Zeitung Heute : Die Minensucherin

Vera Bohle arbeitet beim Fernsehen, als sie von der Dresdner Sprengschule hört. Sie kündigt ihren Job – und geht nach Afghanistan.

Christine-Felice Röhrs

Das Schlimmste wäre, blind zu werden. Dass so ein Ding in die Luft fliegt, während sie sich drüber beugt wie eine Mutter übers Baby, mit zarten Fingern und wachem Blick. Dass sich der winzige, ausgeklügelte Zünder bewegt. Der Sicherheitshebel verrutscht, um dem Kügelchen Platz zu lassen, das zur Seite rollt und den Weg öffnet zwischen Zündnadel und Zündhütchen… Das Letzte, was sie gesehen hätte, wäre eine Handbreit Erde und eine Mine.

Wenn Vera Bohle im Ausland arbeitet, in Angola, Afghanistan, Kosovo oder Laos, schließt sie eine spezielle Krankenversicherung ab. Fast 1000 Euro im Monat kostet die, obwohl Frau Bohle bei der Arbeit eine Kevlarweste trägt und ein Schutzvisier aus Kohlefasern, das 12 Millimeter dick ist. Es gibt ziemlich wenig Kassen, die sich überhaupt darauf einlassen, Minenräumer zu versichern. Dabei sind gerade die keine Risikojunkies. Nach fast vier Jahren im Beruf hat Vera Bohle immer noch alle Finger. Sie weiß, dass die größte Gefahr ist, die Gefahr nicht mehr wahrzunehmen. Sie ist immer auf der Hut, bei jedem Schritt, und wer kann das schon von sich sagen, dass er jeden Schritt seines Lebens zählt und sich freut, wenn er nicht in die falsche Richtung geführt hat?

Ein Secondhand-Leben

Dresden, Sprengschule, ein Februarnachmittag, lange Flachbauten in einem Tal zwischen Felswänden, da, wo die Stadt schon ländlich ist. Für Vera Bohle hat hier vor fünf Jahren alles angefangen; diesmal macht sie einen Auffrischungslehrgang. Am Morgen hat sie ein Video gesehen vom Unfall in Berlin 1994, als eine russische 250-Kilo-Bombe in die Luft flog, „und sie haben mit Nahaufnahmen von den Leichen nicht gespart“, sagt Bohle mit einer kleinen Grimasse. Manchmal hat sie immer noch das Gefühl, in einer Parallelwelt gelandet zu sein, eine, die vor Testosteron nur so strotzt, voller Mordwerkzeuge, wo Frauen eigentlich keinen Platz haben. Wo Granathülsen statt Blumen auf dem Tisch stehen, üppige Nackte in Öl an der Wand hängen und daneben eine Dartscheibe. Und wer ein richtiger Mann ist, der steht nicht zwei Meter davor und wirft, sondern drei. Da, wo auf dem Boden steht „The bull starts here“.

Vera Bohle war schon immer eher ein Jungs-Mädchen. Nicht burschikos war sie, und bis heute wird sie noch schnell rot, aber eben auch kein Weibchen – stabil, könnte man sagen. Das hat ihr geholfen, als sie zum Exot in einer Männerwelt wurde, vielleicht auch die schiere Größe: fast 1,90 Meter misst sie. Bohle ist der Typ Frau, der einen Lkw-Führerschein macht, weil sie sich ärgert, dass nur die männlichen Kollegen die großen Wagen fahren dürfen. Da war sie noch Cutterin beim Fernsehen.

