Zeitung Heute : Die Moderne missverstehen

Wie ein Berliner, Ost, diese Stadt erleben kann

David Ensikat

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Erinnert sich noch jemand an den letzten Kirchentag? Der war im vergangenen Sommer hier in Berlin, und – jetzt, ein halbes Jahr später, kann ich’s ja sagen – er hat mich schon sehr an den Mai 1989 erinnert. Da hat die Freie Deutsche Jugend in Ost-Berlin ihr Pfingsttreffen gefeiert, und überall liefen Leute mit albernen Halstüchern herum. Als hätte das blaue Hemd nicht als Stigma des Ichmachjedenmistmit genügt, trugen die Staatsjugendlichen auch noch bunte Halstücher, welche die DDR-Konsumgüterproduktion in hinreichender Menge bereitgestellt hatte. Die Halstücher riefen: „Hallo, mich trägt ein Pfingsttreff-FDJler, einer, der Ja sagt zu Erich Honecker und Nein zu Ronald Reagan, Wolf Biermann und Pinochet, einer, der was werden will in unserer DDR!“ Es waren sehr viele Staatsjugendliche mit doofen Halstüchern unterwegs damals, so viele, dass ich an sie denken musste, als sich 14 Jahre später die Kirchentagsmenschen durch Ganz-Berlin lächelten. Die trugen auch lächerliche Halstücher, Halstücher, die riefen: „Hallo, hier kommt ein guter Mensch, einer, der gerne singt und lacht und fröhlich ist, vor allem wenn er Ja sagt zu Gott und allen anderen Guten. Wenn er Nein sagt, zu Krieg, Hunger und Umweltzerstörung zum Beispiel, singt er auch gerne!“

Klar, der Mensch ist ein Herdentier, aber ist es nicht ein Mitbringsel der Moderne, dass er dazu nicht mehr unumwunden steht? Er wäre doch so gerne Unikum, jeder ganz für sich allein, je moderner, desto einzigartiger. Okay, das mit der FDJ und überhaupt die DDR, das war ein Sonderfall, da waren sie auf eine Weise modern, dass sie einander keine Wahl ließen. Da mussten sie die Halstücher tragen. Aber die Kirchentagler, die mussten nicht. Die zahlten sogar Westgeld für ihre Tücher.

Was soll man denn von einer westlichen Moderne halten, die Kirchentagstücher hervorbringt?

Aber jetzt kommt’s noch bunter: Jetzt kommt das MoMA nach Berlin, das Museum of Modern Art. Und weil das sehr modern ist, haben sie auch ordentlich Merchandising-Kram parat. Zum Beispiel Halstücher. Rosafarbene mit goldenem Faden durchwirkt, made in India. „Da hoffen wir auf Identifikation – ähnlich wie bei den Besuchern des Kirchentages mit ihren Halstüchern“ – sagt Jörg Klambt, der sich das Merchandising fürs Berlin-MoMA ausgedacht hat. Vom Pfingsttreffen ’89 sagt er nichts, vielleicht war er ja gar nicht dabei.

Warum sollen sich Leute eigentlich mit einer Ausstellung identifizieren? Weil sie zehn oder zwölf oder 27 Euro Eintritt bezahlt haben? Um den anderen zu sagen: Ihr mit euren Steinzeitmalern, mit eurem Rubens und eurem Breughel, euch husten wir eins? Vielleicht gibt’s zum Ende der Ausstellung im September ja ein riesiges Happening vor der Nationalgalerie, bei dem sie Schönberg spielen und Ausdruckstänze tanzen, und da stehen dann die Fans der Moderne dicht gedrängt vor der Bühne, schwenken ihre rosa Tücher im Zwölftontakt und geloben einander, der Moderne die Treue zu halten, alle gemeinsam, Tuch an Tuch.

Die Moderne in Berlin: Neue Nationalgalerie, 20. Februar bis 19. September. Di., Mi., So. 10-18 Uhr, Do., Fr., Sa. 10-22. Eintritt: 10, am Wochenende 12 Euro, VIP-Tickets 27 Euro. Rosa Tücher im Museums-Shop.

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