DIE MILCH MACHT’S : Warum ist die Milch wieder billiger?

Es ist schon ein Widerspruch: In vielen Ländern der Welt protestieren die Menschen gegen dramatisch gestiegene Lebensmittelpreise – und in Deutschland wird die Milch billiger. Um zwölf Cent pro Liter haben große Ketten wie Aldi, Lidl und Rewe den Preis für einen Liter Vollmilch zum Wochenbeginn gesenkt, die Packung ist jetzt wieder für 61 Cent zu haben.

Dabei hat sich an den Rahmenbedingungen auf den ersten Blick wenig verändert: Mit steigendem Wohlstand in Ländern wie China und Indien ist auch die Nachfrage nach Milch und Fleisch weltweit gestiegen. Wegen der höheren Nachfrage bekamen auch die deutschen Bauern im vergangenen Jahr erstmals seit Jahren wieder mehr Geld für ihre Milch.

Weil es sich lohnte, haben die Milchbauern die Produktion deshalb kräftig erhöht. „Es ist wieder mehr Milch auf dem Markt“, erklärt Michael Brandl, Geschäftsführer des Milchindustrie-Verbandes in Berlin. Die Produktion in der EU wird zwar seit 1984 durch eine Milchquote begrenzt, angesichts hoher Preise lohnte es sich aber für viele Bauern, trotzdem mehr zu melken und dafür eine Strafabgabe zu zahlen. 28 Milliarden Liter Milch hatten die deutschen Bauern 2007 insgesamt produziert. „In diesem Jahr werden wir auf jeden Fall mehr bekommen“, sagt Brandl.

Jetzt haben die Discounter auf das größere Angebot reagiert – und in Verhandlungen mit den Molkereien geringere Preise durchgedrückt. „Die Beschaffungspreise für Milch und Milchprodukte sind gefallen“, erklärt Aldi in großformatigen Anzeigen. „Deshalb senken wir ab sofort die Verkaufspreise für diese Artikel.“

Aldi ist traditionell der erste Händler, der die halbjährlich ausgehandelten Molkerei-Verträge unterzeichnet. Da der Discounter rund 20 Prozent der deutschen Trinkmilch verkauft, wird der Abschluss von den Wettbewerbern argwöhnisch beobachtet. „Das ist schon eine Hausnummer, da hängen sich die anderen ran“, sagt Verbandsmann Brandl. Lidl und Rewe haben bereits nachgezogen. Und auch Deutschlands größter Lebensmittelhändler Edeka, zu dem die Berliner Reichelt-Märkte gehören, will im Laufe der Woche die Milchpreise auf 61 Cent absenken, wie ein Sprecher am Dienstag bestätigte.

Der Bauernverband hat inzwischen das Kartellamt um Überprüfung gebeten, weil er nicht glauben mag, dass das zeitgleiche und identische Vorgehen der Handelsketten Zufall ist. Die Schuld an den fallenden Preisen gibt Bauernpräsident Gerd Sonnleitner vor allem Aldi. „Hier hat Aldi seine Marktmacht missbraucht, zum Schaden der Bauern“, schimpfte Sonnleitner im ARD-Morgenmagazin, der von „Raubtierkapitalismus“ sprach. Die Bauern befürchten, dass die Molkereien die Preissenkungen für den Handel direkt an die Bauern durchreichen. In Bayern gingen gestern schon mehr als tausend Milchbauern deswegen auf die Straße. Sogar mit einem Lieferstopp haben die Erzeuger bereits gedroht. Es dürfte aber schwierig werden, die Milch auf anderen Märkten loszuwerden: Wegen des teuren Euro sind die Exportmöglichkeiten begrenzt.

Ob die Milchpreise auf Dauer so niedrig bleiben – sie haben fast wieder das Vorjahresniveau erreicht – ist im Moment schwer vorauszusagen. Verbraucher müssten sich auf jeden Fall auf stärkere Preisschwankungen einstellen, heißt es beim Milchindustrie-Verband. Und schon im Herbst könnte die Milch wieder teurer werden. Maren Peters

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