Die  Mitfahrer : Showdown in Lederhose

Von: Berlin nach München  Dauer: 4 Stunden, 50 Minuten Auto: 5er-BMW Kombi Insassen: 5.

Philipp Stute
Dieses Mal: Strecke: Dresden–Berlin Dauer: 2 Stunden Auto: Opel Astra, silber Insassen: 5.
Dieses Mal: Strecke: Dresden–Berlin Dauer: 2 Stunden Auto: Opel Astra, silber Insassen: 5.Illustration: TSP

Als ich meine Mitfahrgelegenheit entdecke, ertönt vor meinem inneren Ohr ein kurzer Fanfarenstoß: 5er-BMW, Kombi, neuestes Model! In der Mitfahrer-Lotterie der Jackpot. Auf hundert rostige Studentenkarren und klapprige Kleinbusse kommt vielleicht ein Premiumprodukt der deutschen Autoindustrie. Ich begrüße den Fahrer und zwei weibliche Mitreisende, eine blond, eine braun bezopft, beide lächeln. „So“, sagt der Fahrer beiläufig, „dann fehlt ja nur noch einer.“ Die Mundwinkel der Mädels sacken nach unten.

Noch einer. Das heißt: Der Fahrer will drei von uns auf die Rückbank packen. Die Zopfträgerinnen verdrehen die Augen und murmeln Flüche. Fünf Stunden, dicht an dicht mit fremden Menschen, wehrlos allen Marotten und Körpergerüchen ausgeliefert, das ist nicht schön. Innerhalb von Millisekunden übernimmt mein Instinkt: Ich reiße die Beifahrertür auf, schmeiße meine Tasche auf den Sitz. „Ichgehdannmalnachvorne, wenn das okay ist.“ Mit einem gequälten Lachen schiebe ich noch hinterher: „Ihr seid ja viel schlanker als ich.“ Stumm starren die beiden zurück. Ich schlüpfe schnell in den Wagen, um weiteren Augenkontakt zu vermeiden.

Der dritte Beifahrer trifft ein, los gehts. Der Fahrer tut mir jetzt schon leid. „Und, wo müsst ihr aussteigen?", flötet er. Lange Stille. „Egal. Hauptsache schnell“, zischt es von der Rückbank. Dann herrscht Schweigen. Zweieinhalb Stunden lang. Nur hin und wieder dringt unheilvolles Tuscheln nach vorn.

Als wir gerade die thüringische Ortschaft Lederhose passieren, melden sich die Unzufriedenen. „Vielleicht mal endlich Pause? Hier ist es nicht so gemütlich wie bei euch!“ Der Fahrer steuert auf einen einsamen Parkplatz. Kaum sind wir ausgestiegen, startet die Meuterei. Die beiden Mädels bauen sich vor dem Fahrer auf. Asozial und das Allerletzte sei es, sie ohne Vorwarnung auf eine überfüllte Rückbank zu locken. Mit glühenden Pausbacken stammelt der Fahrer eine Begründung. Der dritte Rückbänkler und ich versuchen unbeteiligt zu gucken. „Showdown in Lederhose“, klingt fast wie ein Softporno aus den 70er Jahren, denke ich. „Was wird als Nächstes geschehen?“, fragt eine tiefe Filmtrailer-Stimme in meinem Kopf. „Jagen die Meuterer den BMW-Kapitän über die Leitplanke und übernehmen das Steuer?“ Dann wird mir bewusst, dass sie mich wahrscheinlich schnurstracks hinterherjagen würden.

Zeit für Diplomatie. „Hey!“, rufe ich dem Fahrer zu. „Wie wärs, wenn du 25 Euro für die Fahrt nimmst statt der vereinbarten 30. Als kleine Entschädigung?“ „Klar“, presst er hervor. Die Aufständischen nicken und steigen wortlos ein. Ich darf vorn sitzen bleiben. Philipp Stute

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