Die  MITFAHRER : Stille Tour

Von: München nach Berlin Dauer: 4 Stunden, 30 Minuten Auto: Audi A3, schwarz Insassen: 4.

Olaf Spaarmann

Alles, was ich weiß, ist, dass mein Fahrer gehörlos ist. Ob das ein Problem für mich sei, fragte die Tochter am Telefon. Ich dachte nach, um ehrlich antworten zu können. Mir fiel zunächst nichts ein. Warum auch?

Erst jetzt – ich stehe an einer tristen Ausfallstraße am Rand von München und warte auf die Ankunft meiner Mitfahrgelegenheit – denke ich an mögliche Probleme: Was, wenn ich auf die Toilette muss und er mich nicht versteht? Wenn ein Unfall passiert? Ob ich acht Stunden auf engstem Raum in Stille aushalte?

Vielleicht könnte dies aber auch endlich mal eine angenehme Fahrt werden. Eine kurze Geste, und man kann sich die ganzen Gespräche sparen. Mir wird in Mitfahrgelegenheiten immer meine Höflichkeit zum Verhängnis. Die anderen reden, ich nicke, wiege den Kopf, stimme zu und hoffe leise, dass mein Sitznachbar endlich begreift: Nur weil man vier Kubikmeter Luft teilt, muss man nicht alles andere auch teilen.

Da war der Manager in seinem Phaeton, der mich als persönlichen Alleinunterhalter mitgenommen hatte, oder die Sitznachbarin, die mir jeden einzelnen Vollrausch detailliert beschrieb, bis ich nach Stunden meine Erziehung vergaß und zischte „Wir spielen jetzt das Stille Spiel, ok?“. Oder die dramatischen Fälle, die einen nach stundenlangem Ausflug in ihre Lebensmisere mit flauem Gefühl und weichen Knien in die Nacht entlassen.

Diese Fahrt ist anders. Die beiden Mitfahrerinnen schlafen nach kurzer Zeit ein. Ich sitze vorn und nicke dem Fahrer freundlich zu. Ein etwa 40-jähriger Mann, mit schwarzen Locken, speckiger Lederjacke und dem Fahrstil eines SEK-Beamten auf dem Weg zum nächsten Einsatz. Interessant, was man aus einem Audi rausholen kann.

Ich frage mich, ob es unhöflich ist, nichts zu sagen. Aber Lippenlesen bei Tempo 200 ist vermutlich keine gute Idee. Also schweige ich. Er natürlich auch. Das nächtliche Deutschland zieht vorbei – Fernfahrertristess, Erotikshops, Windräder, ein bisschen Wald und Dörfer – aus dem Radio die beruhigende Stimme des Verkehrsfunks. Ich döse vor mich hin. Wundervoll.

Nach 100 Kilometern passiert etwas Merkwürdiges: Es stört mich. Plötzlich will ich mich unterhalten. Will ihn fragen, ob er schon immer gehörlos war. Ob er auf einer besonderen Schule war. Was andere Leute darüber denken. Wie er sprechen gelernt hat. Ob er sich Sorgen gemacht hat, dass seine Tochter auch gehörlos sein könnte. Aber die einzigen Worte, die in dieser Nacht gesprochen werden – unbeholfen, aber bestimmt spricht er sie aus – sind „Gurt!“, „Pause?“, „Bahnhof!“ Olaf Spaarmann

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