Zeitung Heute : „Die Mikrowelle ist der Feind meiner Ohren“

Wenn Simone Young im Auto Klassik hört, verfährt sie sich. Rap mag sie gar nicht. Ihr Friseur muss afrikanische Chöre spielen. Aber sonst ist sie ganz unkompliziert.

Interview: Christine Lemke-Matwey Tanja Stelze

Interview: Christine Lemke-Matwey und Tanja Stelzer Simone Young, 43, ist die erfolgreichste Frau am Dirigentenpult. Die Australierin studierte Klavier und Komposition und kam 1986 nach Europa. Sie dirigierte bald an allen wichtigen Opernhäusern. Seit 2005 ist sie Intendantin der Staatsoper Hamburg. Young ist verheiratet und hat zwei Töchter.

Frau Young, Ihre Engagements haben Sie auf vier Kontinente geführt. Können Sie die Metropolen der Welt anhand der Geräusche unterscheiden?

Klar. London zum Beispiel ist unglaublich laut, aber witzig. Die Londoner haben einen skurrilen Humor, das hört man: Ständig hupt es.

Welche Stadt ist laut und humorlos?

Tokio. Nach einer Stunde in den Einkaufsstraßen von Shibuya werde ich wahnsinnig. Eine Ohrenqual, dieses Piepsen und die Werbung, die überall läuft – aber eine exotische Erfahrung für die Augen. Und mitten in diesem Irrsinn der modernen Stadt stößt man auf einen 200 Jahre alten Tempel, in dem es ganz leise ist.

Wie klingt Hamburg, Ihre Heimat seit einem halben Jahr?

Die Geräusche hier sind äußerst angenehm. Wir wohnen an der Außenalster, da hört man am Sonntagmorgen die Kirchenglocken und sonst gar nichts. Eine sehr stille Stadt, ich habe mich hier sofort zu Hause gefühlt.

Stille ist Ihnen wichtig?

Unheimlich. In unserer Wohnung ist alles so leise wie möglich. Unser Geschirrspüler flüstert, und ich liebe das Brummen unseres Wasserkochers, weil es sehr, sehr leise ist.

Der Feind Ihrer Ohren?

Die Mikrowelle. Ich benutze sie nie, weil ich das Geräusch hasse. Auch Musik im Hintergrund ist für mich schwer zu ertragen. Am schlimmsten ist es beim Friseur. Ich habe in jeder Stadt, in der ich bisher gelebt habe, einen Friseur gesucht und gefunden, bei dem die Musik passt.

Was ist so schlimm beim Friseur?

Die Auswahl, dass sich die Musik mit dem Föngeräusch vermischt. Rap kann ich gar nicht hören.

Was darf Ihr Friseur spielen?

Sie halten mich bestimmt für schwierig. Bin ich aber nicht. Ich höre nicht nur Klassik. Ich liebe Contemporary Jazz, afrikanische Chöre und klassische japanische Musik, solange es nicht die verweichlichte Version ist, die den Touristen verkauft wird.

Das wird Ihr Friseur kaum in seiner CD-Sammlung haben.

Glauben Sie mir: Mein Friseur darf alles spielen, außer, sagen wir, italienische Opernsänger und überhalligen Barock. Von mir aus auch Techno mit Fantasie, nicht dieses stupide Bumbum.

Es heißt, beim Autofahren hören Sie gern Pop.

Würde ich Klassik hören, ich würde mich bloß verfahren. Ich würde die Musik sofort analysieren: Das gefällt mir, das nicht, das war zu tief, oho, schon ist die Ausfahrt verpasst.

Es gibt Studien, wonach mehr Unfälle passieren, wenn man klassische Musik hört.

Sehen Sie! Da ist Pop viel besser, Sting zum Beispiel. Oder deutsche Schlager, die höre ich oft mit meinem Mann im Auto, weil wir die Texte so witzig finden.

Maestra, Ihr Debüt als Dirigentin gaben Sie 1985 in Sydney, da waren Sie 24 Jahre alt und eigentlich bloß Assistentin. Sie mussten für Ihren Chef einspringen und hatten nur ein paar Stunden, um sich vorzubereiten. Wie lernt man das: Dirigieren?

