Zeitung Heute : Die Methode Echolot 1969 traute Joachim Gauck das Ehepaar Kriewall.

Das blieb sich bis heute treu. Und was ist mit ihm? Über die Wandlungen eines Landpfarrers, der zu einer Erlöserfigur wurde.

Wäre ihre Ehe in den letzten 43 Jahren anders verlaufen, wenn nicht der Pastor Joachim Gauck sie getraut hätte?

Vermutlich nicht.

Wäre das Leben Joachim Gaucks anders verlaufen ohne seine erste Pastorenstelle ab 1967 in Lüssow, Vorzeigeort der DDR, LPG Pflanzenproduktion? Ziemlich sicher, glaubt man ihm selbst.

Gauck hat hier in der leicht buckligen Landschaft um Lüssow mit seiner Gemeinde eine Methode entwickelt, wie er aus seiner Zuhörerschaft Kraft ziehen kann. Und in dem Maße, in dem die Zahl seiner Zuhörer stieg, stieg auch seine Kraft. Am Sonntag wird er zum Bundespräsidenten gewählt.

Wer wissen will, wie der Pastor der Eheleute Kriewall zu unser aller Gauck geworden ist, muss 35 Kilometer vor Rostock von der A19 abbiegen, an Güstrow vorbei in Richtung Lüssow fahren. Da thront ein weiß verklinkertes Doppelhaus im Ortsteil Karow, wo eine Ehe seit 43 Jahren hält.

Limettengrüne Sofagarnitur. Fleischige Pflanzen. Es ist heiß hier drin, denn Engelhard Kriewall ist Heizungsmonteur, da wird nicht gefroren. Ruth Kriewall dreht am Finger den breiten, rotgoldenen Ehering, den ihr Bruder im Juni 1969, am Tag vor der Hochzeit in einer Packung Bohnenkaffee aus dem Westen über die Grenze geschmuggelt hat.

„Damals war ich der König im Dorf“, sagt Engelhard Kriewall. Wegen seines Handwerks. Und als Gauck König Engelhard Hubert Kriewall mit Ruth Gerlinde Ohlig, Stenotypistin, 400 Anschläge die Minute, traute, da hatten sie schon einen sagenhaften Polterabend hinter sich. „Alles zerschmissen – du, sag mal, auch Waschbecken und Kloschüsseln?“ „Na klar, auch Waschbecken und Kloschüsseln“, denn es war ja der Engelhard, der heiratete. Der zu Weihnachten nichts kaufen musste, weil ihm die Leute im Dorf so viele Geschenke machten aus Dankbarkeit für die Badeöfen, Rohre und Wasserhähne aus Plastik, die er ihnen nach Feierabend eingebaut hatte.

Sie haben sich mit Wagen abholen lassen und rumpelten über die Feldwege in die Kirche. Das weiß Ruth Kriewall noch. Sie weiß noch, dass sie bei der Verlobung einen Blumen-Berechtigungsschein erhalten hatte, für den sie jetzt im Juni bloß Nelken bekam. Dass es ein sehr heißer Tag war.

Sie weiß nichts mehr von der Predigt, nur dass sie ruckeln musste, bis die Ringe saßen. Unter ihren Bund setzte Gauck seine Unterschrift ins Familienbuch: schwungvoll, leserlich, selbstbewusst.

Sie erinnert sich, wie sie dann zurückfuhren in das Bahnwärterhäuschen in Lüssow-Schleuse, wo Ruth aufgewachsen war. Zwei Akkordeonspieler spielten auf, und sie feierten, bis es am nächsten Morgen wieder hell wurde. Wer nicht mehr konnte, legte sich auf den Boden und schlief. „Wir auch“, sagt Engelhard.

Sechs Monate später taufte Joachim Gauck ihre Tochter.

Gauck war 29 und hatte selbst drei Kinder. Er fuhr mit seinem Motorrad über die Dörfer und sog dabei an seiner Zigarette, und Ruth Kriewall sagt, dass er so schon einen gewissen Eindruck hinterlassen habe. Persönlich. Nur bei den Leuten, die überhaupt mit ihm sprachen, natürlich. Denn die Kirche als Ganzes sei ja damals vollkommen irrelevant gewesen.

Aber dass sie beide jetzt mit einem einzigen gezielten Griff in ihre Wohnzimmerschrankwand ihre Stasiakten herausziehen können, ist natürlich tatsächlich eine Folge von Gaucks Arbeit.

Sobald es möglich war, forderten sie ihre Unterlagen an. Die Behörde hieß nach ihrem Pastor. Sie lasen, wie ihr Wohnzimmer ausgesehen hatte und wie die Stasi ihren Charakter sah. Sie kommen ganz gut weg. Ihre Spitzel müssen sie sogar ein bisschen gemocht haben. Aber dort stand auch, dass Engelhard Dinge nur tun würde, wenn er selbst einen Vorteil dabei hätte.

