25. Mai an seine erste Einzelausstellung in Berlin. Auch wenn er in Deutschland noch nicht so bekannt ist, längst ist der Engländer kein Geheimtipp mehr. In seiner Heimat wird er von der großen Lisson Gallery vertreten. Und im vergangenen Jahr ist er für seinen britischen Beitrag bei der Venedig Biennale mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet worden.

Den Titel seiner Berliner Schau kann man nicht aussprechen, nur abdrucken:

„--  ----“. Übersetzt heißt das: „Occupied Scheringstiftung“. So wie der Künstler Wörter in Zeichensprache transkribiert, so übersetzt er immer wieder häufig für den Menschen nicht wahrnehmbare Klangquellen in hör- und sichtbare Signale. In diesem Fall nutzt er kleine LED-Lampen, sie werden an einen Verstärker und Lautsprecher angeschlossen, der hindurchfließende Strom wird so zum Klingen gebracht. Je nachdem, wie hell die Lämpchen strahlen, verändert sich auch der Sound. Es geht Mirza, wie so oft in seinen Arbeiten, um die vollständige Überlappung zweier Sinne. Hören und Sehen. Und alles, was passiert in diesem inszenierten Raum, wird live erzeugt.

Wie eine lange Kette werden die Leuchten in den Schattenfugen zwischen Wand und Boden verlegt. Damit spielt Mirza auf die Funktion des Ortes an: Denn diese Spalten sind ganz typisch für Galerien und Museen, häufig werden darin Kabel versteckt. Mehr noch: Mirza macht auf eine Lücke aufmerksam, deren eigentlicher Sinn ist, nicht aufzufallen. Diese Arbeit ist minimalistischer als so manche Rauminstallation, die er bisher gemacht hat. Für seine kinetischen Skulpturen und Videoloops nutzt er altmodisch anmutende Materialien aus analogen Zeiten, alte Plattenspieler, Möbel und Projektoren, Glühbirnen, Spulen und Keyboards. Oft reagieren die einzelnen Elemente in einer Kettenreaktion. Ein analoges Radiogerät kreist auf einem Plattenteller, dabei kommt es immer wieder an einer hängenden, leuchtenden Glühbirne vorbei, was zu geräuschvollen Interferenzen führt. In der Arbeit „Backfade 5 (Dancing Queen)“ springt eine Münze auf der Bespannung einer Lautsprecherbox auf und ab, sie wird von den Bässen und Vibrationen in die Luft geschleudert und produziert so einen klackernden Rhythmus. Den Untertitel „Dancing Queen“ kann man wörtlich nehmen: Auf dem 1-Pfund-Stück ist die britische Königin Elisabeth abgebildet.

Inspirierend für Mirza sind immer wieder sozio-kulturelle Aspekte. So hat er in verschiedenen Formen die Entstehung der Clubkultur in den 70er Jahren gefeiert und untersuchte 2007 als Stipendiat am National College of Arts in Lahore, an dem sein Urgroßvater unterrichtet hatte, die Bedeutung von Musik im pakistanischen Alltag. Dabei stieß er auf das beliebte Straßengericht „Taka Tak“ aus Ziegeninnereien. Es ist nach jenem Geräusch benannt, das der Koch macht, wenn er das Fleisch in der Pfanne zerkleinert. „Taka Tak“ gibt es an jeder Straßenecke zu kaufen. Haroon Mirza hat aus diesen Klängen, eine Videoinstallation gemacht. Die Messer des Kochs werden zu Schlagzeugschlägeln, die banale Geräuschkulisse wird bei ihm zum musikalischen Klangteppich.

Was ist Haroon Mirza also? Ein Bildhauer? Studiert hat er Malerei in Winchester und Chicago, später Design am renommierten Goldsmith College in London. Seine Arbeiten beziehen den Raum mit ein, verlangen danach, umschritten zu werden, wenn man alle Geräuschquellen ausfindig machen möchte. Oder ist er doch eher ein Klangkünstler? Mirza will sich nicht festlegen. Komponist? Ja, diese Bezeichnung gefiele ihm, sagt er. Einer, der komponiert, akustisch und visuell. Mirza schichtet Sounds übereinanderlegt, legt Rhythmus und Tempo fest. Gleichzeitig sind seine Installationen von minimalistischer Schönheit, humorvoll, spielerisch. Jedes Element erfüllt einen Zweck, nichts ist reine Dekoration. Und doch legt der Brite großen Wert auf die ästhetische Qualität seiner Arbeit – deswegen habe er Design studiert, hat er einmal gesagt.

Den physikalischen Tricks kommt Mirza selbst auf die Spur. „Natürlich wäre ich schneller, wenn ich ein bisschen im Internet surfen würde“, sagt er. Aber darum geht es ihm nicht. Auf dem Boden sitzend bastelt er, experimentiert. Die Entdeckung neuer technischer Zusammenhänge ist Teil seines künstlerischen Schaffens. Anna Pataczek

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