Die Grundsprache des Dirigierens kann ich Ihnen in zehn Minuten beibringen.

Bitte!

Das sind kleine geometrische Formen, die man schlägt. Sehen Sie auf meine Hände: Das ist die Eins und das die Zwei und das die Drei. Aber Schluss damit. Das ist die Technik, dann kommt die Kunst. Das Wichtigste ist vielleicht, dass man sich wohl fühlt in seiner Haut.

Haben Sie Ihre Gestik vor dem Spiegel geübt, oder sind Sie einfach raufgeklettert aufs Podest und haben die Arme in die Luft geworfen?

Das ist das Problem: Jeder Instrumentalist kann zu Hause proben, ein Dirigent übt, wenn er vor seinem Orchester steht. Anfänger in diesem Beruf zu sein, das ist wie Lehrer sein, und in der Klasse weiß jeder Schüler mehr als man selbst.

Woher haben Sie Ihre Körpersprache? Haben Sie sich bei Kollegen etwas abgeguckt?

Ich habe am Anfang viel mit Carlo Felice Cillario zusammengearbeitet, einem kleinen Argentinier, er ist eine echte Energiebombe. Aber ich konnte mir nichts abgucken. Er war Geiger, ich Pianistin, er war 75, ich 25. Wenn ich seine Gesten übernommen habe, kam dabei einfach nicht dasselbe heraus. Es ist ja so: Der Klang wird bestimmt von der Person, die dirigiert, von ihrer Gestik, vom Orchester, vom Saal. Ändert man ein einziges dieser Elemente, klingt es schon anders.

Später haben Sie mit Stuart Challender zusammengearbeitet.

Der war fast zwei Meter groß und hatte irrsinnig breite Schultern, von dem konnte ich fast nichts übernehmen, bloß das wunderbare Legato. Von James Conlon habe ich das elegante, lockere Handgelenk, mit dem er Verdi und Puccini dirigiert. Von Barenboim kommt meine Energie, wenn man ihm zuschaut, sieht man förmlich, wie er mit seinen ausholenden Bewegungen diesen schweren altdeutschen Klang im Orchester einsammelt.

Stimmt, sieht toll aus.

Aber es ist nicht so, dass man eine Geste sieht und denkt: Das sieht ja super aus. Es ist eher so: Man sagt: Wow, das klingt gut, was hat der da gemacht?

Wie wichtig ist der Taktstock?

Mozart dirigiere ich grundsätzlich ohne.

Warum?

Aus historischen Gründen. Zu seiner Zeit hat man vom Cembalo aus dirigiert, da gab es keinen Taktstock. Ich merke auch, dass ich den Klang so am liebsten mag, er ist dann elastischer. Andere Werke, die ungemeine technische Präzision verlangen, könnte ich nicht ohne Taktstock dirigieren. Das ist, als müsste ich ein Steak ohne Messer und Gabel essen. Geht auch, mag ich aber nicht. Pizza dagegen muss ich mit den Händen essen.

Haben Sie einen besonderen Taktstock?

Ich habe etliche Exemplare zu Hause und unterwegs immer zwei in meiner Tasche, weil ich sie manchmal zerschlage.

Sind Sie zu wild?

Ach was. Das passiert ja nicht am Pult, sondern wenn man den Taktstock nach einer Probe zwischen die Noten steckt oder irgendwo hinwirft. Beim Dirigieren fliegt einem das Ding bloß manchmal aus der Hand. Früher hatte ich immer Holzgriffe, bis mein Taktstock bei der dritten Vorstellung der „Elektra“ in München irgendwo im Parkett gelandet ist. Seitdem lasse ich meine Taktstöcke mit Korkgriffen fertigen, die sind nicht so rutschig, wenn die Hände schwitzen.

Taktstöcke nach Maß?