Ruth Kriewall musste ihre Akte persönlich in Schwerin abholen, weil eine Unterstellung drin stand, die den Ehefrieden hätte gefährden können. So rücksichtsvoll handelte diese Behörde.

Das sahen natürlich nicht alle so. Das Dorf zerfiel wie das ganze Land in Aufrechte und Umfaller, in Überzeugte, Beobachtete, Opfer und Täter. Viele wollten gar nichts wissen, damit der „Frieden“ nicht gestört werde. Aber Engelhard Kriewall stopfte seinem IM „Ernst“ erbost Kopien seiner Akten in den Briefkasten. Ruth schrieb ihrem IM einen Brief: Wie sie ihre Akten zu verstehen habe?

Gauck war über seine berühmten Predigten im Rostock der Wendezeit und mit seinem Aufbau der Stasiunterlagenbehörde zu einer Person der neuen Bundesrepublik geworden. Und es schien: Seine Kraft kam nie von oben, sondern von unten. Nicht von Gott, sondern von seinen Zuhörern, deren Beifall ihn bestärkte. In seiner Autobiografie erzählt er, wie er schon in Lüssow erlebte, dass er durch die Begegnung mit Menschen die Angst verlor. „Ich konnte geistlich wachsen und selbst etwas ausstrahlen.“ Er zählt die Menge, die ihm zuhört, 2500, „die bisher größte Menge“ in der Rostocker Marienkirche, 1989 sind es 5000. Hunderttausende forderten später ihre Unterlagen bei seiner Behörde an. Bei seiner ersten Kandidatur zum Bundespräsidenten 2010 erlebte er mehr Zustimmung in der Bevölkerung als der Gegenkandidat Wulff. 240 000 Menschen kaufen seine Autobiografie.

Es ist die Methode Echolot: Gauck bestimmt aus seiner Resonanz seine Position und sein Profil. Die eigene Größe liest er daran ab. In den vergangenen zwei Jahren reiste er in eigener Sache und las mehr als 200 Mal. Das Buch aus dem er liest: sein eigenes. Es handelt davon, wie ein Pastor sich selbst erlöst.

Immer wieder taucht darin das Wort „Ermächtigung“ auf: „Als ich die Angst verlor, vom Zweifel verschlungen zu werden, wuchs die Ermächtigung.“ Paradoxerweise musste ein Pastor nicht mehr auf einen Erlöser hoffen, weil die Kirche ihm die Möglichkeit gegeben hatte, sich selbst zu befreien. Es ging in ihr nicht um Demut, sondern um Mut. Es ging um die Freiheit, in einem sozialistischen „wir“ endlich „ich“ zu sagen.

„Ja“, sagt Glüer, „Ermächtigung ist eines seiner Lieblingsworte.“

Dietlind Glüer, Jahrgang 1937, hat als Gemeindepädagogin für die Kirche gearbeitet und in den 80er Jahren in dieser Funktion Joachim Gauck kennengelernt. Heute sitzt seine alte Bekannte in dem büchergesäumten Wohnzimmer einer denkenden Frau und fremdelt etwas mit ihrem Spitznamen „Mutter der Revolution“ in Rostock, obwohl es stimmt, dass sie es war, die die erste Veranstaltung des Neuen Forums in Rostock angeregt und moderiert hat.

Wenn man sie fragt, aus welchem Holz der Gauck geschnitzt ist, fällt ihr eine Szene ein: Bald nach der Maueröffnung wollten die Stadtoberen aus Bremen, der westdeutschen Partnerstadt, wissen, was los sei. Sie trafen sich mit den Rostocker Vertretern, „das waren natürlich noch die alten Genossen“. Als Gauck spitzbekam, dass sie in Warnemünde im Staatshotel „Stolteraa“ hinter dem Deich saßen, stieg er mit ihr ins Auto und fuhr hin. Mit wehendem Mantel sei er in das Treffen geplatzt: „Sie reden mit den Falschen – wir sind vom Neuen Forum und erwarten Sie nachher in der Petrikirche.“ Genauso kam es dann auch. „Ein paar Stunden später sind sie zu uns nach Rostock gekommen.“

„Sie reden mit den Falschen.“ Glüer wiederholt den Satz und lächelt noch heute ungläubig, weil in ihrem stillen Wohnzimmer noch ungeheuerlicher scheint, mit welcher Dreistigkeit der Jochen da reinstiefelte. „Das muss man erst mal machen. Wer redet denn so?“

Was es so besonders machte, war ja das persönliche Risiko, das der Redner trug. Das macht die Sätze mutig. Erst wenn jemand ohne Risiko so redet, wirkt es eitel.