Vera Bohle war lange auf der Suche. Cutterin, Politikstudentin, TV-Journalistin – immer unverbindlich, bitte, immer freiberuflich. Aber sollte das alles sein? „Ich hatte früher immer das Gefühl, ein Secondhand-Leben zu führen“, sagt Vera Bohle und zieht sich die Jacke wieder an, in der Schule, Ort der harten Männer, wird nur spärlich geheizt: „Ich hatte das Gefühl, nur darauf zu schauen, was andere machen. Ganz massiv war das bei der Arbeit an Sportübertragungen. Immer die anderen siegen zu sehen…“ Aber wo und wer war sie selbst? Wie sich selbst definieren, die eigenen Kanten spüren in dieser watteweichen, westeuropäischen Welt, „mit dem Hintern dick in der Sahne“? Wie diesen vagen Drang unterbringen, zu helfen? Etwas Sinnvolles zu tun? Bohle macht Versuche, „mal ehrlich“ zu sein. Wochenlang reitet sie allein durch die Mongolei.

An so einem Punkt des Lebens braucht es einen Anstoß. Da liest Bohle eine Meldung über die Dresdner Sprengschule. Und plötzlich passt alles. Ein technischer Beruf. Reisen dürfen. Helfen können. Bohle gibt ihrem Leben einen Schubs. Sie lässt sich Prospekte über die Ausbildung zum Kampfmittelräumer schicken (Räumerin gab’s nicht), läuft zum Arbeitsamt, bis sie die Finanzierung hat, ruft gleich noch bei Hilfsorganisationen an, um zu fragen, welche Projekte für sie zukünftig in Frage kommen in der humanitären Minenräumung. Sie rauscht durch alle Widerstände und hinterlässt bass erstaunte Männer. Sie schubst so heftig, dass ihr von jetzt an das Leben praktisch vorausrennt.

Drei Jahre später ist sie in Afghanistan.

Spin Boldak, Juli 2002. Ein Munitionsdepot ist in die Luft geflogen, zehntausende Raketen, Granaten, Minen, Bomben liegen über Quadratkilometer Wüste verstreut, zum Teil schon explodiert, der Rest ist der Hitze ausgesetzt, der empfindliche weiße Phosphor, Füllung vieler Bomben, schwelt kurz vor der Selbstentzündung. Und Vera Bohle – nach dem 30., 40. Gang zum Sprengplatz nicht mehr ganz so aufmerksam – stolpert. Sie hatte eine 20-Kilo-Granate aufgehoben, ganz vorsichtig, hatte die Muskeln angespannt, spürte das Gewicht, musste das Ding exakt in der Position tragen, in der es gelegen hat, mit steifen, geraden Armen. Und die Gedanken schweiften ab, vor lauter Erschöpfung. Vera Bohle übersah eine Mulde, einen fürchterlichen Moment lang glaubt sie zu stürzen – da fängt sie sich wieder. Noch am Leben.

An die 10 000 Minen und andere Munition wird Vera Bohle wohl mittlerweile gesprengt haben. Knochenarbeit. Minenfelder räumt man in schmalen Spuren, quadratzentimeterweise, und man kriegt Muskelkater davon. Mit dem Metalldetektor ist Bohle ihre Korridore abgelaufen, und weil so ein Detektor ein empfindliches Gerät ist, piept er bei allem, bis zum kleinsten Splitter. Und dann musste sie wieder in die Knie, das Signal einkreisen, mit roten Klötzchen markieren, vorsichtig mit der Minensuchnadel stochern oder mit der Heckenschere freilegen.

Das Einmaleins der Minenräumung: Ist kein Zünder mehr dran, können Sprengkörper gefahrlos abtransportiert werden. Ist der Zünder noch dran und die Sicherung intakt, kann man Munition vorsichtig wegtragen. Ist der Zünder beschädigt: sofort sprengen. Und bloß kein noch so winziges Signal ignorieren, nur weil es das Tausendste ist, wer weiß, was da noch liegt, nur Zentimeter unter der Staubkruste vielleicht. Eigentlich müsste der Boden unter den Füßen ständig brennen. Aber das gibt sich. Permanente Angst übersetzt der Kopf irgendwann in stumpfe Leere. Nur bleibt die Angst irgendwo. Und muss dann hinterher raus.