Ich lasse sie in Wien machen. Das letzte Stück vom Korken breche ich immer ab. Wenn das mein Lieferant wüsste. Natürlich könnte er sie auch gleich mit einem kürzeren Griff herstellen, aber ich mag das Ritual. Erst dann geht’s los.

Dirigenten gelten als Exzentriker. Karajan flog Düsenjäger und fuhr schnelle Autos. Welche Verrücktheiten leisten Sie sich?

Hohe Hacken. Ich habe einen richtigen Schuhtick.

High Heels richten auf – ist das der Grund für Ihre Leidenschaft?

Ich bin ja gerade mal 1,64, so werde ich ein bisschen größer. Solange mein Rücken und die Knie mitmachen, trage ich Stöckelschuhe.

Sie inszenieren Ihre Weiblichkeit. Dirigieren Frauen anders als Männer?

Ich glaube, Frauen sind grundsätzlich anders als Männer. Das hat mit dem Beruf nichts zu tun.

Dann müsste man den Unterschied auch hören.

Nein. Wäre das so, dann müsste man auch am Klang erkennen, ob meine männlichen Kollegen homosexuell sind oder nicht.

Vielleicht hat das nur noch keiner untersucht.

Ich finde die Frage uninteressant. Wir sind ja nur Interpreten, wir schreiben nichts dazu, sondern lassen unsere musikalische Meinung hören. Die hat mehr mit meiner musikalischen Herkunft und Erfahrung zu tun als mit meinem Geschlecht.

Sie mögen dieses Thema nicht. Gab es in Ihrer Karriere Musiker, die ein Problem damit hatten, dass Sie eine Frau sind?

Vor allem am Anfang. Heute trauen sie sich nicht mehr, es zu sagen. Als sie es noch wagten, war es manchmal sogar nett gemeint. Einmal kam einer zu mir und teilte mir mit, dass er bei der Abstimmung über den Hausdirigenten gegen mich gestimmt hatte, er wollte, dass ich das weiß.

Warum hat er gegen Sie gestimmt?

Er sagte, es liege nicht an meinem fachlichen Können, er hielt mich sogar für besser als viele Männer. Nur fand er es nicht passend, dass ein historisches Orchester von einer Frau geführt wurde.

Sie waren verletzt.

Als ich nach Deutschland kam, war ich 25, Ausländerin, eine Frau, und ich sprach sehr schlecht Deutsch. Ich habe mir gesagt: Okay, das Altersproblem wird sich von selbst lösen, dass ich aus Australien komme und eine Frau bin, kann ich nicht ändern, aber mein Deutsch kann ich verbessern. Das habe ich gemacht. Wozu sich den Kopf zerbrechen über Dinge, die man nicht ändern kann?

Dirigieren ist der erste und letzte autoritäre Beruf, hat Canetti mal gesagt.

Der Chefchirurg ist auch eine Autoritätsfigur.

Muss ein Dirigent autoritär sein?

Das Wort autoritär hat so einen negativen Unterton. Als ich am Anfang meiner Karriere mal mit einem Kollegen aus dem Orchester gemeckert habe, hat mir jemand den Rat gegeben: Autorität heißt Respekt erzeugen, indem du dein Können unter Beweis stellst. Das funktioniert. Doch wenn ich weiß, ich habe nur noch eine halbe Stunde, und das Stück muss funktionieren, dann bin ich womöglich etwas schroff.

Es gibt wahre Despoten unter den Dirigenten. Toscanini verfolgte seine Musiker bis aufs Klo.

Das war eine andere Generation. Heute wäre sofort der Betriebsrat da.

Die Methoden sind heute sicher subtiler.

Ach was, die vertikalen Hierarchiemodelle sind doch überall in der Arbeitswelt abgeschafft. Im Musikgeschäft gibt es allerdings eine Besonderheit: Am Abend muss der Dirigent führen. Da ist kein Platz für Demokratie.

Dirigenten sind also autoritär auf Zeit.