Dietlind Glüer weiß, dass viele den mutigen Wendemann Gauck jetzt als eitlen Nachwendemann sehen. Gewundert hat sie sich, dass sich der Mann der Freiheit mit seinen 72 Jahren noch einmal für einen goldenen Käfig entscheidet. „Aber wenn man ihn braucht, dann lässt er sich brauchen“, sagt sie. Das war schon damals so, als sie ihm sagten, er müsse im Neuen Forum mitmachen. Sie sieht ihn noch, wie er auf einem DIN-A4-Blatt handschriftlich seinen ersten Wahlslogan neben sein Konterfei für das Bündnis 90 setzte: Freiheit. Wir haben sie gewollt. Wir gestalten sie.

Nach 1990 wurde die Kirchensteuer automatisch vom Lohn einbehalten. Die Kirche verlor Mitglieder. Es wurde deutlich: Sie war nur das Vehikel gewesen zur Befreiung ihrer Mitglieder, zur Erweiterung ihres persönlichen Spielraums, und jetzt bestand die neue Freiheit eben auch darin, aus ihr auszutreten. Die Kirche war enttäuscht, aber Glüer sagt: „Die Leute sind ja nicht bekehrt worden.“ Darum war es nie gegangen.

Joachim Gauck ließ sich 1990 vom Kirchendienst befreien, um in Berlin Leiter der Behörde für die Stasiunterlagen zu werden. Er trennte sich von seiner Frau.

Glüer blieb der Kirche treu und viele Oppositionelle ihren Themen. Gauck hatte in der Bundesrepublik am meisten Erfolg. „Wenn man es so verkürzt sagen will: Er hat ein paar Mal gut gepredigt.“ So sehe es für einige Kritiker jetzt aus.

„Die haben geackert und geackert, jahrelang“, sagt sie. Heiko Lietz zum Beispiel, der Oppositionelle mit seinem unermüdlichen Engagement für die Menschenrechte. Gaucks Arbeit heißt jetzt in den Klappentexten nur noch „Wirken“ – und Heiko Lietz wurde 1994 nicht einmal in den Landtag gewählt. „Da kommt jetzt noch einmal die Enttäuschung hoch“, sagt Glüer. „Jetzt, wo es ernst wird.“

Sie stutzt, wenn Gauck jetzt sagt, er wolle „ein Lehrer der Demokratie“ sein. „Er muss eigentlich die Leute nicht belehren.“ Er müsste eher ein Fragender sein. Seine besondere Stärke lag immer darin, anderen zuzuhören und dann deren Nöte in Worte zu fassen, sagt sie. So hat er als Pastor und als Figur der Wende den richtigen Ton getroffen. Nur dass Gauck nun schon seit über 20 Jahren nicht mehr „dem Volk“ zuhört, sondern sich in einer politischen Schicht befindet, die sein Echo ganz anders zurückwirft.

„Alle Themen, die er bespricht, gehen durch ihn hindurch“, sagt Glüer. Das ist seine biografische Stärke, seine Glaubwürdigkeit. Vielleicht aber auch seine Beschränkung. Viele Pastoren hätten sich in der DDR über das lächerlich niedrige Gehalt beklagt. „Er nie.“ Und deshalb mag es zwar arrogant klingen, wie er sich über materielle Sorgen mokiert, die Behauptung ist aber durch seine Person gedeckt.

Vielleicht rührt die Schärfe der Kritik, die in den vergangenen Wochen immer lauter wurde, auch aus dieser aufreizenden Fülle in Gaucks Leben. Da war von allem immer viel: drei Geschwister, vier Kinder, viel Familie, viele Zuhörer, viele Anhänger, viele Mitarbeiter, viel Ehre, viel Erfolg. Wer sich am eigenen Schopf auf dem Sumpf ziehen muss, freut sich über dichtes Haar. Und viele Haare hat Gauck auch noch.

Ab Sonntag wird Gauck zuständig sein für das ganze, große, gemeinsame Land. „Sein geliebtes Deutschland.“ Dietlind Glüer zieht „Deutschland“ spöttisch in die Länge. Sie ist am Abend vor der Wahl bei Gauck in Berlin eingeladen. Einmal noch, „bevor er in seinem goldenen Zaumzeug laufen muss“.

Wenn sie in ihrer Rostocker Wohnung aufblickt, sieht sie oben auf einem Bücherbrett Gaucks Autobiografie. Auf dem Cover ist natürlich er abgebildet, er steht fest und ruhig, aber merkwürdigerweise weht sein Trench trotzdem. Es muss wohl der Hauch der Geschichte sein.

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