Als sie aus Afghanistan wiederkam, hat Vera Bohle begonnen, aufzuschreiben, was sie erlebt hat – als einzige deutsche Frau im internationalen Geschäft übrigens; das Buch ist gerade erschienen („Mein Leben als Minenräumerin“, Krüger Verlag). Da war sowohl das Bedürfnis zu erzählen, was Minen anrichten, als auch das nach einer inneren Reinigung, sagt Bohle. Aber was sie dabei bleiben lässt, das ist auch nach 380 Seiten Lektüre noch nicht ganz klar.

Also, Frau Bohle. Sind Sie Idealistin?

Ein Kopfschütteln. Dann ein Nicken. „Nicht nur“, sagt Bohle schließlich vorsichtig. Und meint: Vollblut-Idealisten, unter Minensuchern verächtlich auch „treehugger“, Baumschmuser, genannt, gingen schnell zugrunde, wo Menschen sich für Menschen grauenhafte Tode und Verstümmelungen ausdenken: Minen, die „nur“ die Beine abreißen statt zu töten, weil verletzte Soldaten eine Armee stärker behindern als tote. Oder Springsplitterminen, die hochhüpfen, um vor dem Bauch zu explodieren. Und dann gibt es so viele und täglich mehr. In 82 Ländern liegen 80 Millionen Minen, vielleicht auch 100 Millionen.

Wie ist es also dann mit Pazifistin?

Zögern. „Ach, das ist ja heute fast so negativ belegt wie Emanze.“ Bohle muss lachen. Emanze hat man sie bestimmt schon genannt.

Es gibt eine Menge Typen im Job, mit denen die Deutsche rein gar nichts gemein hat – was manchmal auch einsam macht. Einige sind Soldaten, die für die humanitäre Minenräumung freigestellt wurden oder Ex-Militärs. Waffenfreaks und Munitionssammler sind auch dabei. Eine Frau, sagt Bohle, kommt hier nur durch, wenn sie Respekt hat – Respekt im ursprünglichen Sinn. Heißt: Leute so zu nehmen, wie sie sind. Weder zu lästern oder zu lachen noch zu versuchen, sie zu ändern. Vera Bohle hat diese Gelassenheit. Sie hat nichts gegen Männerwitze, sie trinkt Bier und hat schnell gelernt, Volleyball nach Minenräumerart zu spielen: tretend, rempelnd, kratzend. Sie ist der Typ Ärztin, ruhig, Distanz im Blick, aber auch Humor. „Sie hätten mal sehen sollen“, sagt sie und grinst, „als ich in Herat durchgesetzt habe, dass ich ein eigenes Auto bekomme. Da stand der ganze Hof voll Männer, die sehen wollten, wie ich das Ding vor die Wand setze.“

Minen mit Verfallsdatum

Vera Bohle hat rasant Karriere gemacht, was auch daran liegt, dass sie eine der wenigen im Job ist, gebildet und kommunikativ, die die Lücke schließen können zwischen Technik und Politik. Fünf Jahre nach dem ersten Lehrgang, mit 34, ist sie eine international bekannte Expertin. Auf Minenfeldern steht sie jetzt nur noch als Ausbilderin und Beobachterin. Des Freundes aber auch des Jobs wegen lebt sie zurzeit in Genf. Mission: Diplomaten überzeugen bei der CCW-Konferenz. Die beschäftigt sich mit „Certain Conventional Weapons“ – solchen, die keinen Unterschied machen zwischen zivilen und militärischen Opfern. Also zeigt Bohle Fotos, hält Vorträge und fordert Minen, die ein Minimum an Metall in sich haben, damit Detektoren sie finden können, oder Minen mit Verfallsdatum, damit sie nicht noch im Frieden töten. „Das ist eben die Realität“, sagt sie. „Ich bin Realistin. Man kann den Krieg nicht abschaffen. Aber man kann ihn freundlicher machen.“

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