Im Orchester diskutieren wir nicht darüber, ob ein Akkord kurz oder lang sein soll. Es geht auch nicht an, dass ein Spieler aus den Tutti sich meldet und sagt, wenn ihm etwas nicht passt. Das würde nur zu Chaos führen. Aber selbstverständlich hat er das Recht und sogar die künstlerische Verpflichtung, seinem Stimmführer zu sagen, wenn ihm irgendwas nicht gefällt.

Es gibt heftige Auseinandersetzungen ...

… manchmal schon, über tempi, Bogenstriche, die üblichen Sachen. Aber am Ende sind wir alle Künstler. Die Musik bringt uns wieder zusammen, wenn wir in den Orchestergraben gehen.

Sie haben einmal gesagt, Mahlers Neunte zu dirigieren, habe Ihr Leben verändert. Was war da los?

Das war vorletzten Sommer. Bis dahin war mir der erste Satz ein völliges Rätsel, weil darin so viele Fäden miteinander verwoben sind. Ich sah die große Struktur nicht, bis ich die Sinfonie aus der Sicht von Alban Berg angeschaut habe, über den ich unglaublich viel gelesen habe und der dieses Werk liebte. Auf einmal war alles ganz klar.

Das klingt kühl, gar nicht nach Erweckungserlebnis.

Mahlers Neunte ist zutiefst emotional, aber man muss sie mit dem Intellekt verstehen, bevor man sich Gefühle erlauben kann. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal in die Nähe dieses Werks kommen würde. Dass es mir gelungen ist, war für mich der Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Ich war 43. Irgendjemand hat über den Schlusssatz von Mahlers Neunter geschrieben, es gehe darin um die Freuden der Jugend in der Erinnerung des extremen Alters. Das habe ich meinen 80-jährigen Eltern erzählt, die bei der Premiere im Zuschauerraum saßen. Mein Vater hat schöne Sachen dazu gesagt. In diesem Moment hat sich ein kleines Stückchen meiner Seele geöffnet.

Macht Ihnen das Alter Angst?

Es ist eher entspannend: Ich bin an einem Punkt angekommen, an dem ich bemerkt habe, dass Altern auch schön sein kann.

Frau Young, Sie gelten als Workaholic.

Ich arbeite sieben Tage die Woche 14 Stunden am Tag. Mein letzter Urlaub hat vier Stunden gedauert. Da sind wir nach Timmendorf gefahren und an der Ostsee spazieren gegangen.

Ihr Mann und Ihre zwei Töchter machen dieses Leben klaglos mit?

Meine Familie akzeptiert es. Wenn die Kleine, die jetzt acht ist, sieht, dass ich gestresst bin, bekomme ich eine halbe Schmusestunde extra.

Sie sagten mal, die Kindheit Ihrer älteren Tochter, die jetzt 18 ist, hätten Sie fast vollständig verpasst.

Das große Herumreisen fing an, als sie fünf war. Manchmal hat die Schule sie drei Wochen beurlaubt, damit wir uns sehen konnten. Aber wir haben nie Ferien miteinander verbracht. Dass sie das so toll überstanden hat, ist ihr großer Verdienst und natürlich der meines Mannes.

Was ist er von Beruf?

Gymnasiallehrer. Er hatte eine Teilzeitstelle, damit er sich um die Kinder und den Haushalt kümmern konnte. Wäre ich dafür verantwortlich, hätten wir am Wochenende einen leeren Kühlschrank, und die Kinder hätten nichts anzuziehen.

Haben Sie bei Ihrer kleinen Tochter etwas anders gemacht?

Sie ist die ersten drei Jahre immer mit mir gereist, wir waren nicht eine einzige Nacht voneinander getrennt. Als sie in die Schule kam, war es nicht mehr so einfach. Deshalb bin ich jetzt so froh: Wir haben zum ersten Mal fast ein normales Familienleben.

Fällt es Ihnen denn schwer, am Feierabend nicht mehr diejenige zu sein, die alles bestimmt?

Zugegeben, ich muss mich, wenn ich nach einer Probe nach Hause komme, kurz besinnen, damit ich nicht einfach Anweisungen rausgebe, sonst werden mein Mann und die Kinder ungehalten.

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