Zeitung Heute : Die Mittelschicht schrumpft

DIW-Studie zeigt langfristigen Trend / Forscher kritisieren Sparpaket: Nur untere Einkommen belastet

Berlin - Die Kluft zwischen hohen und niedrigen Einkommen in Deutschland wird immer größer. Damit einher geht die Sorge, dass die Mittelschicht in Deutschland immer weiter schrumpft. Das ist das Ergebnis einer Langzeitstudie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Der Studie zufolge, die die Entwicklung der Einkommen zwischen 2000 und 2009 nachzeichnet, stieg sowohl die Zahl der Armen als auch die der Reichen an. „Dieser Trend verunsichert die Mittelschicht“, erklärten die DIW-Experten Martin Gornig und Jan Goebel, „eine starke Mittelschicht ist aber wichtig für den Erhalt der gesellschaftlichen Stabilität“.

Im vergangenen Jahr gehörten demnach nur noch 61,5 Prozent der Deutschen zur Mittelschicht mit einem Nettoeinkommen von 860 bis 1844 Euro im Monat. Im Jahr 2000 waren es 66,5 Prozent. Im selben Zeitraum stieg die Zahl der Menschen mit niedrigem Einkommen von 18 auf 22 Prozent. Während ein Singlehaushalt der unteren Einkommensgruppe im Jahr 2000 noch 680 Euro im Schnitt verdiente, waren es 2008 nur noch 645 Euro. Gleichzeitig ist der mittlere Verdienst höherer Einkommensgruppen gestiegen: von 2400 auf 2700 Euro.

Als Hauptursache für das Auseinanderklaffen nannten die Forscher die Entwicklung auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Sinke die Zahl der Beschäftigten, erhöhe sich die Zahl der Menschen mit niedrigeren Einkommen. Durch die Arbeitsmarktmaßnahmen im Krisenjahr 2009 konnte ein noch größeres Anwachsen der Kluft verhindert werden. Aber die Autoren der Studie sehen im Schrumpfen der Mittelschicht einen „langfristigen, relativ gleichmäßigen“ Trend. Und dieser sei besorgniserregend.

Scharf kritisierte DIW-Experte Goebel deshalb den Zuschnitt des geplanten Sparpakets der Bundesregierung: „Die bisher gemachten konkreten Vorschläge betreffen nur die unteren Einkommen.“ Angesichts der wachsenden Zahl von Reichen müsse auch über Sparbeiträge dieser Gruppe nachgedacht werden. Dieser Kritik schlossen sich der Sozialverband VdK und der Deutsche Gewerkschaftsbund an. Auch Grüne und SPD nahmen die Studie zum Anlass, um das Sparprogramm zu kritisieren. „Damit wird die Soziallüge der Bundesregierung klar entlarvt“, sagte SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles. CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich erklärte dagegen, die Sparvorhaben würden „in allen Punkten umgesetzt, da gibt es nichts zu wackeln“. Aber auch er nannte die Studie „besorgniserregend“.

In der deutschen Wirtschaft steigt derweil die Zuversicht. Erstmals seit der Verschärfung der Finanzkrise im Herbst 2008 beurteilten mehr Firmen ihre Lage positiv als negativ, wie aus einer Umfrage des Wirtschaftsverbandes DIHK unter 22 000 Unternehmen hervorgeht. „Der Export hievt die Wirtschaft aus der Krise“, sagte DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben am Dienstag. Als positives Zeichen wertete er vor allem die Investitionspläne. Jedes vierte Unternehmen gab an, mehr Geld ausgeben zu wollen. Chemieindustrie, Auto- und Medizintechnik liegen hier an der Spitze. Der DIHK prognostizierte ein Wachstum von 2,3 Prozent. Damit könne die Arbeitslosenzahl auf 3,2 Millionen im Jahresschnitt sinken, hieß es. Auch in Berlin steigt die Zuversicht: Ein Drittel der Firmen in der Stadt bezeichnete die Geschäftslage als gut, nur jedes achte Unternehmen hielt sie für schlecht.

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