Die  MITFAHRER : Launen der Natur

Von: Rio Tempisque nach Montezuma Dauer: Vier Stunden Auto: Isuzu, rot Insassen: Drei bis acht.

Diese Geschichte ist kein Ruhmesblatt für mich, dafür unvergessen. Vielleicht auch, weil mein Sohn mitfuhr, selbst wenn er noch gar nicht geboren war. Genaugenommen erfuhr meine Frau, die da noch nicht meine Frau war, erst am Tag vor unserem Abflug nach Costa Rica von ihrer Schwangerschaft. Wir reagierten ziemlich aufgeregt, wollten schon stornieren. „Fliegen Sie nur“, sagte der Arzt, „ist das Kind erst mal da, wird es dauern, bis Sie wieder ein Land mit dem Rucksack bereisen können.“

Zu sehen war noch nichts, aber die Mutter meines künftigen Kindes war in meinen Augen von nun an hochschwanger. „Lass uns ein Auto mieten“, schlug ich vor, „alles andere ist zu anstrengend.“ Bei einem lokalen Anbieter in San José erhielten wir einen viersitzigen Pick-up mit großer Ladefläche, den Wagentyp, den man in Costa Rica am häufigsten sieht. Nur, dass unserer nagelneu und lippenstiftrot war. Wir fuhren immer geradeaus, irgendwann standen wir am Rio Tempisque und setzten per Fähre auf die Nicoya-Halbinsel über. Wir wollten nach Montezuma, einen landesweit bekannten Hippietreff. Drüben wurde die Straße zur unbefestigten Piste. Der Urwald begann, wir verfranzten uns total. Entsprechend erleichtert registrierten wir ein halbes Dutzend fröhlich winkender Menschen am Wegesrand. Wir hielten, fragten einen nach dem Weg, derweil stiegen die anderen hinten auf die Ladefläche. Wir hörten Säcke scheuern und Kisten über unser neues, lippenstiftrotes Blech schurren.

Der neue Weg führte nicht nach Montezuma, er erwies sich als Sackgasse. Dafür stiegen Menschen ab und andere auf. Wir mussten wieder zurück zur Gabelung, ab und zu klopfte einer von hinten aufs Wagendach und brüllte „Parada“, was so viel bedeutet wie „Haltestelle“. Irgendwann saß nur noch einer auf der Ladefläche.

Dann fing es an zu regnen. Als hätte jemand den Hahn aufgedreht. Wir warfen einen Blick auf die schmale Rückbank, auf der unsere Rucksäcke aufrecht und trocken standen, und ich fragte, ob wir unseren letzten Passagier nicht reinbitten sollten. „Lieber nicht,“ sagte meine Frau, „der ist doch jetzt schon so nass.“ So ließen wir ihn hocken, wo er war.

Ich weiß nicht mehr, wie der kleine Ort hieß, an dem er schließlich abstieg. Tropfnass wie er war, ließ er es sich nicht nehmen, uns eine Cola zu spendieren. Wir standen uns also in der einzigen Kneipe noch ein paar Minuten gegenüber, bevor wir weiterfuhren. Eine verdammt beschämende Situation. Wir sind sonst nicht so, ich schiebs mal auf die Schwangerschaft.

Montezuma war übrigens ein furchtbarer Ort. Wir machten gleich wieder kehrt. Aber unser Sohn entwickelte sich gut, er ist heute 21. Andreas Austilat

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