Die  MITFAHRER : Ich kenne eine Abkürzung ...

Strecke: Berlin-Paderborn Dauer: 6 Stunden Auto: VW Kombi, rot Insassen: 4.

Philipp Stute

Für einen Mitfahrer ist der Winter die aufregendste Jahreszeit. Jetzt, wo das große Tauen beginnt, muss ich manchmal an Erwin denken.

Es war ein nebliger Dezemberabend, als sich vor einem Hotel in Mitte eine kleine Schicksalsgemeinschaft mit dem Fahrtziel Paderborn versammelte. Zur vereinbarten Zeit tauchte ein feuerwehrroter VW Kombi auf, und heraus sprang Erwin – ein kleiner Mann mit furchigem Gesicht und verwaschenem Sweatshirt. Mit mir stiegen eine blasse junge Frau und eine ältere Dame ein. Ich sollte in den kommenden Stunden wenig über sie erfahren. Angst macht nicht gesprächig.

Eigentlich redete nur Erwin, im Wesentlichen schimpfte er. Über die Berliner Politik, über unzuverlässige Mitfahrer, über das Wetter. Als wir die Autobahn erreichten, setzte heftiger Schneeregen ein. Auf dem Bordcomputer blinkte eine kleine Schneeflocke: Außentemperatur 1 Grad. Erwin störte das nicht. Sobald wir die tempolimitierte Stadtautobahn hinter uns gelassen hatten, beschleunigte er auf 180. Er sei immer froh, Berlin hinter sich zu lassen, sagte er. Wenn nur der Job nicht wäre, aber das könne man sich als Außendienstler halt nicht aussuchen...

Er raste jetzt bei einer Sichtweite von 30 Metern mit fast 200 Sachen durch die Finsternis. Der Schneeregen war noch dichter geworden, auf der Fahrbahn standen Pfützen. Ich spürte, wie das Auto immer wieder mit leisem Platschen aufsetzte und kurz die Bodenhaftung verlor. Es war ein beruhigendes Geräusch. Solange es platschte, wussten wir, dass das Wasser noch nicht gefroren war. Die junge Frau neben mir starrte stumm ins Schneegewirr, die Finger ins Polster gekrallt. Keiner von uns bremste Erwin. Wir hatten uns damit abgefunden, dass unser Leben am Gasfuß eines entfesselten Außendienstlers hing. Vielleicht sympathisierten wir auch insgeheim mit Erwins tollkühnem Versuch, die Naturgewalten zu bezwingen – eine Art Stockholm-Syndrom für Mitfahrer, nennen wir es Wunstorf-Syndrom. Dort nämlich, im niedersächsischen Nirgendwo, verließen wir die Autobahn. Er kenne da eine Abkürzung, sagte Erwin.

Wir jagten über Bundesstraßen und durch weihnachtlich beleuchtete Ortschaften, bis wir plötzlich irgendwo im Teutoburger Wald vor einem Warnschild standen: „Passstraße gesperrt. Lebensgefahr!“ Dahinter erhob sich ein weiß schimmernder Anstieg. „Schwachsinn, das steht dauernd da“, sagte Erwin – und umkurvte das Schild. Wir kamen ein paar hundert Meter weit. Dann drehten die Räder auf dem glatten Untergrund durch, langsam rutschten wir die Steigung hinab. Erwin hatte verloren. Wortlos wendete er. Auf dem langen Umweg nach Paderborn raste er kaum noch. Philipp Stute

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